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Die Genossen Piraten Ein geheimes Kapitel der Seefahrt Die Weltmeere wurden zu einer besonderen Arena des globalen Klassenkampfs, als in den 1920er Jahren die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg und die russische Oktoberrevolution den Aufstieg der kommunistischen Weltbewegung begründeten. Matrosen waren speziell in Deutschland die wesentlichen Träger der Bewegung gewesen, die den Krieg des wilhelminischen Kaiserreichs unterminierten und damit auch der Revolution von 1918 zum Sieg verhalfen. Derart radikalisierte Gruppen wurden Keimzellen, aus denen sich in den folgenden Jahren ein internationales Netzwerk aus Matrosen entwickelte. Eng verbunden über Internationale Seemannsklubs in Hafenstädten, multikulturell und verwegen, agierte diese Internationale teilweise offen, teilweise klandestin, jedenfalls aber atemberaubend. In ihren Aktionen eigneten sich die revolutionären Matrosen in zum Teil dreister Weise an, was sie für ihre Zwecke benötigten – indem sie Schiffe, auf denen sie angeheuert hatten, als Transportmittel für konspirative Zwecke missbrauchten, oder, wenn es nicht anders ging, sie gleich komplett entführten: So geschehen 1920, als eine Gruppe deutscher Linkskommunisten – darunter der expressionistische Schriftsteller und Revolutionär Franz Jung – den Fischdampfer „Senator Schröder“ auf hoher See kaperte und damit nach Murmansk schipperte, weil sie mit Lenin persönlich über die ihrer Meinung nach opportunistische Politik der KPD diskutieren wollten. (Der sowjetische Kommunistenchef begrüßte die Delegation noch herzlich mit den Worten „Na, da haben wir ja die Genossen Piraten“, ließ sich inhaltlich aber nicht beeindrucken.) Besonders bedeutsam war die Rolle der revolutionären Matrosen jedoch für die Kommunistische Internationale. Für sie zweckentfremdeten politisch zuverlässige Besatzungen jedes beliebige Schiff insgeheim – sei es um Waffen und Geld und Propagandamaterial für die Weltrevolution zu schmuggeln, oder um PolitkommissarInnen und KurierInnen als blinde PassagierInnen zu transportieren. In einer Zeit weitgehend ohne Telekommunikation waren für die Komintern kommunistische Matrosen auf den Meeren unterwegs wie heute Datenpakete im Internet. Freilich mussten die Akteure dieser sagenhaften Episode schnell feststellen, dass sich ihre Tätigkeit für die Komintern immer wieder den außenpolitischen Interessen der Sowjetunion unterzuordnen hatte – und deshalb auch mal als Streikbrecher auftreten oder in aussichtslose Schlachten gehen mussten. Die gewerkschaftlichen Kämpfe von Seeleuten haben in den letzten Jahren auch neues Interesse an den „Genossen Piraten“ geweckt. Die bekannteste literarische Aufarbeitung sind die Erinnerungen des deutschen Matrosen Richard Krebs, die unter dem Pseudonym Jan Valtin erschienen, 1941 in den USA ein Bestseller waren, und zuletzt als Inspiration für Ted Gaiers Film „Hölle Hamburg“ genannt wurden. Literaturtipps: Jan Valtin (a.k.a. Richard Krebs): Out of the Night (deutsch: Tagebuch der Hölle, nur antiquarisch) Ernst von Waldenfels: Der Spion, der aus Deutschland kam. Das geheime Leben des Seemanns Richard Krebs. Berlin 2002 Hermann Knüfken: Von Kiel bis Leningrad. Erinnerungen eines revolutionären Matrosen 1917 – 1930. Herausgegeben von Andreas Hansen und Dieter Nelles. Berlin 2003. ********************* "Zombie Sailor Night" Sa, 18.10.2008 brut im Konzerthaus (Lothringerstr.20, Wien 3) (www.brut-wien.at) 20h Screening "Hoelle Hamburg" In ihrem Film "Hoelle Hamburg" lassen Ted Gaier (Goldene Zitronen) und Peter Ott einen Geheimbund kommunistischer Zombie-Matrosen, prekarisierte MedienarbeiterInnen und zwielichtige Geheimdienstler im Hamburger Hafen zum Showdown antreten. Sie schlagen damit einen fulminanten Bogen zwischen Revolutionsgeschichte und heutigen Verhaeltnissen, wo hyperausgebeutete Seeleute die unsichtbare Transportarbeit leisten, die das Fundament der globalisierten Warenwelt mit ihren immateriellen Dienstleistungen bildet. Das Wort "Medium" erhaelt in diesem brisanten Kurzschluss eine voellig neue Bedeutung: Eine politische Geisterbeschwoerung mit Pop-Appeal zu den faszinierenden Sounds von Co-Regisseur Ted Gaier. http://www.hoellehamburg.org Anschließend: Ted Gaier im Gespraech mit Ina Freudenschuß 22h30: Party! Mediterranean Disco Pop Zombies Dancefloor mit DJs Dolce Disco Duo und La Di Vina Sie sind wieder da! Remember Italo Pop Zombies? http://www.MALMOE.org/artikel/regieren/1173 In Allianz mit der queeren Partyinstitution Club Eggnog greifen wir in die Schatzkiste italienischer Disco-Sounds und Zombie-Soundtracks, um das Schiff zu rocken. So nah am Meer war in Wien noch nie Party! Eintritt: 5 Euro Tagespass fuer saemtliche Veranstaltungen des brut-Wochenendes "Kingdom of Darkness. Geister, Tote, Wiedergänger" online seit 13.10.2008 13:21:36 (Printausgabe 43) autorIn und feedback : Ribo Kader |
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