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  Widerstand bilden

Ein Roundtable zu antifaschistischer und antirassistischer Bildungsarbeit

Strategien gegen rechte Alltagskultur sind vom Kampf um Hegemonie und Definitionsmacht nicht zu trennen. Zum Gespräch über antifaschistische und antirassistische Bildungsarbeit, Widerstandsstrategien und Allianzen traf MALMOE Belinda Kazeem (Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte), Rebecka Raubein (AK gegen den Kärntner Konsens), Eva Egermann (Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen) und Nora Sternfeld (Kunstvermittlerin/ TrafoK, Autorin von „Das pädagogische Unverhältnis”).

MALMOE: Inwiefern spielt in eurer politischen Arbeit der Begriff „Bildung” eine Rolle?

Eva: Bei der Lagergemeinschaft Ravensbrück geht es um Bildungsarbeit im Hinblick auf die Aufarbeitung von Geschichte. Der Slogan der Überlebenden nach 1945: „Niemals vergessen!“ steht im Vordergrund. Insofern steht eigentlich die gesamte Arbeit der Lagergemeinschaft unter dem Motto des Nicht- Vergessens von Nationalsozialismus und dem Kampf dagegen. Die Überlebenden haben vor einigen Jahren angefangen, jüngere Frauen einzuladen, mit ihnen zu arbeiten. Der Gedanke der Bildung und der Aufarbeitung der Geschichte scheint mir dabei schon zentral zu sein. Ziel ist auch, diese Struktur zu erhalten, als Ort und Struktur, um sich aktiv mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen und diese Struktur sichtbar zu machen.

Rebecka: Der AK gegen den Kärntner Konsens ist eigentlich ein klassisch antifaschistischer Protest, sehr aktions- und erlebnisorientiert – etwas, das gerade junge Menschen, vor allem männliche, anspricht. Gleichzeitig ist es eine Blockade, die konkret das Ulrichsbergtreffen verhindern soll, ein Treffen von Neonazis, SSund Wehrmachtsveteranen. Es geht um die Thematisierung von Gedächtnispolitik und Denkmalkultur, da sich ja auch das Ulrichsbergtreffen einreiht in die Gedenkorte “von und für Rechts”. Gleichzeitig geht es uns ganz klar darum, gegen die herrschende SlowenInnenfeindlichkeit und den Rassismus SlowenInnen gegenüber aufzutreten. Es wurde uns der Vorwurf gemacht, die Aufstellung zweisprachiger Ortschilder und Grundrechte für SlowenInnen einzufordern, wäre eine legalistische und weiche Forderung. Trotzdem ist es notwendig, etwas zu fordern, das seit über 50 Jahren Verfassungsgesetz ist. Gleichzeitig ist es meiner Meinung nach notwendig, militant vorzugehen. Diese beiden Aspekte finde ich spannend. Für viele, die am AK partizipieren, ist es interessant, über die eigene Strategie nachzudenken..

Eva: Du sprichst sozusagen auch die Selbstbildung von AktivistInnen an. Wenn es aber diese Proteste nicht gäbe, würden viele vom Ulrichsbergtreffen überhaupt nichts wissen. Insofern finde ich eure Recherche und Infoarbeit total wichtig.

Nora: Protest und politische Arbeit sind ganz wichtige Lern- und Verlernorte. Sowohl durch die Mobilisierung als auch durch die konkrete politische Aktion wird es notwendig, Differenzen auszutragen. Für politische Bildungsarbeit ist der Aspekt des Aktivismus genauso wichtig wie der Aspekt des Zusammensitzens und Lesens.

Rebecka: Wir wollten nachschauen, was dieser Wallfahrtsort eigentlich ist und welche Tafeln dort hängen. Es sind zwischen dreißig und vierzig Tafeln und jede verweist auf eine spezifische nationalsozialistische Gruppe. Wir fingen an, über diese Gruppen zu recherchieren, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, – viele sind zerstritten, das ist eigentlich ganz schön – welche Rolle sie in der Ulrichsberggemeinschaft spielen, der die Funktion eines Dachverbandes zukommt. Das alles ist Ausdruck einer Kärntner Normalität. Die Feuerwehr und der Schützenverein sind mit dabei etc. Mittlerweile haben wir vier Broschüren herausgegeben. Außerdem haben wir zweimal antifaschistische Stadtspaziergänge zum Thema Denkmalkultur und jüdische Geschichte in Klagenfurt unternommen.

Habt ihr abgesehen davon auch versucht Allianzen und Netzwerke zu bilden, um eure Position zu stärken?

Rebecka: Es gibt niemanden, der mit uns Allianzen bildet. Es ist alles andere als leicht, Gegenöffentlichkeit herzustellen oder jemanden zu erreichen. Die Arbeit geht eher von Wien aus. Wir arbeiten ab und zu mit den Wiener Grünen zusammen, z.B. für parlamentarische Anfragen.

Eva: Wenn man von Gedenken spricht, geht es natürlich auch immer um das Organisieren von Veranstaltungen bzw. um ein Einfluss- Nehmen auf die Diskussion um Gedenken in Form von Veranstaltungen oder der Gestaltung diverser Orte. Es geht aber sehr wohl auch immer um aktives Tun und Handeln als antifaschistisches Gedenken. Ich erlebe die Struktur sehr offen und bin auch immer diejenige, die Leute einlädt mitzukommen. Ich finde es aber gar nicht so einfach, Leute zu finden, die sich engagieren wollen. Insofern finde ich die Frage interessant, was es für Allianzen geben könnte, um das attraktiver zu machen.

Ich bin zum Beispiel ja auch über ein Zeitzeuginnengespräch dazu gekommen. Irma Trksak meinte dann nach dem Interview: „Ihr könnt ja kommen. Kommt doch her, in die Lagergemeinschaft.“ Und das habe ich dann auch gemacht und fand es sehr spannend, da es eine totale Durchmischung von unterschiedlichen Generationen von Frauen ist, die alle ihre eigenen Bezüge zu diesem Thema haben. Es ist ein sehr spannender Zusammenhang von Leuten aus unterschiedlichsten Kontexten, die sich auch politisch in verschiedensten Bereichen engagieren.

Belinda: Was die Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte versucht, ist zunächst einmal, Schwarze Geschichte aus unserer Perspektive zu erzählen. Natürlich konntest du vorher schon etwas über Angelo Soliman lesen, aber die Frage ist, aus welcher Perspektive. Für uns war es spannend, danach zu fragen, wie wir etwas erzählen können. Und natürlich ist das Bildung! Es geht für mich auch darum, meine eigene Bildung voranzutreiben bzw. viele Dinge zu vergessen und hinter mir zu lassen, die ich davor gelernt hatte. Aber ich mache es nicht, um Leuten etwas zu zeigen. Es ist fein, wenn Leute etwas davon sehen wollen und es annehmen, aber es ist nicht mehr mein Hauptgrund, verstanden zu werden, weil ich immer mehr glaube, dass Rassismus kein Informationsproblem ist. Es geht nicht darum, dass die Leute zu wenig wissen. Ich glaube, dass ich bei mir selbst anfangen muss, meine eigenen Bildung vorantreiben muss. Deshalb gehe ich natürlich zurück in der Geschichte und schau mir an, wie sich bestimme Sachen überhaupt entwickelt haben. Auch um darauf zu kommen „Hey! das ist gar nicht so wie ich dachte”. Die Frage ist immer auch, an wen ich mich richte, wenn ich mich damit an eine bestimmte Öffentlichkeit wende?

Nora: Bei Eurer Arbeit habe ich aber schon das Gefühl, dass die Schule ein Kampfort ist. Z.B. Wenn ich an euer Video “Let it be Known” denke. Da ja die Schule bis heute ganz offensiv rassistische Selbstverständnisse weitergibt, in den Schulbüchern usw. Wenn ich an antirassistische Bildungsarbeit denke, dann ist das auch antirassistische Arbeit am Bildungssystem und seiner Logik. Ich habe oft das Gefühl, dass mit Schlagworten wie “antifaschistisches Wissen” eher Dinge legitimiert werden, die das System intakt lassen und im Gegenzug die SchülerInnen zu RassistInnen und AntisemitInnen machen. Ich stelle mir die Frage, was hier passiert: Einerseits gibt es einen expliziten rassistischen Alltag in Schulprogrammen und Schulbüchern, werden Ausschlüsse bestimmter Lebensrealitäten produziert. Andererseits taucht dabei immer die Frage nach Modellen auf, die die Jugendlichen weniger rassistisch oder antisemitisch werden lassen. Ich habe das Gefühl, auch das ist längst eine Herrschaftstechnik geworden. Es gibt eine lange Geschichte des Antifaschismus, der seinen eigenen Antisemitismus nicht befragt hat, weil er sich so sicher war, dass er davon frei und auf der „richtigen Seite” sei. Aus dieser Sicherheit heraus wird eine Differenz zwischen dem eigenen Sprechen und beispielsweise dem der Lehrlinge eingezogen, welche dann als rassistisch, antisemitisch usw. gelten. Wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut, so sieht man, dass FPÖ und BZÖ in bürgerlichen Kontexten weniger profitieren konnten als etwa bei den über 16-jährigen BerufsschülerInnen. Dabei sind diese nicht mehr und nicht weniger rassistisch und antisemitisch als der Rest der Gesellschaft. Welche Art von herrschaftlicher Gliederung findet statt, wenn z.B. migrantische Jugendliche des Antisemitismus bezichtigt werden oder wenn Lehrlinge, die eben nicht das richtige Vokabular haben, ganz einfach als RassistInnen gelten. Deshalb finde ich die Frage nach den Selbstverständnissen jener, die meinen, antifaschistisch zu sprechen, wichtig.

Daran anschließend: Was bedeutet antifaschistische Arbeit in der Schule, wenn hier oftmals die so genannte Schlussstrichdebatte reproduziert wird? Und was bedeutet es, wenn in den Klassen Jugendliche mit Migrationshintergrund sitzen, deren Großeltern weder TäterInnen noch Opfer waren?

Nora: Es sitzen auch viele SiegerInnen da. In Deutschland ist es so, dass viele SchülerInnen den „Schlussstrich” tatsächlich immer wieder zum Ausdruck bringen. In Österreich habe ich das bei der Wehrmachtsausstellung kein einziges Mal gehört – im Gegenteil: Im Programm suchten sich die SchülerInnen eher die Basics aus, z.B. die Bereiche zur Shoah, während in Deutschland eher marginalere Bereiche ausgewählt wurden, wie z.B. die Hungerpolitik. Also gibt es hier eher wenig Wissen und interessanterweise auch nicht das Gefühl, dass es zu viel ist. Was außerdem interessant ist, dass immer unterstellt wird, dass „MigrantInnen im Schulunterricht” davon nichts wissen wollen. Es gibt aber viele SchülerInnen, die sich im Unterricht gerade deshalb für Referatsthemen zu Antisemitismus melden, weil sie eine Parallele zu ihren eigenen Erfahrungen herstellen können.

Belinda: So erlebe ich das an der Universität auch. Einerseits erlebe ich, dass Vortragende dasitzen und von einem „Wir” sprechen, das einfach überhaupt nicht in dem Seminarraum besteht. Andererseits, dass MigrantInnen, Schwarze Leute speziell, interessiert sind am Thema Nationalsozialismus. Weil es gerade darum geht, zu schauen, was ist damals passiert, was passiert heute, darum, einfach die Verbindung herzustellen. Ohne parallelisieren zu wollen, gibt es einfach Kontinuitäten, die meine tägliche Realität angehen. Sicher gibt es aber auch viele Kids, die von Schlussstrich reden, weil sie diesen Konsens einfach nachbeten.

Rebecka: Ich finde es auch einen sehr unangenehmen Reflex, alles immer auf die Jugend abzuschieben. Die Jugend macht eh immer alles falsch, und im Zweifelsfall ist sie sogar noch „rechter”, als die bürgerliche Mitte es von sich selbst zugeben will. Problematisch ist auch die „Stunde Null”-Setzung des Jahres 1945. Das spielt auch beim Weltbild der LehrerInnen selbst eine große Rolle. Nie wird thematisiert, in welcher Form Nazis nach ‘45 teilweise dieselben Posten hatten und welche Karrieren sie damit machten.

Belinda: Das Thema wird verhandelt, als wenn es eine Kiste wäre, die irgendwo vor 50 Jahren passiert ist. Die Kontinuitäten werden marginalisiert und „am Rand” der Gesellschaft verortet, aber „wir” müssen uns nicht anschauen, was da passiert ist. Es hat angeblich auch nichts mit der heutigen Politik zu tun, mit Fremdenrechtspolitik oder Migration. Als wäre 1945 ein Bruch passiert, wo man sagte: „Nie Wieder”. Wenn die Bildungsarbeit in der Schule nicht erkennt, wie wichtig das Aufzeigen der Kontinuitäten ist, dann herrscht ein echtes Problem.

Nora: Es ist notwendig, sich der Schwierigkeit oder Unmöglichkeit zu stellen, Ungerechtigkeitsverhältnisse zusammenzudenken. Und mitzudenken, dass wir es mit einem segregativen Schulsystem zu tun haben, das die AHS-SchülerInnen total gegenüber der anderen Hälfte bevorzugt. Man muss sich klarmachen, dass eine antifaschistische Bildungsarbeit auch eine ist, die antisexistisch ist und die sich mit Ausbeutungsverhältnissen beschäftigt und mit der Ungerechtigkeit des Schulsystems. Nur dann macht sie auch Sinn. SchülerInnen haben ja rassistische Worte nicht erfunden – das sind gesellschaftliche Diskurse, die ihnen in einer Art Läuterungsverfahren im antifaschistischen Workshop von den wissenden LehrerInnen unter Erleiden von Scham ausgetrieben werden sollen. Dieses moralische Verhandeln muss klar über Bord geworfen werden. Es geht um die Frage, wie heute Antifaschismus verhandelt wird und gegen wen Positionen durchgesetzt werden müssen. Wenn diese Frage gestellt wird, sagen die Jugendlichen nie, „Das hab ich schon tausendmal gehört”, sondern beziehen Position. Auch Positionen, von denen wir lieber hätten, dass sie diese nicht beziehen. Hier kann es auch zu Auseinandersetzungen kommen. Was halten wir denn eigentlich von der Mobilisierung von Jugendlichen? Lange hat Bildungsarbeit nicht nur Aufklärung bedeutet, sondern auch Mobilisierung. Es war z.B. absolut klar für die kommunistische Partei in den 20er Jahren, dass Jugendarbeit Politik bedeutet und politische Mobilisierung. Zum Thema Allianzen möchte ich daher fragen: Wie ließe sich an die (Selbst-) Mobilisierung von Jugendlichen anknüpfen, auch in Form von Allianzenbildung? Wissend, dass jede Art dieser Form von blockartiger Mobilisierung sehr viele Ausschlüsse und Formen von epistemischer Gewalt mit sich bringt. Was wäre eine zeitgemäße Mobilisierung?

Rebecka: Jugendliche haben sich ja auch in den 60er und 70er Jahren, zu der Blütezeit der „politischen Jugend“, auf eine Art und Weise organisiert und zusammengetan, die heute überhaupt nicht mehr im Gedächtnis ist. Der männliche Anti-Vietnam-Student etc. schon, aber dass es eine Lehrlingsbewegung gab, dass Leute aus Heimen ausgebrochen sind und was besetzt haben zusammen z.B., das ist ja heute alles vollkommen in Vergessenheit geraten. Dass sich damals Leute, die an die verschiedensten Verhältnisse aneckten, organisiert haben, ist total aus der Erinnerung gestrichen worden.

Nora: Stimmt. Und ich glaube auch, dass das
eine Frage der Repräsentation ist, weil es einfach auch keine Bilder von Jugendlichen gibt, die politisch aktiv sind, sondern vielmehr von unpolitischen JungkonsumentInnen. Ich bin mir sicher, jede SchülerInnenzeitung hat um sich herum eine Art der Organisation. Und ich frage mich, warum wir die Anbindung auch dazu verloren haben.

Es ist sehr wichtig, Räume zu haben, in denen die eigenen Erfahrungen, etwa mit strukturellen Rassismen, überhaupt mal ausgedruckt werden können. Diese Erfahrungen bringen im Schulzusammenhang extreme Vereinzelungslogiken mit sich, und es gibt keine Ressourcen für die Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus. Wenn etwas vorfällt, wird die Rassismus-Polizei angerufen.

Belinda: Ich denke schon dass das eine Frage des politischen Willens und der Ressourcen ist. Ob es überhaupt die Möglichkeit gibt, Räume zu haben, in denen einfach auch gestritten werden kann. Klar kommen in der Bildungsarbeit manchmal unangenehme Sachen an die Oberfläche. Aber ich finde es gut, wenn man darüber diskutieren kann. Und dafür braucht es auch diese Räume, die ich leider nicht wirklich sehe.

Ich habe Workshops mit angehenden LehrerInnen gemacht, die teilweise extrem erschreckend waren. Es wird sehr stark mit einem Konzept des “interkulturellen Dialogs” gearbeitet: diese Woche die eine Bennetton- Gruppe eingeladen, nächste Woche eine andere, und am Ende kommt raus: „Der Ali ist ein lieber Bub, er schaut zwar anders aus, aber er ist lieb!“ Außerdem frage ich mich, wieso diese ganze Thematik immer so als Extrabox behandelt werden muss. Wieso sind Antirassismus und Antisexismus nicht im normalen Unterricht integriert? Das sind keine einzelnen Kisten, die ich je nach Bedarf rausziehe, sondern das muss eben integraler Bestandteil des Unterrichts sein.

Nora: Zusätzlich müsste es um demokratische Möglichkeiten im Schulzusammenhang gehen. Ich glaube, es gibt einfach eine unglaubliche Angst davor, dass sich Jugendliche selbst organisieren. Es ist scheinbar alles sehr entideologisiert. Dass es Sinn machen würde, sich während der Schulzeit politisch zu organisieren, ist kaum denkbar. Wenn ich darüber nachdenke, wo ich meine eigenen Rassismen etc. verlernt habe, dann war das sicher sehr stark im Aktivismus, mehr als in irgendwelchen Workshops.

Inwiefern hat sich die Situation für Euch nach dem Wahlergebnis geändert? Welche Schlüsse oder zukünftigen Strategien zieht ihr daraus?

Nora: Was im Jahr 1999 der große Skandal war, war ja die Koalition mit den Rechten, die ja dann auch zu einer Mobilisierung geführt hat, welche sich gegen diesen Tabubruch gerichtet hat. Jetzt ist dieses Wahlergebnis so wie es ist. Soll man gegen eine Wahlentscheidung protestieren? Und daher verstehe ich schon sehr gut warum ihr diese Sondernummer macht und die Frage nach Bildung stellt. Wann Bildung als Frage auftaucht ist ja auch interessant.

Mich hat dieses Wahlergebnis aus mehreren Gründen auch sehr alarmiert. Mir ist klar geworden, dass die sozialen Ausschlüsse in Österreich auch Folgen haben. Weiters ist es einfach so, dass es eine lange Tradition gibt, dass Wahlen auf Kosten derer gemacht werden die nicht wählen dürfen. Das ist diesmal wieder gelungen. Ein Wahlkampf nach dem anderen reiht sich ein in die Tradition der Naziwahlkampagnen wie z.B. „Österreich den Österreichern“. Diesem Diskurs gelingt es zum Wahlkampfthema Nr.1 die Leute zu machen die nicht wählen dürfen.

Wenn einem das dann wieder alles so klar wird, wird daraus auch Handlungsbedarf generiert, was ich wichtig finde. An solch einem Punkt wird einem wieder vorgeführt was österreichische Normalität ist.

Rebecka: Ich war während der Wahl in Deutschland und als ich zurückgekommen bin hatte ich das Gefühl dass alle im Schock sind. Ich finde es gut zu schauen was jetzt für Analysen möglich sind. In meinem Umfeld kriege ich das gar nicht so richtig mit. Es gibt Leute die haben überlegt jetzt ein Zeitungsprojekt zu starten, aus einer Hilflosigkeit raus, irgendwas machen zu wollen. Relativ kurz nach der Wahl war der 10. Oktober, der Bleiberechtstag. Das war ein ganz gutes Gefühl, weil da immerhin 500 Leute waren, was für Wiener Verhältnisse gar nicht so schlecht war. Und die Demo war ganz gut.

Trotzdem, ich denke die 30 Prozent erklären sich durch den rassistischen Wahlkampf. Alles andere was da sonst noch aufgefahren wurde wie Sexismus, Homophobie, Herrschaftsverhältnisse über soziale Absicherung etc. waren keine ausschlaggebenden Gründe. Es war einfach ein rassistischer Wahlsieg.

Eva: Ich habe auch keine richtige Antwort. Ich finde es aber schon bemerkenswert wie sich so eine Normalisierung der letzten Jahre einfach fortsetzt und nach so einem Wahlergebnis kaum etwas passiert. Das zeigt dass es nach wie vor und gerade jetzt wichtig ist Konflikte zu äußern und sichtbar zu machen, den Alltag zu problematisieren.

Belinda: Aber zu einem gewissen Grad auch weil es absehbar war, was da rauskommt. Lass uns doch alle nicht so tun, als wenn das ne großartige Überraschung gewesen wäre. Für mich war es keine Überraschung. Ich hab genau das erwartet.

Nun gibt es sozusagen eine Bestätigung dafür. Das ist aber noch lang kein Grund nichts zu tun. Warum wird daran nicht angeknüpft und dies nicht als Aktionsraum genutzt? „Ok wir haben es erwartet aber trotzdem!“

Belinda: Mich persönlich hat es ehrlich gesagt ein bisschen in eine Lethargie versetzt. Ja ich hab‘s mir erwartet. Ich für mich hab nun überhaupt gar nicht an Organisieren oder so gedacht, sondern ich hab hinterfragt was ich eigentlich tue. Und ich finde das wäre auch nicht schlecht zu überlegen: „Was machen wir da eigentlich? In welcher Sub-Szene sind wir? Wie sprechen wir? Mit wem sprechen wir? Und wo kommen wir da überhaupt hin?“ Und das waren all die Fragen mit denen ich eigentlich bis jetzt noch beschäftigt bin. Ich frage mich: „Wie kann man unsere Sprache die wir haben brechen und diese 30 Prozent in irgendeiner Form ‚erreichen‘ oder was auch immer?“

Nora: Ich sehe das ähnlich, denke gleichzeitig aber auch: „Danke, dass wir unsere Sub-Szene haben!“ Denn ich erinnere mich an 1999 und als ich mir die Wahl und das Wahlergebnis angesehen hab. Ich war einfach viel mehr allein mit dem Ergebnis als ich das jetzt bin. Ich finde dass es sehr wohl gelungen ist, eine Parallelwelt zu erzeugen, in der ich auch sehr froh bin zu sein. Ich finde auch das ist eine ganz wichtige Arbeit und es ist auch ein Luxus den wir haben, dass es einen Raum gibt wo wir über viele Dinge sprechen können und nicht so ausgesetzt sind, wie vielleicht eben in unorganisierterer Form davor.



online seit 26.02.2009 13:40:38 (Printausgabe 44)
autorIn und feedback : Katharina Morawek


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1749MALMOE-Schwerpunkt "Wir nennen es rechtsextrem"



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