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Wem ist ein nicht-studierendes Prekariat lieber? Fragwürdige Argumente in der Debatte um den freien Hochschulzugang Ein Gespräch mit der Politikwissenschafterin Gerlinde Egger über offene Universitäten und soziale Hürden. In deiner Arbeit beschäftigst du dich mit der Debatte um den freien Hochschulzugang. Darin zeigst du, dass die Diskussion um Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren eine lange Geschichte hat. Welche Argumente aus der heutigen Debatte erkennst du aus früheren Episoden wieder, bzw. was hat sich verändert? Vieles ist nicht neu: Die Darstellung der Studierenden als „flutende Massen", die man kanalisieren müsse, derer man Herr werden müsse, das hieß es schon vor über 200 Jahren zu Zeiten des „aufgeklärten Absolutismus". Gekommen ist das einerseits von den neuen, aufgeklärten und funktionalistisch denkenden Staatsbürokraten. Da sollten eben die einen Kinder für die Arbeit in der Manufaktur diszipliniert werden, die anderen zu Fachkräften der merkantilistischen Innovation ausgebildet und wieder andere sollten die notwendigen Führungskräfte in Administration und Militär stellen. Da ging es explizit um die ökonomische Verwertung von AusBildung, also von Beginn an tendenziell ein technokratischer Zugang von oben und nicht nur ein stärker emanzipatorischer, demokratisierender Anspruch von unten.Dieses staatliche AusBildungssystem musste über Steuern finanziert werden, also stand die Frage, wer wieviel dafür hergeben soll, auch immer im Zentrum der Auseinandersetzung. Außerdem gab es moderne Standesprivilegien, neue bildungsbürgerliche Interessen, die zunehmend über Bildungstitel sanktioniert wurden und die nur über die Verteidigung einer gewissen Exklusivität zu erhalten waren. Rationalisiert wurde das dann zum Beispiel, indem man die Zahl der Studierenden in einen Zusammenhang mit der Zahl der offenen Arbeitsplätze stellte. Das klingt vielleicht nach einem plausiblen Zusammenhang, hat aber hohe strategische Bedeutung. Wenn es um die Zahl der offenen Stellen ginge, wieviele dürften dann heute an die Uni? In diesem Zusammenhang: die Diktion vom „akademischen Proletariat" oder mittlerweile „Prekariat". Wem ist ein nicht-studierendes Prekariat lieber? Eine lange Tradition besteht auch in dem vielfältigen Schlecht-Machen der Bildungsexpansion, und das wird fast immer auf Kosten der Studierenden ausgetragen: Sie seien zu viele, sie seien die falschen, studierten das Falsche, studierten falsch. Da wird ihre Zusammensetzung kritisiert, etwa wenn die Rede davon ist, die Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte sei „gescheitert", weil nicht genügend ArbeiterInnenkinder studierten, sondern - mitklingend - „nur" Frauen und die Mittelschicht davon profitiert hätten. Man diskreditiert sie als Personen, indem man die von ihnen selbst getroffene Studienwahl in Frage stellt und sie auf „Studierfähigkeit" testen will. Alle diese immer irgendwie plausibel klingenden Argumente stehen als delegitimierende Diskurse in direktem Widerspruch zu den entsprechenden Errungenschaften wie der Gleichberechtigung von Frauen, dem Grundrecht auf freie Berufswahl oder zu Regelungen wie der, dass die Matura die ausreichende Studienvoraussetzung darstellen soll. Was die Situation der letzten Zeit und gegenwärtig prägt, ist, denke ich, dass „Knappheit" als theoretische Modellannahme der Wirtschaftswissenschaft an den Universitäten jetzt schon Jahrzehnte lang sehr real, nicht nur als Mantra, exerziert wurde. Das war derart zermürbend, dass kaum mehr jemandem etwas Besseres einfällt, als reflexhaft Zugangsbeschränkungen zu fordern. Da hat sich gerade etwas geändert, eine zentrale Forderung der Studierendenbewegung ist, explizit und kompromisslos, Ausfinanzierung der Universitäten, das heißt, alle, die wollen, dürfen rein und finden Platz. Auch die Studiengebühren, wie sie seit 2001 wieder verlangt wurden, haben die Studierenden von den Universitäten nicht massenhaft vertreiben können, ihre Zahl ist nach einem kurzen Einbruch wieder deutlich gestiegen... Das Problem der Regierungen seit etwa Mitte der 1970er war, dass sie die Versprechen, die mit dem Ausbau des AusBildungssystems seit den 1960ern verknüpft waren, das der Emanzipation von alten Abhängigkeiten, der Möglichkeit sozialen Aufstiegs, der Wahlfreiheit, nicht ohne Weiteres zurücknehmen konnten. Die Frage war, wie Einfluss auf den Gebrauch dieser Wahlfreiheit nehmen, ohne sie offiziell abzuschaffen. Zum Beispiel wurde, je weniger sich über die künftigen Entwicklungen am Arbeitsmarkt sagen ließ, umso mehr Energie in Berufsberatung gesteckt, das ist eine Chuzpe, ein double bind, zu sagen, es gibt keine verlässlichen Prognosen, also informiert euch umso besser. Die sogenannten Orientierungsphasen sind mit ähnlicher Vorsicht zu betrachten, nicht nur deshalb, weil am Ende Knock-out-Prüfungen stehen können. Orientierung klingt neutral, ist sie aber nicht, sie verstärkt vorhandene Mechanismen des Selbstausschlusses. Die Wiedereinführung von Studiengebühren 2001 war dann der Versuch einer etwas härteren Gangart, da war nur noch die Rede von AusBildung als private Investition und von der Wahlfreiheit zahlender KonsumentInnen, das ist nicht viel im Vergleich zu einem politischen Recht. Die im internationalen Vergleich niedrige AkademikerInnenquote in Österreich wird gern als Argument gegen Zugangsbeschränkungen angeführt. Gibt es denn so etwas wie eine Richtgröße, eine optimale Quote an AkademikerInnen? Wie sollte das als Quote bestimmbar sein? Aus Vergleichen entstehen Ranglisten, das soll vor allem eine eigene Dynamik in Gang bringen, sich ins Mittelfeld zu bewegen. Besonders in den 1960ern wurde mit großem statistischen Aufwand versucht, einen „objektiven Bedarf der Wirtschaft" nach spezialisierten Arbeitskräften für die Zukunft zu berechnen, das ging eher schief und da wurde dann zumindest eine Zeitlang leiser getreten. Trotzdem wird immer wieder behauptet, da könne man Genaues sagen, über vage Forderungen nach mehr TechnikerInnen und NaturwissenschafterInnen und weniger PsychologInnen geht das oft nicht hinaus. Gegenwärtig werden soziale Kompetenzen zu den sogenannten „Schlüsselqualifikationen" gezählt - es ist klar, dass sich das in konkurrenzorientierten, stark auf Selektion ausgelegten, spezialisierten Studiengängen schwer lernen lässt. Frau muss weder Humboldt noch Horkheimer gelesen haben, um eine Ahnung davon zu haben, was kritische und gesellschaftlich wertvolle Wissenschaft und autonomes Lernen sein können. Die Frage, was Bildung ist, was sie sein soll, dass Ausbildung und Bildung nicht im Widerspruch stehen müssen, dass Universitäten keine Hoch-Schulen sein müssen, das sind gesellschaftliche Fragen, um die gestritten werden soll. Dann erübrigen sich Quotendiskussionen. Ein beliebtes Argument von Zugangsbeschränkungs-BefürworterInnen ist die exklusive soziale Zusammensetzung der Studierendenschaft. Es würden trotz freien Hochschulzugangs fast nur Mittel- und Oberschichtskinder studieren, während die ArbeiterInnenschaft zwar über ihre Steuern die offene Hochschule finanziert, aber nichts davon hat. Da seien doch etwa Studiengebühren ein Weg zur Erhöhung der sozialen Gerechtigkeit. Werden sozial bewegte KämpferInnen für den offenen Hochschulzugang so mit ihren eigenen Argumenten geschlagen? Das war schon seltsam, das hat den letzten Linken dann überzeugt. Das blieb praktisch unwidersprochen, dabei war das nicht viel mehr als eine Behauptung, mit der einfach umgedreht wurde, was bisher als plausibel und breit akzeptiert galt. Dem hätte man ruhig öfter etwas entgegenhalten können. Wer die Befürchtung hegt, die Wohlhabenden würden für die AusBildung ihrer Kinder von der Allgemeinheit der Steuerzahlenden subventioniert, für den gäbe es doch eine einfache Lösung: Die Anhebung der Steuern für diese Wohlhabenden. 1999, also gerade vor der Wiedereinführung von Studiengebühren unter Schwarz-Blau, ist außerdem eine Studie publiziert worden von Sturn und Wohlfahrt. Die haben die Umverteilungseffekte des gebührenfreien Hochschulzugangs mit den gängigen Methoden der Wirtschaftswissenschaft mit den vorliegenden Daten für Österreich durchgerechnet, die im Raum stehenden Alternativen durchgerechnet, und kamen zu dem Schluss, dass selbst unter den Bedingungen des kaum progressiven Steuersystems in Österreich, das gebührenfreie Studium keine Umverteilung von unten nach oben bedeutet. Aus dem unteren Einkommensdrittel gewinnt viel, wer das öffentliche System nutzt, wer es nicht nutzt, verliert auch nicht. Das obere Einkommensdrittel trägt mehr als die Hälfte der Kosten und stellt gleichzeitig nur ein Drittel der NutzerInnen. Der Mittelstand nutzt das System und zahlt entsprechend Steuern. Aus Daten allein entstehen aber keine politischen Forderungen. Wenn die Wahrscheinlichkeit zu studieren von Kindern aus privilegierten Familien auch x-mal höher ist als bei Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten, wenn ihre Chance gegen 100% läuft, dann ist das nichts Neues, das lässt sich aber auch nicht steigern. Dass die soziale Selektion im AusBildungssystem nicht erst an der Uni beginnt, ist bekannt, das Schulsystem ist segregierend von Anfang an, es stellt Unterschiede her, dazu ist es noch immer gemacht. Es ist bekannt, dass Stipendien allein nicht genügen, auch wenn sie leichter zugänglich wären und nicht auf eine unmögliche Studiendauer begrenzt wären. Man weiß, es ist die Art des Wissens, das in Schulen und Universitäten vermittelt wird und das vorausgesetzt wird – also die Lehrinhalte und Unterrichtsmethoden, die an bürgerliche Sozialisation anknüpfen – , warum die einen gar nicht weiterkommen und die anderen ganz leichtfüßig. Das kann man alles sehen. Und? Warum sollte man deshalb die politische Forderung, mit allen materiellen Konsequenzen, nach einem möglichst offenen, das heißt auch willkommen heißenden AusBildungssystem fallen lassen? Man braucht die Zahl der Zahnarztsöhne an den österreichischen Universitäten nicht überschätzen. Immerhin haben ganze 40 % der gegenwärtig in Österreich erstimmatrikulierenden StudentInnen Eltern, die beide über keine Matura verfügen. Auch das steht in der Statistik. Die erreichte soziale Öffnung, soweit sie stattgefunden hat, war ein Effekt der Expansion, nicht weil man einer Gruppe zugunsten einer anderen Studienplätze weggenommen hätte. Literatur: Sturn, Richard / Wohlfahrt, Gerhard (Hg.) (1999). Der gebührenfreie Hochschulzugang in seine Alternativen. Wien: Verlag Österreich (Juristische Schriftenreihe 146) online seit 08.01.2010 15:25:40 (Printausgabe 48) autorIn und feedback : Interview: Beat Weber Links zum Artikel:
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