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  Bis 11 zählen können

Warum brechen die Uni-Proteste jetzt los?

Es ist unmöglich, bis 10 zu zählen, ohne bei eins anzufangen. Und ohne etwas 10 mal probiert zu haben, gibt es keinen 11. Versuch. In diesem Sinne ist die Frage, warum die internationalen Bildungsproteste gerade jetzt losbrechen, mit der Frage nach längerfristigen Prozessen zu beantworten. Und mit der Gegenfrage: „Warum eigentlich nicht jetzt?“

Im Sommer 2009 wurde ein MALMOE-Redaktionsmitglied von einem jungen Journalisten im Auftrag der Falter-Beilage „Durst“ anlässlich der kommenden September-Ausgabe kontaktiert. Thema war die Geschichte von Studierendenprotesten in Österreich, und sie erzählte über die Besetzung des Wissenschaftsministeriums durch ein feministisches Kollektiv (dessen Teil sie war) im Oktober vor 9 Jahren. Der Journalist befragte sie zu ihrer Einschätzung der derzeitigen Lage an den Universitäten, und es entspann sich eine Diskussion über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Protest. Ihre Einschätzung lautete: „{Protest} hat ganz viel damit zu tun, in welchem Kontext gelebt und studiert wird. Besetzungen und Aktionen waren vor ein paar Jahren an der Uni ganz gewöhnlich. Heute ist das für viele Studentinnen und Studenten überhaupt nicht mehr vorstellbar. Zu dem Zeitpunkt, als klar war, dass es Studiengebühren geben wird, konnten wir (als Aktive während der Bildungsproteste 2000-2003, Anm.) auf der Bewegung gegen die Schwarz-Blaue Regierung aufbauen, die an den Unis stark verankert war (…) Wichtig finde ich aber, dass es ja nach wie vor immer wieder praktische Kritik an den bildungspolitischen Verhältnissen gibt, aber eben unter erschwerten Bedingungen und nicht so sichtbar wie damals.“ (Durst, Wintersemester 09/10). Auch wenn die derzeitige Protestbewegung zu diesem Zeitpunkt nicht ansatzweise vorstellbar schien, war klar, dass unzählige Initiativen permanent an der Bildung von kritischem Bewusstsein und widerständiger Praxis an den Universitäten und darüber hinaus arbeiten.

Beweg dich doch mal…

Gerade in beschleunigten Zeiten ist Historizität wichtig – das Bewusstsein, dass selbst betonhart erscheinende Verhältnisse nicht in Stein gemeißelt sind, sondern eine Geschichte haben und ununterbrochen Verschiebungen ausgesetzt sind. Tatsächlich stattgefundene Bewegungen als Abfolge von Scheitern zu empfinden, hängt allerdings auch mit der Einschätzung zusammen, dass die erwähnte Widerstandsbewegung gegen die schwarz/ blaue Regierung, in deren Zusammenhang sich auch MALMOE verortete, zur Unkenntlichkeit zerronnen und in den rassistischen österreichischen Alltag hinein-normalisiert war.

Also, alles normal an den Unis? In MALMOE 24 (2005) schrieben wir in der Einleitung zu einem Bildungsschwerpunkt, dass die Universität vom Elfenbeinturm zum Arbeitshaus werde. Während sich in der so genannten Wissensgesellschaft zentrale Werte der Universität wie Wissenszentriertheit des Handelns und forscherisches Herangehen an die Wirklichkeit (im Dienst des Zwangs zur permanenten Innovation) verallgemeinern, die Gesellschaft somit in vielerlei Hinsicht zum Labor wird, verliert die Universität selbst ihre Besonderheit, zitieren wir die Bildungswissenschafterin Barbara Schneider. Die verblassende Sonderstellung der Universitäten betrifft sowohl Personal als auch Studierende. Während erstere unter verschärften Leistungsdruck gesetzt, hierarchisiert und prekarisiert werden, entspricht auch der Alltag von zweiteren längst nicht mehr dem verklärten Bild des Studiums als gehobener Form des subventionierten Müßiggangs.

Ressourcenmangel und Verschulung prägen das Studienangebot, und laut Sozialerhebung müssen Studierende zu 90% nebenbei arbeiten. Die Universität als privilegiertes Refugium der Lohnarbeitsgesellschaft gehört also der Vergangenheit an. Der daraus resultierende strukturelle Zeitmangel schien bislang die naheliegende Erklärung zu sein, warum trotz (drohender) Einführung von Studiengebühren und zunehmender Verschärfung der Studienbedingungen jahrelang keine derart großen Proteste losbrachen, wie sie jetzt stattfinden.

Die Krise als Wendepunkt

Die schnelle Ausweitung der Proteste ist auf Erfahrungen zurückzuführen, die in den letzten Jahren gesammelt werden konnten. Seit Einführung der Studiengebühren in Österreich sowie weiterer Beschneidungen, insbesondere im Bereich der studentischen Mitbestimmung an den Universitäten mit dem UG 2002 ist klar, dass von elitär-restriktiven Uni-Reformen aber auch gar nichts Gutes zu erwarten ist. Gleichzeitig haben die Universitätsreformen der letzten Jahre und Jahrzehnte nichts am Studienandrang, der Ressourcenausstattung und der Studienlage geändert, also ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllt. Die Implementierung des Bachelor-/Master-Studiengangsystems schlägt dem Fass diesbezüglich den Boden aus. Und jetzt brachte noch die Wirtschaftskrise den letztgültigen Beweis, dass die Leistungsgesellschaft, auf die diese Reformen zugeschnitten sind, ein weitgehend leeres Versprechen ist. Während braves Mitmachen bei allen Zumutungen im verschulten Prüfungsparcours und im Slalomrennen durch die Hierarchien des Unibetriebs bislang das Versprechen auf irgendwelche tollen Jobs in der mittleren und fernen Zukunft barg, wird nun deutlich, dass dieses Versprechen nie erfüllt wird. Jobs gibt es wenn, nur unter prekären und zukunftsungewissen Bedingungen. Und leben lässt sich davon nicht, so die Erkenntnis vieler Lehrender. Diese Erkenntnis ist nach der Krise nicht mehr vom Tisch zu wischen.

Von der Universität zur Fabrik

Während sich die Lage der Uni-Angehörigen an die Lage normaler Lohnabhängiger angleicht (Prekarisierung, Überforderung, Enteignung von Zeit, hierarchische Unterordnung, exzessive Konkurrenz etc.) und dadurch den Elfenbeinturm zum Kandidaten für ganz gewöhnliche Arbeitskämpfe macht, haben diese Kämpfe dennoch eine besondere Bedeutung. Die Universität ist ein wesentlicher Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion von Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung. Deshalb ist die Universität nicht einfach eine weitere Institution, die der staatlichen und gouvernementalen Kontrolle unterworfen ist, sondern ein entscheidender Ort, an dem breitere soziale Kämpfe gewonnen und verloren werden. Der Bildungskonflikt ist somit Ausdruck der Bedeutung dieses Sektors in der so genannten Wissensgesellschaft und somit möglicher erster Baustein eines gesamtgesellschaftlichen Konflikts.

Produktive Blockade

Oftmals wird im Zusammenhang mit den Protestaktivitäten davon gesprochen, dass diese nicht Verhinderung, Blockade oder Versäumnis bedeuten, sondern die Ermöglichung, Vertiefung und Ausweitung einer bildungspolitischen Debatte, einer angewandten Debatte um das Verhältnis von Wissen und Macht. Seinen Ausgangspunkt hatte der Protest an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Warum gerade dort? Gerade an dieser kleinen Universität (ca. 1200 Studierende), an der sich fast alle kennen, wurde die Entdemokratisierung im alltäglichen Unibetrieb immer deutlicher spürbar. Das autokratische Vorgehen der Universitätsleitung war dann auch der letztendliche Trigger für die Unterstützung der Proteste an der Akademie durch verschiedene Institute und Lehrende. Der Rektor verweigerte nämlich die Einsicht in die von ihm unterzeichneten Leistungsvereinbarungen mit dem Ministerium. Erst der Druck durch die Proteste ermöglichte die Einsicht durch einen Angehörigen der ÖH. Dabei machte dieser mit seinem iPhone ein Foto der betreffenden Stellen zur geplanten Einführung von Bachelor und Master bei bestimmten Studienrichtungen entgegen aller universitätsinternen Abmachungen.
Dieses Foto begann zu zirkulieren, trug seinen Teil zu einer spontan demokratisierten Informationspolitik bei. Während einer Besetzung des Vizerektorats eigneten sich die Protestierenden dann das ganze Papier an.

Nicht gehorsam

Diese selbstbewusste Haltung ist eine der Qualitäten dieser Proteste. Die ÖH und andere StudentInnenorganisationen (wie im übrigen auch klassische K-Gruppen Formate) haben gegenüber Protesten der Vergangenheit (1987, 1996, 2000) an Einfluss verloren. Es geht um die Selbstorganisierung unmittelbar Betroffener, die nicht auf ihre Interessensvertretung warten. Gemeinsam mit neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die die Selbstorganisationsfähigkeit von spontanen Bewegungen steigern, führte genau diese Respektlosigkeit zur Emanzipation der Studierenden. Gerade das konkrete Zurechtrücken manipulativer „Sachverhalte“ und die Verweigerung von Revolutions-Pathos stellt darin eine neue Radikalität dar. Viele der Beteiligten sagen in Interviews, sie seien „unpolitisch“ – gerne wird dies auch von den Medien unterstützend oder denunziatorisch aufgegriffen. Genauer zu untersuchen wäre, ob die Organisation „Audimax“ nicht eine Vorschau neuer gesellschaftlicher Praxen ist. „Basisdemokratisch“ ist eine unscharfe Beschreibung dafür und taugt zwar als Gegenpol zu „hierarchisch“ und „repräsentativ“, aber eine neue Begrifflichkeit fehlt. Viele Entscheidungen fallen über „twitter“, ohne dass das Plenum damit beschäftigt werden muss. Diese Beschleunigung und Effektivierung der Entscheidungsfindung lässt auch UnternehmensberaterInnen und Kommunikations-Firmen vom „Audimaxismus“ schwärmen. Welche Auswirkungen es hat, wenn bereits entwickelte, auf dem twitter- Prinzip basierende Systeme in Konzernen eingesetzt werden, ohne dass die Entscheidungshierarchien insgesamt in Frage gestellt werden, bleibt abzuwarten.

Eine andere Universität findet statt

Trotz aller scheinbar spontanen Eruption: Die Proteste sind Ausdruck eines über Jahre angeeigneten Wissens um Machtverhältnisse, Herrschaftsdiskurse und Möglichkeiten, diese zu durchkreuzen. Eines Wissens um Organisationsformen, antisexistische Maßnahmen, demokratisierendes Sprechen im Plenum, angewandte Medientheorie, selbstbestimmte Repräsentationspolitiken etc. Die einzelnen Protestaktivitäten verweisen auf die intensive Beschäftigung vieler Studierender und Lehrender mit diesem Wissen, welches diese unaufhörlich in die Lehre und Forschung der Universitäten einbringen und welches durchaus in akademiefernen Kontexten wie etwa sozialen Bewegungen, feministischen und antirassistischen Kontexten angeeignet wurde. Im normalen Studienalltag profitieren die Universitäten permanent von diesem Wissen. Nun wird es von der Protestbewegung gegen den Normalbetrieb mobilisiert. Diese intensive Auseinandersetzung trifft insbesondere auf die Proteste an der Akademie zu. Andere Universitäten, an denen die Proteste unter anderem von Studierenden in ihren ersten Semestern getragen werden, mobilisierten sich in erster Linie aufgrund der anderen genannten Gründe (ökonomische Krise, Lernen aus vergangenen Reformen etc.).
Die Tragweite der Proteste ist zur Stunde unabsehbar und unschätzbar. Immer wieder ist von einem „Szenario ohne Ende“ die Rede. In den besetzten Räumen werden andere Orte des Wissens, der Forschung und des Lernens geschaffen, des demokratischen und antihierarchischen Handelns – einer Bildungspolitik, die anscheinend weder Ministerien noch Rektorate braucht. Das selbstverständliche Auftreten der „AudimaxistInnen“ könnte auf längere Sicht neben einer Debatte über die Bildungsfinanzierung auch eine Antihierarchie- Debatte in der Gesellschaft eröffnen. Dies zeichnet sich konkret nicht ab, nur: die Audimax- Besetzungen haben sich auch nicht wirklich abgezeichnet.


online seit 04.12.2009 10:21:45 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Franziska Dobuseva


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1943Schwerpunkt "Protest-Wissenschaft"



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