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  Manifest der Wissenarbeiter/innen

Wissen weiterzugeben bedeutet niemals, es zu verlieren.

Wissen ist heute der Kern von Mechanismen kapitalistischer Wertsteigerung, es hat aber auch eine fundamentale Rolle in Produktionsprozessen der Vergangenheit. Heutzutage allerdings, hat es sich in einen der Hauptfaktoren gewandelt, auf dem Wertakkumulation basiert. Im Fordismus war Wissen mehr in Bezug auf Maschinen, als auf die Arbeit selbst relevant, gegenwärtig aber ist es eine Voraussetzung und ein bezeichnendes Element professioneller Arbeitsleistung. Heute haftet es dem Denken und Fühlen jedes Arbeiters, jeder Arbeiterin an. Und genau das ist der Grund, warum es Bestrebungen der Kontrolle, Kommerzialisierung und Enteignung unterworfen ist. Zeitgenössische Wertakkumulation basiert auf dem Missbrauch von Arbeitskraft und sozialer Kooperation. Die – manchmal sehr überzeugende – Implementierung von Entwertungsstrategien in Bezug auf die Arbeitskraft reflektiert die Logik der aktuellen kapitalistischen Wertsteigerung

Die Natur des Wissens

Wissen ist ein Allgemeingut. Es kann per Definition weder privat noch im Besitz des Staates sein. Es kann kein privates Gut sein, weil es seinen Wert aus einem sozialen Kontext bezieht. Und es kann nicht dem Staat gehören, weil Wissen jenseits der Grenzen und Bedingungen existiert, die staatliche Institutionen auferlegen. Wissen impliziert Lernen und die Art von Bewusstsein, die durch Zeit und Erfahrung erreicht wird.
Wissen entwickelt sich nur in einer Umgebung der Zusammenarbeit und Transparenz: Deswegen ist es notwendig, dass wir die freie Zirkulation von Wissen bewahren und damit die Wahlmöglichkeit jener, die am Lernprozess teilnehmen.

Wissen wohnt denjenigen, die es produzieren und verbreiten, inne. Als solches ist es immer einzigartig und verschieden, das heißt, es trägt das Zeichen des wissenden Subjekts; die, die Wissen produzieren oder es annehmen, können dessen niemals völlig enteignet werden. Folglich produziert Wissen einen Überschuss, der jeder Art von Hierarchie potenziell antagonistisch gegenübersteht.

Gleichzeitig ist Wissen nie einfach nur ein individueller Prozess. Es ist strukturiert und entwickelt sich im Laufe des Lebens, durch Gestaltungs- und Lernprozesse, soziale Rollen und Beziehungen und die Ganzheit der wandelbaren Bedingungen, die jedes Subjekt (oder Gruppe) notwendiger Weise durchläuft. Wissen ist ein dynamischer Prozess, der sich historisch durch die Beziehung zwischen der Einzigartigkeit und Allgemeinheit entwickelt, die es charakterisieren.

Wie sehr wir es auch versuchen, wir werden es niemals schaffen, Wissen zu einem exklusiven Privateigentum zu machen. Genau aufgrund seiner Beschaffenheit wird es Abgrenzungen immer ausweichen. Wissen weiterzugeben bedeutet niemals, es zu verlieren.

Die Subjekte des Wissens

Ein/e WissensarbeiterIn ist jemand, der/die zum Großteil oder komplett von ihren/seinen intellektuellen, kognitiven, relationalen, sprachlichen, experimentellen und emotionalen Fähigkeiten Gebrauch macht, um ihren/seinen Job auszuführen. WissensarbeiterInnen produzieren und vermitteln Gemeingüter auf ihre eigene persönliche Weise. Darüber müssen sie Bescheid wissen, um verantwortungsvolle Subjekte zu werden, die fähig sind, einen gemeinschaftlichen Blickwinkel gegenüber der privatistischen Inbesitznahme des kollektiven Erkenntnisgewinns nicht zu verlieren. Diese vertragliche Beziehung, die für WissensarbeiterInnen typisch ist, verborgt sich selbst an ein individuelles Arbeitsverhältnis. Auf gewisse Weise ist dies das Symbol des gegenwärtigen vertraglichen Individualismus.

Aber die Wahrheit ist, dass sich zeigt, dass sich diese aus einer breiten Palette unterschiedlicher persönlicher Verträge, atypischer individueller Beziehungen und verschiedenen individuellen Kooperationen zusammensetzt. Sogar in kollektiven Arbeits-Wettbewerben wird die Basis für sehr individuelle Lohnverhandlungen über Zuschüsse zum Mindestlohn, finanzielle Anreize und Produktivitätsboni geschaffen.

Kollektive Subjektivität

Aufgrund dieser Mechanismen neigen die Arbeitsbedingungen der WissensarbeiterInnen typischerweise dazu, Erpressung und Einwilligung zu unterliegen. Die Erpressung leitet sich aus den individuellen Arbeitsverhältnissen ab, welche oft zu beruflicher Prekarität führen, ganz zu Schweigen von der Unsicherheit des Einkommens sowie der Lebensperspektiven. Konsens wird begründet durch die Tatsache, dass die Sphäre individueller Arbeit auf einer doppelte Illusion basiert: Jene der Möglichkeit, sich selbst frei auszudrücken und zu verwirklichen, sich in der eigenen Arbeit wieder zu erkennen, und jene Illusion, die uns Glauben macht, dass früher oder später unsere Fähigkeiten und Talente erkannt und gefördert werden.

WissensarbeiterInnen leben zwischen der Illusion, eines Tages zu persönlichem Erfolg zu erlangen, und der Misere, welche die Wertverminderung dieser Arbeit mit sich bringt. Das Potenzial der bewussten Subjektivität – in ihrer kollektiven Dimension – der WissensarbeiterInnen wurde weder aufgefasst noch durchgängig erforscht.

Mit diesem Manifest beabsichtigen WissensarbeiterInnen, in erster Linie sich selbst sichtbar zu machen, ins Offene zu kommen, ihre eigenen Bedürfnisse und Forderungen zu erkennen und sich gleichzeitig der rücksichtslosen und dominanten Logik, welche sie von einander separiert und zu RivalInnen macht sowie materiell und intellektuell verarmen lässt, entgegenzustellen.

Wir sind uns sicher, dass Wissen auch dafür genutzt werden kann, um die Werte und Kräfte des Individuums zu stärken, sowohl in sozialen und alltäglichen Kontexten als auch in unberechenbaren beruflichen Kontexten, in denen ein tiefes Wissen eine aufmerksame Wahl erlaubt. Somit machen wir den ersten Schritt, um eine geteilte und angebrachte Antwort auf all diese unpersönlichen subjektiven Kräfte zu formulieren, welche den Krieg gegen die Intelligenz ausgerufen haben.



online seit 28.08.2009 11:09:43 (Printausgabe 46)
autorIn und feedback : Übersetzung: Ariane und Eva


Links zum Artikel:
www.euromayday.org



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