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  Audimaxismus und Tupperware?

Über den eher verzweifelten Versuch der etablierten Medien, die Studierendenbewegung 09 zu verstehen.

„In Wien haben die Studentenproteste von der Akademie der Bildenden Künste heute auf die Universität übergegriffen. Im größten Hörsaal, dem Audimax, befinden sich derzeit etwa 1000 Studenten. Sie protestieren dort gegen drohenden Bildungsabbau. Mittlerweile hat die Polizei Beamte vor der Uni postiert.“

So trocken lautete die Meldung im Ö3-„Journal um Fünf“ am 22. Oktober, nichts deutete vor einem Monat daraufhin, dass dies der Auftakt für wohl die bedeutsamste studentische Bewegung in Österreichs Nachkriegszeit werden würde.

JournalistInnen und KommentatorInnen, die es gewohnt sind, die einzigen InterpretInnen der politischen Realität zu sein, waren gezwungen, binnen weniger Tage eine Meinung zu Bildungspolitik, Basisdemokratie, Facebook und vieles mehr zu entwickeln und sich dann auch noch pro oder kontra zu den Protesten zu positionieren.

Dabei spielen selbstverständlich ökonomische Aspekte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Krone entschied sich für Ablehnung, bewusste Falschinformationen, sogar für ein Deutschen-Bashing, „Heute“ und „Österreich“ versuchten sich selbst in die Bewegung reinzuschwindeln, „Österreich“ entblödete sich nicht, in der eigenen Zeitung Studis zu Wort kommen zu lassen, die „Österreich“ als die einzige Zeitung beschrieben, die objektiv berichte. Zu spät dran war der Falter, der in der ersten Woche des Protests mit einem Meinl-Interview coverte, das von einer Kronejournalistin geführt wurde, das Profil setzte auf eine janeinweissnicht-Strategie und verärgerte alle. Diese Entscheidungen fielen in den Chefredaktionen, was einzelne JournalistInnen dann schrieben, waren Nuancen.
Schon sehr bald wurde auch klar, dass Bildung zum längerfristigen Top-Thema würde, was auch bedeutete, dass die größten Inserate in den Tageszeitungen direkt neben den Artikeln über die Proteste platziert wurden, es stellt offensichtlich keinen Widerspruch dar, die Studierenden gegen die Drittmittelkommerzialisierung argumentieren zu lassen und daneben ein Kontoangebot einer großen Bank zu platzieren.

Neben der ökonomischen Blattlinie schimmert natürlich auch immer die sozioökonomische und soziokulturelle Lage der Schreibenden durch. Die krasseste Arroganz war von Christian Rainer vom Profil zu lesen: „Was sich da abspielt, hat so viel revolutionäres Potenzial wie eine Tupperware-Party, den kindlichen Charme eines Krippenspiels.“ (profil, 2.11.), und wurde eine Woche später von seinem Kollegen Peter-Michael Lingens unter Berufung auf seinen 21-jährigen Sohn bestätigt: „Natürlich hat auch mein jüngster Sohn, 21, Student der Politikwissenschaften, im Wiener Audimax vorbeigeschaut. Aber offenbar fällt der Apfel nicht weit vom reaktionären väterlichen Stamm: Anders als Georg Hoffmann-Ostenhof, der meint, dass die Studenten „wissen, was sie tun“, nahm er eher Christian Rainers Eindruck einer chaotischen Tupperware-Party auf hohem Bierniveau mit nach Hause. Sein Urteil über den Zustand der Wiener Universität (die er mittlerweile gegen die Webster University getauscht hat) stimmt freilich voll mit dem der Besetzer überein.“

Schöner könnte man mit Qualitätsjournalismus verwechselte, patriarchale Eitelkeit nicht beschreiben. Ähnlich tapfer qualitätsvoll stemmen sich nur manche Pressejournalisten gegen die Bewegung.

Ungewollt innovativ war Presse-Leitartikler und Mölzer-Fan Oliver Pink, der am 31. Oktober unter dem Titel „Der Audimaxismus“ schrieb: „Jeder anderen Berufsgruppe, die einfach tagelang ihren Arbeitsplatz besetzt, würde man das nicht so ohne Weiteres durchgehen lassen .Studieren zu dürfen ist ein Privileg. Die Allgemeinheit zahlt dafür, dass sich einige Bürger mehr an Wissen und Bildung aneignen können als andere. Der Steuerzahler darf sich also dafür Leistung erwarten - eine Botschaft, die beim harten Kern der Uni-Besetzer eher nicht ankommt. Es dürfte doch eher so sein, dass die schweigende Mehrheit der Studenten ganz und gar nicht aufseiten der Audimaxisten steht.“ . Ob das Transparent „Audimaxismus!“ schon vor dem 31. 10. im Audimax hing, ist unklar. Von Pink jedenfalls in denunziatorischer Absicht verwendet, wurde der Begriff vom Falter („Mehr Audimaxismus braucht das Land“ – 4.11.), der Tiroler Tageszeitung („Gelebter Audimaxismus“ – 5.11.), den Salzburger Nachrichten ( „Ein zweites Hainburg im Audimax – die Bürgerinitiative „Audimaxismus“ funktioniert“ – 6.11.) von der Berliner TAZ („Einführung in den Audimaxismus“ – 5.11.), vom ORF, der neuen Züricher und von der Bewegung selbst positiv gewendet übernommen und mittlerweile zur Wahl des Worts des Jahres 2009 nominiert. Die Bewegung steht den Medien insgesamt auch sehr gelassen gegenüber. Da sofort die eigene Medialisierung über Facebook, Twitter, Studivz und den perfekt funktionierenden Live-Stream organisiert wurde, traten sie gegenüber den etablierten Medien nie als Bittstellerin auf. Stermann und Grissemann wollten ein „Willkommen Österreich“ dort drehen, „Im Zentrum“ wollte einen Live-Einstieg machen, beides wurde selbstbewusst abgelehnt, niemand wolle als Kulisse für andere Inszenierungen fungieren.

Basisdemokratie von einem anderen Stern?

Besonders neugierig und misstrauisch beobachten die Medien die Entscheidungsfindungen der Bewegung. Von chaotisch und unorganisiert war da oft die Rede und von uneffizienten Entscheidungsstrukturen. Gleichzeitig wird bemerkt, dass die autoritären Top-Down-Entscheidungen, ein wesentlicher Grund der Unimisere sind. (E.Nemeth , derStandard 6.11.). Der Überfluss an AnsprechpartnerInnen erfordert mehr Engagement von den Medien, sich selbst dem Prozess auszusetzen und hat dafür gesorgt, dass in „Zur Sache“, „Thema“ „Kreuz und Quer“, „Journal Panorama“, und vielen Nachrichtensendungen mehr junge eloquente Frauen als politische Subjekte zu Wort gekommen sind, als je zuvor. Es war auch deutlich zu erkennen, dass dies bei manchen einen Hauch von Aufbruchsstimmung auslöste („Wir haben zwei StudentInnen hier, wie das gegendert heißt“, so Ingrid Thurnher, „Im Zentrum“, bei der Begrüßung einer Audimax-Besetzerin und dem CV-Vorsitzenden)“. Immer wieder werden in den Medien Beteiligte zitiert, die behaupten, sie wären unpolitisch, was durch die Wiederholung nicht wahrer wird. Selbst der renommierte Österreich-Korrespondent der Neuen Zürcher, Charles Rittenbrand schreibt: „Dieser „–ismus“ is unpolitisch und meilenweit entfernt von jeder Ideologie, auch wenn mit dem Audimaxismus bewusst oder unbewußt an den Austromarxismus angespielt wird, der großen Erneuerungsbewegung der Zwischenkriegszeit“. (NZZ, 13.11.) Euphorisch und durchaus qualitätsvoll wird die neue Qualität der Bewegung von Martin Blumenau (fm4) – abgesehen von seiner nervigen Absolutierung alles Gebloggtem - und Florian Klenk (falter) in Bezugnahme auf den schlicht-spektakulären Vortrag der Politikwissenschafterin Verena Ringler, als Labor einer neuen Gesellschaft, das weit über eine Protestbewegung hinaus geht, beschrieben. Conclusio von Verena Ringler, die das Audimax emphatisch als „Österreich 2.0“ beschreibt und prognostiziert, dass es auch nach Weihnachten noch besetzt sein wird, weil „es prozesshaft wie Europa ist, es hochqualitativ wie ein Center of Excellence ist, und es partizipativ wie 2.0 ist."

Die erstaunlichste und für die eitle JournalistInnenzunft geradezu sensationelle und unterstützenswerte Einschätzung kommt vom weithin unbekannten Chefredakteur des Monatsmagazins „Wiener“ Helfried Bauer, der in der Dezemberausgabe unter dem Titel „Sounds of Silents“ schreibt: „… Wir können das nicht besser und schon gar nicht schneller. Das Ehrbahrste was Journalisten tun können, ist nicht zu stören, wenn der Audimaxismus für sich selbst spricht … Was sie nun selber tun können? Das gleiche wie wir. Lernen sie die lebendige, wache Schwester des Schweigens kennen: das Zuhören. Lassen sie den Audimaxismus arbeiten und beobachten sie ihn. Warmherzig. Respektvoll. Wachsam für jene Momente, in denen er ihre Unterstützung brauchen könnte.“



online seit 19.01.2010 10:01:10 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Kurto Wendt


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1943Schwerpunkt "Protest-Wissenschaft" in Heft 48



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