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Warum brennen die Unis? Die zerplatzten Träume des Kleinbürgertums Wenn einem jemand am 21. Oktober erzählt hätte, das Audimax würde morgen besetzt werden und der Ausgangspunkt für eine wochenlange und europaweite Bewegung von Studierenden sein, hätte man ihn oder sie als weltfremdeN SpinnerIn bezeichnet. Es stellt sich daher die Frage, wie eine solche Bewegung gegen jeden Realitätssinn entstehen konnte? Die Gründe und Ursachen können nur vorläufig erkannt werden, gerade solange die Bewegung noch weiter existiert. Nicht erst seit dem Universitätsgesetz UG 2002 sind die Studienbedingungen in Österreich als katastrophal zu bezeichnen, jedoch wurde durch dieses Gesetz der neoliberale Umbau der österreichischen Universitäten beschleunigt und intensiviert. Gründe zum Kampf gibt es also nicht erst seit Gestern. Tatsächlich haben auch in den letzten Jahren immer wieder Kämpfe stattgefunden, allerdings unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze. Einmal waren es in Wien die Studierenden der Internationalen Entwicklung, die für ein eigenes Institut und eine ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung kämpften, ein anderes Mal das Institut der Politikwissenschaft, das sich gegen die Modalitäten des Anmeldesystems und die Unterfinanzierung wehrte. Solche Kämpfe blieben aber zumeist auf unmittelbare ökonomische Forderungen für das eigene Institut beschränkt, eine Verallgemeinerung oder eine grundsätzliche Kritik am Bildungssystem und den Curricula blieb aus; nicht zuletzt wegen der mangelnden Breite und Ausdauer des Protests. Dennoch kann nicht geleugnet werden, dass diese Proteste und die in Folge stattfindenden Debatten den Boden für die aktuelle Bewegung bereiteten. Bemerkenswert an der derzeitigen Bewegung ist sicherlich auch, dass es vor allem nicht die höhersemestrigen Studierenden sind, die die breite Basis ausmachen, sondern vor allem viele Erstsemestrige. Es scheint ganz so, als ob diese neuen Studierenden noch nicht in die starren Strukturen des Bachelor-System gepresst wurden, ihre Erwartungen an ein freies und bereicherndes Universitätsleben enttäuscht wurden, nachdem sie sich 8 oder mehr Jahre durch ein marodes und selektives Schulsystem gequält hatten. Dass es eben vor allem StudienanfängerInnen und nicht in erster Linie die viel zitierten altgedienten Kader von Politsekten, sind, macht auch Mut für zukünftige Kämpfe. Die Erfahrungen des Protestes und der gelebten Solidarität sind ihnen nicht mehr zu nehmen. Egal wie verschult und unfrei das Studium auch sein mag, die Perspektive des kollektiven Kampfes besteht nun und es ist zu hoffen und zu erwarten, dass sie noch oft gewählt wird. Die Krise als Auslöser? Letztlich bleibt unklar, inwieweit die Proteste in einem Zusammenhang zur derzeitigen Krise des kapitalistischen Systems stehen. Die Perspektivenlosigkeit des Bachelor-Studiums trifft nun auf die geplatzten Versprechungen der post-fordistischen Regulationsweise. Die Aussicht auf eine Karriere nach einem möglichst raschen, unreflektierten und von möglichst vielen unbezahlten Praktika begleiteten Studium, scheint nicht mehr zu bestehen. Dies ist längst nicht mehr nur ein Problem der Geistes- und Sozialwissenschaften, wie die unzähligen arbeitslosen JuristInnen und BWL-AbsolventInnen belegen. Der meritokratische Traum, durch ein Universitätsstudium Teil der gesellschaftlichen Elite zu werden, erweist sich zunehmend vielmehr als Weg in die Prekarität. Immer mehr jungen Menschen wird klar, dass selbst durch den Uni-Abschluss der kleinbürgerlichen Lebensstandard der Elterngeneration außer Reichweite liegt. Die Reproduktion des Kleinbürgertums ist in der Krise, ganz zu schweigen davon, dass Menschen sich durch ein Hochschulstudium aus ihrer Subalternität befreien könnten – selbst ein perspektivenloses Studium bleibt den meisten MigrantInnen, Frauen mit Betreuungspflichten und Kindern aus ArbeiterInnenklassenfamilien, aufgrund des sozial-selektiven Bildungssystems verwehrt. Die Grenzen der Basisdemokratie Selbst in bürgerlichen Medien wurde die Bewegung viel für ihre basisdemokratischen Entscheidungsstrukturen gelobt. Es stellt sich aber die Frage, ob hier nicht eine Ideologie aufgebaut wurde, die der Realität nicht stand hält. Es scheint ein grundsätzliches Missverständnis über das Wesen von Basisdemokratie zu bestehen (Althusser lacht). Denn Basisdemokratie – was immer man von ihr halten mag – hat nichts mit der Diktatur des Plenums zu tun. Indem alle Entscheidung durch fragwürdige Mehrheiten (was basisdemokratischen Konzepten grundsätzlich widerspricht) im Audimax-Plenum getroffen werden, verkommt die Demokratie zu einer Anwesenheitsdemokratie. Dabei geht es nicht darum, dass die die sich am meisten Zeit für die Bewegung nehmen die Entscheidungen treffen, sondern darum, dass die Menschen, die sich die Zeit nicht nehmen können, strukturell ausgeschlossen werden (das betrifft vor allem arbeitende Studierende, Menschen mit Betreuungspflichten und auch solche, die vielleicht nicht gleich um die Ecke mitten im 8ten wohnen). Die viel beschworene Ausweitung der Proteste auf andere Universitätsstandorte hinkt den Entscheidungsstrukturen hinter her, wenn das Audimax alles, was die Zukunft des Protests betrifft, beschließt und die anderen Universitäten nachziehen müssen. Trotz des gehypten Einsatzes von neuen Medien ist es nicht möglich, Entscheidungen über Skype zu treffen. Diskussionen rund um demokratisch legitimierte Organe, die diese Probleme beheben hätten können, wurden strukturell unmöglich gemacht. Nichtsdestotrotz haben sich in den Uniprotesten tausende junge Menschen, die sich vielleicht noch nie zuvor bewusst mit Politik und Demokratie auseinandergesetzt haben, eingebracht und demokratische Räume erkämpft. Die Auseinandersetzungen um den Inhalt der „Worthülse“ Basisdemokratie bleiben abzuwarten und es besteht die Aussicht, dass sich in den folgenden Diskursen Lernprozesse ergeben, die zu radikaldemokratischen Strukturen führen, welche den Anforderungen der Bewegung gewachsen sind. Den Anschluss nicht verlieren Auch wenn die Beschäftigung mit den eigenen Entscheidungsstrukturen von größter Bedeutung ist, so ist es für den Erfolg der Bewegung letztlich zentral, dass sie an die gesellschaftlichen Ursachen geht. Dies bedeutet in der gegenwärtigen Kräftekonstellation den Kampf nicht alleine um den begrenzten und vermeintlich abgeschlossenen Bereich „Universitäten“ zu führen, sondern gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Gruppen solidarisch zu streiten. Diese Aufgabe wurde von der Bewegung im Prinzip auch erkannt, konnte aber nur unzureichend erfüllt werden. Die Solidarisierung mit den KindergartenpädagogInnen und -helferInnen fand zumindest auf dem Papier statt, ebenso die mit den Kämpfen der MetallerInnen und DruckerInnen. Jedoch zeigte sich in der Praxis, dass die Bereitschaft der Studierenden gemeinsam mit diesen Gruppen auf die Straße zu gehen, eine enden wollende war. Ebenso stellt sich aber die Frage ob die Lohnverhandlungen der MetallerInnen, die sich mit 1,5% (bzw. 1,45% des Ist-Lohns) mehr Lohn abspeisen ließen, tatsächlich schon als Kampf zu bewerten sind, oder nur das traditionelle Säbelrasseln, dass nun einmal zum liebgewonnen Theater des Korporatismus in Österreich gehört. Die Ausweitung der Proteste auf SchülerInnen scheiterte schlussendlich auch daran, dass die Studierenden nicht die ständische Begrenztheit vieler ihrer Forderungen erkannten. Dennoch: 20.000 DemonstrantInnen in ÖGS (Österreichische Gehörlosen Sprache) zum Applaudieren zu bringen, zeigte die Möglichkeit auf, eine marginalisierte und kaum beachtete soziale Gruppe für den Augenblick in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Kampfes zu rücken – denn so beschränkt waren die Forderungen nun denn auch wieder nicht. Die Kooperation mit den gehörlosen Studierenden muss weiter ausgebaut werden und gleichzeitig Vorbild für die Einbeziehung anderer subalterner Gruppen sein. Dass Österreich Ausgangspunkt einer internationalen Bewegung der Studierenden ist, sollte Mut zum weitermachen geben und Anlass für den Aufbau internationaler Strukturen und Vernetzungen sein. "Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft." (Antonio Gramsci) online seit 21.12.2009 11:20:54 (Printausgabe 48) autorIn und feedback : Hanna Lichtenberger, Martin Konecny Links zum Artikel:
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