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Nichts als Ambivalenzen … Versuch einer kritischen Reflexion des Flughafen-Aktionstags am 23. Oktober 2009 Am 23. Oktober konnten Passagier_innen am Flughafen Wien-Schwechat ungewöhnliche Dinge beobachten: Flugbegleiter_innen, die Tipps gegen Abschiebung vermittelten, parolenschreiende Radfahrer_innen, Transparente an allen Ecken und Enden. Im Vorfeld hatte die Gruppe noborder vienna, zu der auch die Autorin gehörte, eine Veranstaltungsreihe organisiert, die inhaltliche Vorträge zum europäischen Grenzregime und der österreichischen Abschiebepraxis ebenso umfasste wie Anläufe zur Aktionsplanung. Wir wollten damit versuchen eine direkte Verbindung von inhaltlicher Auseinandersetzung und Aktivismus zu schaffen. Gelungen ist das nur teilweise. Zwar wurde der Aktionstag damit wohl auch Personen über den doch recht engen Kreis der antirassistischen Aktivist_innen in Wien hinaus bekannt, kaum gelungen ist es allerdings, diese Menschen dann auch für den Aktionstag selbst zu gewinnen. Der Flughafen wurde schließlich – viel umfassender, kreativer, lauter und bunter, als wir uns das zu wünschen gewagt hatten – doch wieder v.a. von bekannten, großteils mehrheitsösterreichischen antirassistischen Aktivist_innen „bespielt“. Es ist klar, dass das in erster Linie an der von uns gewählten Aktionsform lag. Allerdings: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der symbolische Angriff auf einen der zentralen Punkte des österreichischen Abschiebesystems eine sinnvolle Strategie ist. Nur ist antirassistischer Aktivismus ohne Ambivalenzen – zumindest für Mehrheitsösterreicher_innen – nicht zu haben. Darum soll es im Folgenden gehen – geschrieben aus der schwierigen Perspektive einer, die nicht nur für sich, aber auch nicht für alle spricht. Formales: Warum ein Aktionstag? Für mich ist es wichtig, noch einmal über die gewählte Aktionsform nachzudenken: Ein Aktionstag, dessen Konzeption auf selbstorganisierte, autonom agierende Kleingruppen abstellt, ist eine in der autonomen Linken etablierte Praxis, die bei allen Teilnehmer_innen ein bestimmtes Wissen (was ist eine Bezugsgruppe und was sind mögliche Aktionsformen …) voraussetzt. Dazu kam – bedingt durch die mangelnde Erfahrung mit politischem Protest am Flughafen – unsere Unsicherheit in Bezug auf mögliche (zum Glück völlig ausgebliebene) Repression. Diese Situation beschränkte von vornherein den Kreis derjenigen, die sich am Aktionstag beteiligen konnten – gerade auch Personen mit irgendwie prekärem Aufenthaltsstatus wurden damit de facto ausgeschlossen. Dass wir trotz dieser Ausschlussmechanismen am Konzept „Aktionstag“ festhielten, war wohl auch ein Effekt der Zusammensetzung der Vorbereitungsgruppe. Die Schwierigkeit, als mehrheitsösterreichische Gruppe antirassistisch zu arbeiten, war uns durchaus bewusst. Wir mussten und müssen uns die Frage stellen, wie rassistische Ausschlussmechanismen auch in unserem Umfeld wirken und dazu führen, dass auch diese Gruppe sie reproduziert. Trotz dieses Widerspruchs haben wir beschlossen weiterzuarbeiten, denn auch wenn die Auswirkungen von Rassismus Migrant_innen Probleme bereiten, ist Rassismus an sich ein Problem der Dominanzgesellschaft, dessen Bekämpfung nicht zur Aufgabe jener gemacht werden darf, die rassistisch ausgegrenzt werden. Inhaltliches: Warum das Thema „Abschiebung“? Inhaltlich muss die Konzentration auf das Thema „Abschiebung“ kritisch beurteilt werden. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe versuchten wir zwar, einen breiteren Kontext aufzuzeigen, doch schon der gewählte Titel „Abschiebung abschaffen!“ macht unseren Fokus klar. Auch hier nichts als Ambivalenzen. Ja: Abschiebungen sind der deutlichste und sichtbarste Ausdruck des staatlichen Rassismus und als solcher ein wichtiges Ziel antirassistischer Aktionen. Aber: Bloß Abschiebungen verhindern zu wollen ist zu wenig und greift viel zu spät. Es muss darum gehen, das Prinzip des Nationalstaats, sein Pendant auf EU-Ebene mit allen seinen Folgen – militarisierte Grenzen, Abschottung und (als ihre Kehrseite) Rechtlosigkeit – und die kapitalistische Ausbeutungslogik grundsätzlich anzugreifen. Wie gut es uns gelungen ist, diesen Zusammenhang zu vermitteln, müssen andere beurteilen. Migrant_innen gelang und gelingt es als Menschen mit Zielen, Wünschen und Fähigkeiten, mit Kreativität, Energie und Mut stets die rassistischen Ordnungsphantasien der Migrationskontrolle (oder moderner: des Migrationsmanagements) zu unterlaufen. Ein Ziel war es, sich mit ihnen und ihrem Widerstand zu solidarisieren. Gerade als privilegierte Mitglieder der Dominanzgesellschaft fühlten wir uns daher zum politischen Handeln verpflichtet. Ich glaube, dass der Umgang mit Privilegien gerade darin bestehen muss, sie als solche abzuschaffen – das heißt, sie für alle zugänglich zu machen. Symbolische Aktionen sind eine von unzähligen möglichen Formen des antirassistischen Engagements – und die, die wir dieses Mal gewählt hatten. online seit 01.02.2010 09:57:48 (Printausgabe 49) autorIn und feedback : Steve – Aktivistin von noborder vienna Links zum Artikel:
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