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  Keine Judy Garland, der Regenbogen und die Geschichte

Was war wirklich los in der Christopher Street 1969?

Die Regenbogenparade am 4.Juli 2009 begeht ein historisches Datum - 40 Jahre Stonewall Riot. Der Widerstand der Gäste gegen eine Polizeirazzia in der Schwulenbar in der Christopher Street markiert im historischen Gedächtnis einen entscheidenden aktivistischen Wendepunkt der Schwulen- und Lesbenbewegung (heute ausdiffferenziert in Lesbian/Gay/Bi/Intersex/Transgender/Queer-Teilstränge).

Zeit für die Medien, sofern sie überhaupt darüber berichten, alte Legenden auszupacken. So zum Beispiel, der Tod der gay-Ikone Judy Garland am 27.Juni 1969 sei ein möglicher Auslöser der riots gewesen, wie das z.B. der Falter wieder anführt.

„Ein notorischer Mythos“, so der Historiker David Carter. In einem Vortrag zum Rahmenprogramm einer Ausstellung zum Stonewall-Jubiläum der New York Public Library machte sich der Autor von „Stonewall: The Riots That Sparked the Gay Revolution“ daran, eine Reihe von Mythen über Stonewall zu korrigieren. Der Garland-Tod habe nichts mit den Stonewall-Riots zu tun. Erstens sei in der zeitgenössischen Berichterstattung darüber nichts zu lesen, der Zusammenhang also erst im Nachhinein konstruiert worden. Zweitens hätten die meisten der jugendlichen Beteiligten wenig mit retro-Acts wie Judy Garland am Hut gehabt, sondern seien Fans zeitgenössischer Popmusik gewesen.

Weitere Richtigstellungen von Carter bezogen sich auf die TeilnehmerInnenschaft der Auseinandersetzungen: HauptträgerInnen seien queere Straßenkids aus einem nahegelegenen Park gewesen, nicht die oft behaupteten Drag Queens (Drag war damals illegal, darum lief kaum jemand öffentlich so rum). Heten, linke politische Gruppen und Lesben hätten entgegen anderslautender Behauptungen sehr wohl mitgemacht.

Dass regionalpatriotische Gefühle im Kampf um die richtige Geschichtsversion auch eine Rolle spielen, zeigte sich anhand der Diskussion um das von Carter als Mythos klassifizierte Argument, die Rolle von Stonewall als historischer Markierungspunkt sei nicht der Bedeutung des Events zuzuschreiben, sondern der Tatsache, dass es in New York stattgefunden habe, und deshalb übergroße Aufmerksamkeit genieße. Die TeilnehmerInnenzahl (tausende Menschen), die Dauer (6 Tage), der gewalttätige Charakter, der bewusstseinsverändernde Effekt der Medienberichterstattung über dieses Ereignis sowie seine bewegungsbildende Wirkung verleihen den Stonewall Riots laut Carter verdientermaßen ihre prominente Stellung in der Geschichte.

Wer beim Zuhören den Eindruck hatte, hier verstricke sich jemand in Faktenhuberei und erzähle dem Publikum mehr als es wissen wolle, sah sich in der Diskussion eines besseren belehrt. Etwa ein Drittel der rund 60 Anwesenden stellte sich als damals aktive Beteiligte vor, zum Teil in führender Rolle, und kreuzte die Klingen über Details konkurrierender historischer Wahrheitsdefinitionen. Ein Teilnehmer sah sogar die Stellung von New York als Ausgangspunkt der Bewegung im historischen Gedächtnis durch den Film „Milk“ angegriffen, weil dieser Bewegungsformierung ausschließlich in San Francisco berichte.

Diskussionsbeiträge, die der historischen Debatte eine aktuelle Wendung geben wollten, wiesen darauf hin, dass Stonewall außerhalb der gay community kaum wahrgenommen werde, und die gay history nicht als Teil der US-Geschichte oder der Bürgerrechts-Geschichte begriffen werde. Was aktuelle politische Ziele betrifft, wurde unter anderem auf das Fehlen eines US-weiten Antidiskriminierungsverbots gegen Nicht-Heterosexuelle hingewiesen.

Die Ausstellung, die bis 30. Juni lief, zeigte anhand spannender Originaldokumente einen eher politischen Blick auf die Entwicklung queeren Aktivismus von seinen versteckten Anfängen, über die Formierung zur Bewegung, diversen Fraktionsauseinandersetzungen und Ausdifferenzierung (Bücher zur Austellung hier).

In der MALMOE Ausgabe #46 vom Juni 09 ist ein Schwerpunkt über Queer History im Film.


online seit 02.07.2009 11:27:09
autorIn und feedback : BW


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/erlebnispark/1873Lesbisches Leben im Wien der Nachkriegszeit



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