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  „Sie sind alle gleich“

Der Sprecher der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN äußert sich zur politischen Klasse in Mexiko, zur Lage in Chiapas – und zu seinen Rauchgewohnheiten.

Die Zapatistas sind aus der Mode gekommen. Die Bewegung, die als Guerilla 1994 im Süden Mexikos ihren Aufstand begann und damit weltweit eine Welle linker Mobilisierungen gegen den Neoliberalismus in Gang setzte, hat viele ihrer früheren Fans verloren. Das hat verschiedene Gründe. International haben andere Modelle wie die Bolivarianische Revolution in Venezuela die revolutionsbegeisterte Aufmerksamkeit vom Zapatismus abgezogen. Und in Mexiko haben sich viele von den Zapatistas abgewandt, als diese sich weigerten, die Kampagne des Präsidentschaftskandidaten der sozialdemokratischen Partei der Demokratischen Revolution (PRD), Andrés Manuel López Obrador, bei den Wahlen 2006 zu unterstützen. Als dann auch noch der Konservative Felipe Calderón Präsident wurde, gaben viele Linke – trotz des offensichtlichen Wahlbetrugs – den Zapatistas die Schuld.

Diese ehemaligen Verbündeten stehen nun im Zentrum des Gesprächs, das die Journalistin Laura Castellanos mit dem Sprecher der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN, Subcomandate Marcos, für die Zeitschrift Gatopardo geführt und unter dem Titel „Corte de Caja“ als Buch veröffentlicht hat. Corte de Caja bedeutet so viel wie Abrechnung. Die Betonung liegt allerdings weniger auf wütender oder analytischer Polemik gegen frühere FreundInnen und alte GegnerInnen. Die Abrechnung besteht eher darin, einen Strich unter die vergangenen vierzehn Jahre seit Beginn des Aufstands zu machen, um zu sehen, was bleibt.

Das Buch beginnt mit den Erfolgen der Bewegung. Die Zapatistas kontrollieren im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas über dreißig Landkreise. Dort existiert seit 2003 eine von den Dörfern selbst getragene Verwaltungsstruktur. Politische Entscheidungen werden in den so genannten Räten der Guten Regierung gefällt, ihre Mitglieder rotieren im Zehn-Tages- oder Zwei-Wochen-Rhythmus. Es gibt wohl nur wenige Orte wie diese auf der Welt, sagt Marcos, wo die Regierenden nach getaner Arbeit nicht reicher sind als vorher, dieselben Bedürfnisse haben und derselben Arbeit nachgehen wie vor Ausübung ihres Amtes. Politik dürfe keine Angelegenheit von SpezialistInnen sein.

Neben diesen programmatisch auf Ermächtigung der Basis zielenden Momenten gibt es auch ganz materielle Erfolge: Auch wenn die indigene Bevölkerung im zapatistisch kontrollierten Gebiet nach wie vor bitter arm ist, hungern muss hier niemand mehr. Die Kindersterblichkeitsrate und der Alkoholismus sind deutlich zurückgegangen, die Gesundheitsversorgung funktioniert besser als in staatlichen Institutionen und die zapatistische Rechtssprechung wird auch von vielen Nicht-Zapatistas in Anspruch genommen. Und das alles wurde, nicht zu vergessen, unter Bedingungen durchgesetzt, die bis heute von militärischer Belagerung und paramilitärischen Angriffen geprägt sind.

So faszinierend sich auch die Autonomie gestaltet, der Bruch mit der politischen Klasse und den Intellektuellen hat die Zapatistas in der nationalen und internationalen politischen Arena weit gehend isoliert. Während ihre Ideen und Netzwerke die globalisierungskritischen Proteste von Genua 2001 noch stark prägten, spielten sie schon bei der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel von Heiligendamm 2007 keine Rolle mehr. Auf die globalisierungskritischen Bewegungen geht auch Marcos im Interview mit keinem Wort ein. In Mexiko selbst spielten die Zapatistas weder bei den Protesten gegen den Wahlbetrug bei der Präsidentschaftswahl 2006 noch während des Aufstands in Oaxaca im selben Jahr eine nennenswerte Rolle. In Bezug auf die politischen Parteien behauptet Marcos schlicht: „Sie sind alle gleich.“ Als Konsequenz dieser fundamental libertären Haltung suchten die Zapatistas das Bündnis mit gesellschaftlichen Gruppen, die sie „die von unten“ nennen: Jugendliche, SexarbeiterInnen, Homosexuelle, also Leute, die wie die Indigenen politisch und sozial nicht repräsentiert sind. Dies waren auch bereits die Zielgruppen für „Die Andere Kampagne“, die die zapatistische Bewegung als Alternative zur Präsidentschaftswahlkampagne 2006 als basisdemokratische Mobilisierung initiierte. Dieser Kampagne hatten sich immerhin knapp 1.000 Organisationen und Gruppen im ganzen Land angeschlossen. Man sei nun an dem Punkt angelangt, betont Marcos im Interview, sich wieder zu überlegen, wie eine Organisierung dieser Basisinitiativen auszusehen habe.

Inhaltlich sieht Marcos den Kampf gegen die Privatisierung der Ressourcen, seien es Elektrizität, Öl oder biologische Vielfalt, als Aufgabe der nächsten Jahre an. Dabei kann durchaus die Frage aufkommen, wie dieser Kampf ohne Bündnisse mit Gewerkschaften oder auch den linken Rändern des Parteienspektrums geführt werden soll. Castellanos fragt es den Subcomandante nicht. Die Journalistin kommentiert zwar immer wieder für die LeserInnen das Gesagte, hält sich aber mit kritischen Nachfragen eher zurück. Vielmehr bemüht sie sich, auch den „Menschen hinter der Maske“ hervor zu locken. Das ist manchmal recht amüsant, wenn Marcos beispielsweise auf die Frage nach seinem Alter sagt, er sei ein junger Hüpfer, nämlich 24 und man weiß, dass er auf seinen Weg in die Klandestinität Anfang der 1980er Jahre anspielt. An anderen Stellen allerdings geht dieser Fokus auf die Person auch ziemlich auf die Nerven: Gerade, als Marcos ein wenig ausholt, um die Beziehungen der EZLN zu anderen bewaffneten linken Gruppen in Mexiko zu erläutern, lenkt Castellanos die Aufmerksamkeit der LeserInnen auf seine Pfeife und fragt ihn, seit wann er raucht.

Den Kult um seine Person, das sei das einzige, was es auf alle Fälle zu vermeiden gelte, betont der Guerilla-Sprecher auch in diesem Gespräch. Da geht es um die Frage, was er an der zapatistischen Politik der letzten vierzehn Jahre heute anders machen würde. Dass Marcos als Figur aber auch in Zukunft nicht unwichtiger für die öffentliche Wahrnehmung des Zapatismus sein wird, daran haben Bücher wie dieses paradoxer Weise immer ihren Anteil.

Nachdem sie in der 1990er Jahren mit verschiedenen landesweiten und internationalen Aktionen wie zwei so genannten Intergalaktischen Treffen von AktivistInnen und Intellektuellen aus aller Welt 1996 und 1997 oder einer groß angelegten Befragung der mexikanischen Bevölkerung zu ihren Zielen 1999 Aufsehen erregten, ist es nach der letzten großen Mobilisierung 2001 auch medial recht still geworden um die so genannte „Medienguerilla“. Im Februar und März 2001 tourte die Kommandantur der EZLN mit rund 2.000 BegleiterInnen in einer groß angelegten Veranstaltungstour durch die südlichen mexikanischen Bundesstaaten bis nach Mexiko-Stadt. Ziel der Reise war die Werbung für die Einhaltung der Verträge von San Andrés, die die Guerilla 1996 mit der Regierung ausgehandelt hatte und die eine weit gehende Autonomie der indigenen Gemeinden garantiert hätten. Aus der Umsetzung wurde jedoch nichts, das Parlament verabschiedete stattdessen mit den Stimmen der PRD ein folgenloses Indígena-Gesetz. Daher rührt auch der Verratsvorwurf, den Marcos gegenüber der PRD in diesem Gespräch erneuert.

Eine neue, zurückhaltendere Strategie gegenüber den Medien hätten die Zapatistas jedenfalls nicht entwickelt. Überhaupt hätten sie keine Medienstrategie sagt Marcos, „wir improvisieren immer.“ Diese strategische und programmatische Offenheit war lange Zeit ein mobilisierendes Moment am Zapatismus. Dass es momentan eher mit der politischen Randständigkeit einhergeht, sieht Marcos nicht als Problem. Die Improvisation und das Unbestimmte, darin seien sie geübt. Von dieser Position aus wären ihnen die Dinge immer gut gelungen. Es ist also keinesfalls politisch-perspektivisch gemeint, wenn Marcos der Interviewerin auf die Frage, ob er zwischenzeitlich nicht mal gedacht habe, „Schluss jetzt, ich habe keine Lust mehr, Marcos zu sein“ trocken antwortet: „Nach jedem Interview.“




Laura Castellanos: Corte de Caja. Entrevista al Subcomandante Marcos. Mit Fotos von Ricardo Trabulsi, Mexiko D.F. 2008.

Das Buch ist in spanischer Sprache zu bestellen über den Vertrieb von Café Libertad, Hamburg. In deutscher Übersetzung erscheint es demnächst in der Hamburger Edition Nautilus. Der Verkauf kommt den Zapatistischen Gemeinden zu Gute.



online seit 06.02.2009 16:03:39
autorIn und feedback : Jens Kastner


Links zum Artikel:
www.cafe-libertad.de



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