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„Aber Papi, das ist doch nur Party!“

Zwischen „unpolitischer“ Jugendkultur und konformistischer Rebellion

Seit bei den Nationalratswahlen laut Meinungsforschungsinstitut GfK bei den „Unter-Dreißig- Jährigen“ jeder zehnte Haider und jeder dritte Strache und dabei auch noch die jungen Frauen signifikant häufiger BZÖ und FPÖ gewählt haben, stehen Jugendliche an und für sich wieder unter Generalverdacht. Die Zahlen scheinen eindeutig: Bei den Erstwählern sind es laut Falter sogar 44 Prozent, die der FPÖ und Heinz C. Strache ihre Stimme gaben. Nicht wenige BeobachterInnen weisen auf die entscheidende Rolle der FPÖ-Jugendkultur-Strategie hin, die vor allem darin bestand, dass Strache sich in stilistischer Abgrenzung zu den Volksparteien ÖVP und SPÖ sowie den Grünen als Disko-Held zu inszenieren vermochte. Focus schrieb, „Der flott auftretende Strache ging dagegen nächtelang in Discos auf Jungwählerfang, denn zum ersten Mal durften in Österreich schon 16-Jährige ihre Stimme abgeben. ‚Er verteilte Getränkegutscheine und sprach die Jugendlichen an’, erzählt Ivana, 18, die ihm dort begegnet ist. ‚Er sagt, es gibt zu viele Asylbewerber, die alle Sozialschmarotzer sind, weil sie nichts arbeiten’“.

Tatsächlich zeichnet sich in diesem Wahlergebnis ein überwiegend jugendkulturell formatierter rassistischer und nationalistischer Diskurs ab. In Deutschland, vor allem in Ostdeutschland, ist auf Wahlebene hierfür nach wie vor die NPD zuständig, die aber – im Unterschied zu Österreich – aus der Schmuddelecke bisher nicht herausgekommen ist. Gemeinsam ist diesen Wahlergebnissen in Ostdeutschland wie in Österreich allerdings auch der Geruch der konformistischen Rebellion, die im Wesentlichen darin besteht, es „denen da oben“, den „Alt“-Parteien, einmal zu zeigen. Die über diese Entwicklung in Gang gekommene Debatte operiert mit zwei Aprioris: Entweder wird von einem Rechtsruck oder einer generell unpolitischen Jugend ausgegangen.

Fahnen und Party-Nation

Es war während der WM 2006, als sich im Gefolge eines attraktiveren Fußballspiels Deutschland in ein einziges Deutschland-Fahnenmeer und öffentliche Plätze in eine einzige Party verwandelten. Dieser Dauerparty ging die Werbekampagne „Du bist Deutschland“ voraus, die mit den Mitteln der Popkultur einen positiven Bezug zur deutschen Nation zu stiften versuchte. Im Rahmen dieser Kampagne wurde allerdings mit einem „modernisierten Volksbild“ operiert, das im Unterschied zum Nazi-Faschismus keineswegs auf ein rein weißes Deutschland zielt. Dabei stellt sich die Frage, ob die Gefährlichkeit eines solchen Nationalismus tatsächlich über den historischen Bezug ergibt, oder es sich nicht eher umgekehrt verhält: Gerade weil sich diese Spielart des nationalen Diskurses im Unterschied zum historischen konstituiert, kann sie ganz andere Fahrt aufnehmen und entsprechend unangenehme Folgen zeitigen. Die Party-Nation während der WM 2006 stellte die empirische Konkretion dieses Diskurses dar.

Dabei erlebte der Verfasser eine bezeichnende Episode im eigenen Freundeskreis. Im Verlauf einer Diskussion über die möglichen Ursachen des beobachtbaren Fahnen-Nationalismus, dem die Anwesenden durchwegs ablehnend gegenüberstanden, entgegnete eine der Diskussion beiwohnende 13-jährige Tochter ihrem Vater: „Aber Papi, das ist doch nur Party!“ Ob dieses entwaffnenden, emotional engagiert und empört vorgetragenen Ausspruchs zeigten sich die anwesenden Älteren (fast allesamt in den 70er Jahren politisch sozialisiert) irritiert. Schließlich war die junge Frau alles andere als politisch im rechten Fahrwasser unterwegs.

Nun lässt sich natürlich einwenden, mit einer Deutschland-Fahne am Auto herumzufahren ist etwas anderes, als einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Ein Grund für die Defensive, in der sich der anti-nationale Diskurs befindet, besteht darin, dass die Kritik am Nationalismus nicht auf der Höhe der Zeit ist. Der Hinweis auf den Nazi-Faschismus verfängt heute offensichtlich nicht mehr. Davon fühlen sich die Fahnen schwingende deutsch gewandete Party-Nation und die AnhängerInnen des Disko-Feschismus österreichischer Provenienz nicht tangiert. Tatsächlich wissen wir schon seit längerem, inwiefern die Mainstream-Dominanzkultur und ihr Wohlstandschauvinismus als Türöffner für Ausgrenzung und Rassismus unterschiedlichster Art fungieren und dabei vollständig ohne Nazi-Folklore auskommen können. Die Neigung, diese Erscheinung diskursiv an den historischen Nazi-Faschismus anzukoppeln, fällt uns jetzt auf die Füße. Wer eine Kritik von Nationalismus, Rassismus und anderen Ausgrenzungsideologien formulieren will, die weh tut und zutrifft, ist mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es eben nicht mehr genügt, ZeitzeugInnen in die Schulen zu schicken (man sollte es aber nach wie vor tun) und Parallelen zu ziehen.

Linke Jugendkulturen?

Darüber hinaus muss ein weiteres Missverständnis „aufgeklärt“ werden. Dass Jugendkultur per se links sei, das war ein Missverständnis der Nach-68er-Zeit und Ergebnis einer jugendkulturellen Erfahrung während der 70er Jahre, als zahlenmäßig vergleichsweise wenige AktivistInnen so tun konnten, als sprächen sie für „die“ Jugend insgesamt. Vorsichtigere ZeitgenossInnen trauten dem Frieden schon damals nicht, wussten sie doch nur zu gut, wie dünn die Personaldecke war und spürten sie durchaus, in welcher Weise dieser Aufbruch immer auch ein Ausbruch aus den Institutionen der Disziplinargesellschaft bedeutete. Dieser Ausbruch führte nicht notwendigerweise zur Emanzipation, sondern trug immer auch zu jenen Voraussetzungen bei, die entstehenden anti-autoritären Dispositive der Kontrollgesellschaft hervorzubringen.

Ihre Unschuld verlor die anti-autoritäre Jugendkultur spätestens im Deutschland der 90er Jahre, als im Zuge der Rechtswendung durch Aufkündigung des liberalen Asylrechtes die so genannten „Volksparteien“ in West- wie in Ostdeutschland die ideologischen Voraussetzungen für die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte geschaffen hatten (vgl. hierzu autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe: „Medienrandale“). Bereits 1992 titelte Diedrich Diederichsen in der SPEX in Umkehrung des alten The-Who- Titels „The kids are not alright“ und nahm „Abschied von der Jugendkultur“. Insofern ist mit zweierlei Unfug aufzuräumen: damit, dass die Jugend per se links sei sowie mit der Konsequenz einer solchen Betrachtung, dass sie nach rechts gerückt sei. „Die“ Jugend ist ein Konstrukt der bürgerlichen Gesellschaft, und die konkreten Verhaltensweisen Jugendlicher orientierten und orientieren sich an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Mein geliebtes Österreich

Im Hinblick auf Österreich gibt es allerdings ein paar Besonderheiten zu berücksichtigen. Nicht nur ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Sagbarkeits-Horizont hier ein anderes Niveau besitzt als in Deutschland. Nicht, dass „die Deutschen“ weniger rassistisch sind. Aber der öffentliche Diskurs ist anders strukturiert. Der eigentliche Punkt ist nicht, dass rassistische Aussagen vorkommen, sondern wie damit umgegangen wird. Wenn Edmund Stoiber (CSU) von einer „durchrassten“ Gesellschaft sprach, tat er das nur einmal, und es ist ihm noch ewig vorgehalten worden. In Österreich gibt es aber keine vergleichbaren Reaktionen. Zuletzt hat Alex Demirovic in „Kulturrisse“ darauf hingewiesen, dass es in Österreich keine relevanten politischen Kräfte gäbe, die den „niederträchtigen Rechten“ eine „grundsätzliche Absage“ erteilten. Denn „dies wäre eine Herausforderung der ganzen, in Jahrzehnten eingespielten politischen Kultur des gesamten Landes. Deswegen entwickeln sich die Voraussetzungen nicht, die in Deutschland für die Formierung der Linken charakteristisch sind“.

Nach der Party ist vor der Party

Dass „die“ Jugend in Verruf gerät, ist ein Muster, das sich mit jeder nachwachsenden Kohorte fast naturgesetzlich wiederholt. Dass die Jugend immer unpolitischer werde, das gehört zum Lamento aller AktivistInnen-Generationen und ist nicht weniger kulturpessimistisch als die bekannten Verfallsfantasien einer jeden Erwachsenen-Generation. Für die Intervention in die gegenwärtigen Auseinandersetzungen ist zu verstehen, in welcher Weise die Situationen jeweils offen sind. Der Diskurs über „die“ Jugend ist zudem keine hinreichende Analysebasis. Vielmehr gibt es unter Jugendlichen ebenso differenzierte Haltungen und Positionen wie in anderen Altersgruppen. Ein weiter Aspekt ist, dass der Kampf um die Ideen weniger auf dem Terrain der Ideologiekritik gewonnen wird, sondern auf der Ebene einer anderen, attraktiveren sozialen Praxis. Die Mobilisierungen im Rahmen von Anti-Kriegs-Demonstrationen oder von Heiligendamm (2007) zeigen zudem, in welcher Weise das Geschäft des sozialen Protestes ein projektförmiges geworden ist. Für Deutschland ist nicht auszuschließen, dass hierunter auch AnhängerInnen der Party-Nation sind, für Österreich vermag ich das nicht zu hoffen.



online seit 07.01.2009 11:12:36 (Printausgabe 44)
autorIn und feedback : Klaus Schönberger




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