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  Studis 2009, wie 1987 und 1996 (oder 1968)?

Ein Vergleich der aktuellen Studierendenbewegung mit denen der Vergangenheit

Die Bewegung der Studierenden vom Herbst 2009 ist nicht die erste, die Zehntausende mobilisieren kann. Große spontane Bewegungen brachen im Herbst 1987 aus, im Frühjahr 1996, jeweils gegen Sparpakete der großen Koalition und im Herbst 2000 nach der Ankündigung der Einführung von Studiengebühren.

Alle vorherigen Bewegungen hatten als Anlass erwartete finanzielle Einschnitte. Jetzt gibt es keinen konkreten Anlass, die meisten Maßnahmen, die kritisiert werden, wie das Bachelor-Studium, wurden schon eingeführt. Es gibt auch keine gemeinsame Forderung wie „Weg mit dem Sparpaket (oder Studiengebühren)“, sondern einen vielfältigen Katalog, der eigentlich immer wieder erweitert werden kann. Die Motive sind wie bei den früheren Bewegungen keine über den Kapitalismus hinaus gehenden. Es ist die Angst davor, wegen der schlechten Studienbedingungen nicht verwertbar genug zu sein und damit auch der teilweise Rückgriff auf ein kapitalistisch überholtes Ideal einer umfassenden Bildung („Bildung statt Ausbildung“), das durch die Verschulung nicht mehr verwirklicht werde. Die Wünsche sind Ausdruck der Widersprüche im Kapitalismus, der viele gut ausgebildete, kreative Absolvent_innen mit sozialen Fähigkeiten fordert, zugleich aber eine möglichst schnelle Verwertbarkeit. Der Schritt in Richtung Kapitalismuskritik ist nur ein kleiner, weil Geld für Bildung statt für den Kapitalismus („Banken und Konzerne“) der Logik des Systems zuwider läuft. Die Bewegungen 1987 und 1996 enthielten dasselbe Potenzial, das aber nach dem Niedergang der Bewegungen verschwunden war.

Organisierung an offiziellen Organisationen vorbei

Die Bewegung 2009 organisiert sich an den offiziellen Organisationen (der ÖH) vorbei. Der basisdemokratische Charakter drückt sich darin aus, dass es vorerst keine Struktur gibt, die berechtigt für Verhandlungen wäre. Die ersten kleinen Erfolge (die Öffentlichkeit wird von der Bildungsdiskussion dominiert und Bildungsminister Johannes Hahn gibt ein bisschen Geld her) sind möglich, gerade weil es keine Verhandlungen um „realistische“ Kompromisse gibt. 1987 wurde die Bewegung basisdemokratisch gegen die von der (ÖVP-nahen) Aktionsgemeinschaft (AG) dominierten ÖH organisiert, die sich dann aber an die Spitze setzen konnte und sie abwürgte. Die damaligen Besetzer_innen des Audimax forderten, den Widerstand auf die Gesellschaft auszuweiten, die AG verhandelte praktisch nichts aus, während linke ÖH-Fraktionen durch Kompromisse studentische Forderungen retten wollten. 1996 hatte die linksliberale ÖH die ganze Verhandlungskompetenz, konnte aber nach dem Auslaufen der Bewegung auch nichts erreichen. So wie in jeder Bewegung fallen die Forderungen mit basisdemokratischer Selbstorganisation zusammen. Das kann sich jetzt besser entwickeln, weil die ÖH nicht versucht, die Bewegung in ein Korsett der Vertretungen und Verhandlungen einzubinden. Früher oder später wird sich das ändern, es werden Repräsentationsstrukturen entstehen, die wahrscheinlich dann nichts herausholen können, weil es die Bewegung dann nicht mehr gibt.

Sexismus thematisieren

In der aktuellen Bewegung wird der Sexismus in den inneren Strukturen und in der Gesellschaft von Anfang an thematisiert, damit auch die herrschende Geschlechterordnung. Das heißt nicht, dass in früheren Bewegungen feministische Forderungen keine Rolle gespielt hätten, aber 1987 wurden sie in eine feministische Nische gedrängt und 1996 wurden sie durch die Breite der Bewegung unsichtbar gemacht. Jetzt wird über sexistische Übergriffe und die geschlechtliche Aufteilung der Repräsentation in der ganzen Bewegung diskutiert (auch weil unverbesserliche Sexist_innen ihre männlichen Privilegien laut schreiend verteidigen).

Fordert nichts, besetzt alles!?

Die Besetzung des Audimax hat zwar seit 1987 eine Tradition, aber dieses mal ist der größte Hörsaal der Uni Wien nur ein Teil der besetzten Struktur. Volksküchen, Veranstaltungs-, Ruhe- und Schlafräume etc. organisieren den Aktivist_innenalltag und den der Studierenden. Diese Bewegung lebt gerade von der Aktionsform „Besetzung“, wie sich auch in der Ausstrahlung außerhalb von Österreich zeigt. Es wird nicht nur gestreikt und demonstriert, sondern besetzt und angeeignet. Frühere Kämpfe der Studierenden waren immer mit den Kampagnen für „Streik“ (oder „aktiven Streik“) verbunden, was den Vorteil hatte, dass der Aktivismus mit einer Pause des normalen Studienbetriebes zusammenfiel. Ein großer Teil der Studierenden blieb einfach zu Hause. Die Aktivist_innen stehen heute unter der doppelten Anforderung, weil sie parallel dazu weiter studieren und das in einer bereits wesentlich mehr verschulten Struktur als früher. Durch die Besetzungen ist der Aktionismus mehr mit den „direkten Aktionen“ von 1968 vergleichbar, auch wenn sich nur ein kleiner Teil der Aktivist_innen nicht mit der aus den USA kommenden Parole anfreunden kann: „Fordert nichts, besetzt alles.“

Ein neuer Internationalismus?

Zumindest Teile der Bewegung sehen einen internationalen Zusammenhang, so gibt es Diskussionen mit Besetzer_innen in Deutschland und in den USA, Studierende, etwa aus Kroatien, werden zu Veranstaltungen eingeladen. Umgekehrt springt die Bewegung von Österreich auf andere Länder über. Kleine Gruppen versuchten auch 1987 internationale Zusammenhänge herzustellen, die internationale Diskussion erreichte aber nie diese Qualität wie jetzt. Das liegt nicht an neuen Medien, sondern an einer, trotz aller Unterschiede, ähnlichen Situation in Bezug auf die Widersprüche der Bildungsanforderungen im Kapitalismus. Gerade durch die internationalen Zusammenhänge lässt sich die Bewegung stärker mit 1968 vergleichen als mit den späteren Bewegungen der Studierenden in Österreich.

Durch die Besetzungen, aber auch in der Auseinandersetzung um die Geschlechterordnung ist viel mehr das „ganze Leben“ in die Bewegung einbezogen, zumindest bei der aktivistischen Minderheit (1968 hieß es: „Wir sind eine radikale Minderheit“). Diese hat eine Ausstrahlung auf einen viel größeren Bereich, auch weil die Studierenden nicht daheim bleiben. Dass selbst die Gegner_innen der Besetzung Sympathie für das studentische Aufbegehren zeigen müssen, ist Ausdruck dieser Wirkung (und das ist natürlich anders als 1968, wo zuerst nur frontale Ablehnung war).

Wie 1968, aber anders …

Eher wie 1968 als wie 1987 und 1996 ist die Unterschiedlichkeit der Forderungen, auch weil die verschiedenen Bereiche der Universität unterschiedliche Bedingungen haben. Allerdings dachten die 1968er über die Universität hinaus, die Forderungen betrafen von Schule und Fabrik bis hin zu Psychiatrie und Gefängnis alle Bereiche der Gesellschaft. Aber auch 1968 wurde auf einer Ebene pragmatisch verhandelt, auf einer anderen an revolutionäre Umwälzungen gedacht. Auch jetzt lassen sich nie alle Forderungen erfüllen, was das Denken über den Kapitalismus hinaus befördert. 1987 und 1996 waren die Forderungen der linken und linksradikalen Gruppen immer nur schärfere Kampfmaßnahmen („Streik“, „Generalstreik“) und die Forderung nach dem Ende des Sparpakets.

Die Vielfalt an pragmatischen (und trotzdem unrealistischen) Forderungen verwischt den Unterschied zwischen „Reform“ und „Revolution“. Jede Forderung kann reformistisch sein, wenn sie erfolgreich ist, oder revolutionär, wenn sie auf Blockaden in den Institutionen stößt. So scheint es jetzt schon kleine Erfolge auf einzelnen Instituten zu geben, aber auch eine immer größere Zahl von Aktivist_innen, die den Kapitalismus als Ganzes als Problem sehen.

Ein eindeutiger Unterschied zu 1968 ist, dass es sich um keinen Generationenkonflikt handelt. Ein Teil des Lehrpersonals, oft unter prekären Arbeits- und Lebensbedingungen leidend, steht auf Seiten der aufbegehrenden Studierenden. Gerade das bietet die Chance auf eine Umwälzung, die sich nicht auf Jugendliche oder Studierende beschränkt, auch wenn sich die Bewegung bis jetzt (noch) nicht in andere gesellschaftliche Bereiche ausgebreitet hat. Aber 1968 passierte das ja auch mit Verzögerung!



online seit 07.01.2010 10:29:15 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Robert Foltin


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1943Schwerpunkt "Protest-Wissenschaft" in Heft 48



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