![]() |
| |
|
|
||||||
| |
||||||||
|
Squatting Teachers Kritische Formen des Lehrens und Lernens während den Besetzungen und darüber hinaus „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen“ – dies ist das Bild, mit dem die feministische Soziologin Frigga Haug in Anlehnung an Marx den Prozess des Lernens beschreibt. Insofern haben die BesetzerInnen bereits die besten Bedingungen für Lernen geschaffen, sind mittendrin und holen kritisch-pädagogische Theorien mitunter praktisch ein. Hier wurde etwas aufgebrochen und in Bewegung gesetzt, eine Bewegung, die für Lernen als Prozess der Selbst- und Weltveränderung unabdingbar ist. Wie können Lehrende hier einsteigen? Welche Möglichkeiten der Solidarisierung mit und Unterstützung von BesetzerInnen gibt es? Und wie kann kritisches Lehren und Lernen im Rahmen der Besetzungen von statten gehen? Mit leichter Verzögerung zu den Besetzungen organisierten sich auch Lehrende und Forschende verschiedener Wiener Universitäten, um in den Protesten aktiv zu werden. In einer Versammlung am 29.10. erklärten sich ca. 150 Lehrende und Forschende mit den BesetzerInnen solidarisch. Die Proteste sollten in Form eines „aktiven Streiks“ unterstützt werden. Auffallend: der Großteil der sich solidarisierenden Lehrenden und Forschenden rekrutiert sich aus der Gruppe der prekär Beschäftigten. Das ist durchaus nachvollziehbar, haben sie doch relativ wenig zu „verlieren“ und bieten die Proteste auch die Möglichkeit, systematische Prekarisierung und Verschlechterung der Bedingungen für kritische Wissensproduktion zu bekämpfen. Die AG „Squatting Teachers“ gründete sich im Rahmen dieser Versammlung, um sich mit Fragen der Ausgestaltung protestbezogener Lehre auseinanderzusetzen. Ziel der AG ist es, kritische, offene und emanzipatorische Wissensproduktion und -vermittlung im Rahmen der Uni-Besetzungen und darüber hinaus zu stärken. Dabei verstehen wir Bildung und Wissensproduktion als politisch und engagiert und lehnen den Standpunkt vermeintlicher Neutralität ab, weil dieser, wie Freire bemerkte, nur versteckt, dass mensch auf der Seite der Herrschenden steht. Von Beginn an setzte sich die AG aus Lehrenden und (bisher eher besuchsweise) Studierenden von unterschiedlichen Universitäten (darunter Akademie Bildende, WU, Uni Wien) zusammen – was „produktive Differenzen“ in Sicht- und Herangehensweisen zur Folge hat. Die Arbeit von Squatting Teachers begann dabei durchaus turbulent und nicht ohne Rückschläge. Gemäß dem Diktum, dass dieser Protest seinen eigenen (sehr hohen!) Takt habe, starteten wir gleich mit mehreren Arbeitstreffen, suchten Kontakt zu den ProgrammkoordinatorInnen der besetzten Hörsäle und versuchten, ein alternatives Lehr- und Lernprogramm in und außerhalb der besetzten Räume zu organisieren und sichtbar zu machen. Denn einige Lehrende wurden sehr rasch auf kreative Weise aktiv, siedelten ihre Lehrveranstaltungen zur Unterstützung der Besetzungen (bei drohender Räumung) um, öffneten ihre Seminare, thematisierten die Proteste aus unterschiedlichsten – politisch-theoretischen, historischen, bildungs- und wissenstheoretischen, künstlerischen … – Perspektiven, beobachteten, dokumentierten, filmten und reflektierten die Besetzungen gemeinsam mit den Studierenden. Um diese „temporären Besetzungen“ von Seminarräumen durch offene und kritische Lehre möglichst sichtbar zu machen, entwarf ein Mitglied der AG ein Logo zum Download für solidarische Lehrende. Von uns nicht intendiert entwickelten sich das „Squatting Teachers“-Logo und der AG-Name bald zum allgemeinen „Markenzeichen“ der Solidarität von Lehrenden und Forschenden mit den Uni-Protesten. Nicht dermaßen erfolgreich waren unsere ersten Bemühungen, alternative Vorträge und Workshops in den großen besetzten Hörsälen zu organisieren. Obwohl sehr bald ein regelrechter Strom an Vortragsangeboten von Seiten der Lehrenden einsetzte, gestaltete sich die konkrete Umsetzung schwierig. Während einige Vorträge aufgrund „Überbuchung“ der Hörsäle nicht stattfinden konnten, fanden andere vor beinahe leeren Sitzreihen statt. Neben der Erkenntnis, dass wir die Frage der „Promotion“ vernachlässigt hatten, wurde vor allem eines klar: So spannend und kritisch viele Vortragsangebote für uns klangen - die protestierenden Studierenden möchten keine fertigen Inhalte präsentiert bekommen, sondern selbst mitbestimmen, was und wie sie lernen. Unsere aktuellen Projekte spiegeln diese Erkenntnisse wider, sind aber wohl auch Ausdruck des fortgeschrittenen Stadiums der Proteste. Einerseits fordern wir weiterhin zur Öffnung von regulärer Lehre auf und stellen über unsere Wiki-Seite (Adressen siehe unten) eine Webmaske bereit, in die Lehrende ihre Lehrveranstaltungen eintragen können. Diese Form der Lehrendensolidarität wird dann im zentralen Terminkalender der Proteste („Eduvent-Kalender“) sichtbar. Andererseits richten sich die von uns (mit-)organisierten Angebote nun sowohl inhaltlich wie auch methodisch stärker an der Protestbewegung aus. Workshops, die sich diskursiv mit Themen wie Geschlechterverhältnisse in Protestbewegungen auseinandersetzen oder an der Entwicklung von antirassistischen Strategien im Rahmen der Uni-Besetzungen arbeiten, finden dann auch guten Anklang (was sich auch daran zeigt, dass diese Veranstaltungen zur Gründung einiger Gruppen geführt haben, die sich weiterhin mit den Themen beschäftigen). Explizit auf die Frage nach Möglichkeiten alternativer Vermittlungsformen ging ein Workshop zu spiel- und theaterpädagogischen Methoden für Lehrende und Studierende ein. Auch für unsere weiteren Aktivitäten planen wir, der Vermittlungsthematik mehr Raum zu geben (das von uns organisierte Angebot ist auf unserer Wiki-Seite angeführt). Die Prekarisierung und Flexibilisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen einiger Squatting Teachers erleichtert mitunter die Vernetzungsarbeit und die Bewegung kritischen Wissens. Denn wir leben und arbeiten in Wien, Innsbruck, Klagenfurt, Graz. Erste Vernetzungsgespräche mit solidarisierenden Lehrenden und Studierenden dieser Universitäten wurden bereits in Angriff genommen. Dass sich daraus ein längerfristiges, bundesländerübergreifendes (und darüber hinaus?) Netzwerk entwickeln könnte, finden wir spannend. Für uns ist klar: Mit ihrer basisdemokratischen Ausrichtung und selbstbestimmten und solidarischen Praxis haben die Uni-Proteste Risse ins (Bildungs-)System gemacht. Diese eröffnen den Raum, alte-neue Fragen neu zu diskutieren: Wie wollen und können wir gemeinsam lernen, herrschaftskritisches Wissen produzieren, uns und die Gesellschaft verändern? Welche Formen von Herrschaft und Diskriminierung durchziehen die Universität, was kann diesen entgegengesetzt werden? Insbesondere auch in Hinblick darauf, dass die (besetzte) Universität als antisexistischer und antirassistischer Raum der Wissensproduktion gestaltet werden kann. Wer sich mit diesen Fragen auseinandersetzen will, ist herzlich eingeladen, bei der AG Squatting Teachers mitzumachen. Mail: squatting.teachers@gmail.com online seit 22.12.2009 14:24:07 (Printausgabe 48) autorIn und feedback : Iris Mendel, Paul Scheibelhofer Links zum Artikel:
|
|
„J-FLAG unterstützt … … diese ‚Anti-Murder Music‘-Kampagne nicht …“. Ein Interview mit Dane Lewis, Vorstand von J-FLAG [31.01.2013,Redaktion] Bewegung im stehenden Gewässer Ein Interview mit Verena Rotky von der Plattform „Rettet die Mur“ [21.01.2013,Interview: awsd, kw] Heterogenität aushalten! Occupy: Von den Plätzen in die Köpfe [22.12.2012,Torsten Bewernitz] die vorigen 3 Einträge ... die nächsten 3 Einträge ... |
|||||
![]() |