menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  Sinusgruppe schlägt zurück!

Die Hedonistische Internationale holt sich das Konzept „Lebensfreude“ von den Marketing-Abteilungen zurück. Freiraum heißt auch Platz für Spaß beim Protestieren und für mindestens ein Soundsystem.

Sie stürmen nackt die Nazi-Kneipe, erobern für eine eigene Spontanparty die Panoramabar oder wollen „G8 Wegbassen“. Die Hedonistische Internationale (HI) ist ein lockeres Netzwerk von aktuell 29 Sektionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich der Gesellschaftsutopie „Freude, Freiheit, Alles!“ verschrieben haben. Laut Hedonistischem Manifest „keine Organisation, sondern eine Idee“ – ein Motiv für Menschen, um kurz- und längerfristig politisch in Aktion zu treten und dabei Spaß zu haben.

In Form von „temporären hedonistischen Zonen“ treten sie in Referenz an Reclaim the Street und Pink Silver gezielt und ungezielt in Erscheinung und schnappen sich Freiraum. Das kann heißen ein Seniorenheim in der Schweiz mit Grammophon zu überraschen oder sich bei der Eröffnung des weltgrößten Media Markts in Berlin unter die wartenden Massen zu mischen und ein wenig Verwirrung zu stiften: „Eins, zwei, drei – gebt die Ipods frei!“.

Schön ununiform

Hedonismus wollen die gut gelaunten InternationalistInnen nämlich nicht als „Motor einer dumpfen, materialistischen Spaßgesellschaft“ verstanden wissen, „sondern als Chance zur Überwindung des Bestehenden.“ Und das bedeutet nicht nur, dass man statt kleiner weißer Markenelektronik stets auf ein mobiles Soundsystem (Modell: 2-Kanal Kfz-Verstärker, Spanplatte, Autobatterie und acht Winkel) setzt.

Wo Marketing-StrategInnen auf HedonistInnen als jene gesellschaftliche Sinus-Gruppe abzielen, die politische Apathie mit umso größerem Konsum-Hunger kompensiert; dort sieht HI gerade das Streben nach Freude und Genuss als politisches Projekt, weil es Individuen zusammen führen kann. Trotzdem gebe es einen klaren Unterschied zwischen Party und Protest, meint Monty McCantsin von der Sektion Berlin. Die nahm ihren Ursprung im Nachtleben, als Rechtsextreme im Stadtteil Friedrichshain überhand nahmen.

Später erprobte man sich bei einer Jubel-Demo für George W. Bush, forderte „Mehr Krieg für Alle!“ und nahm Gefallen am offenen Charakter: „Ein Riesenspaß und super Bilder: diese uniformierten Polizisten und dann die uniformierten Demonstranten, die natürlich nie ’ne Uniformität hinkriegen. Und das ist auch schön so.“ Ende 2006, in Vorbereitung auf den G8-Gipfel in Heiligendamm, gab es dann die offizielle Gründung und seitdem mit „Mach was du willst!“ eine eingeschworene Parole. Dass die Hedonistische Internationale ein temporäres Konzept ist, zeigt etwa das ‚Kommando Tito von Hardenberg‘, das das nach Trend und Szene jagende TV-Magazin ‚Polylux‘ bei oberflächlichen Recherchen zum Thema ‚Alltagsdroge Speed’ mit einem erfundenen Interview-Partner infiltrierte, der dann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von seiner wunderbaren Drogen-Diät berichten durfte. „Gegründet, kurz aufgeploppt und jetzt schon wieder weg – das ist die Idee“, meint Monty. „Man sieht ja bei Parteien, wie durch Institutionalisierung letztlich die WeichspülerInnen das Sagen haben.“

Lächelnder Überbau

Gleichzeitig ermöglicht HI offene Bündnisse, etwa mit BürgerInneninitiativen oder den streikenden Angestellten der Verkehrsbetriebe. Für die gab es letztens Streikbier, Blumen, rockige Sachen und ein bisschen Techno. Ansonsten läuft das Themenspektrum von prekären Arbeitsverhältnissen im Mayday-Bündnis über Aktionen gegen Vorratsdatenspeicherung bis zur Stadtumstrukturierung oder der ‚goldgelben Tofuschnitzeljagd’. Das Manifest liefere einen breiten Rahmen innerhalb dessen von „ganzganzlinks bis grün“ vieles verteten sei. Letzten Endes gehe es um ein Werben für eine bessere Welt. Natürlich könne man dann rufen, ‚Uh, das ist reformistisch und nicht radikal genug!’, andererseits müsse man Leute gewinnen und Aktionsformen würden sich ergänzen. „Das wichtige ist, neue Situationen hervorzurufen!“ – gerade, wenn Menschen angesichts ‚dieses großen mächtigen Politdings’ nicht mehr an die kleine Chance glauben, mit anderen zusammen etwas bewegen zu können. HIHI – dahinter steckt bestimmt kein Masterplan, aber jede Menge ‚lächelnde Selbstreflexion’.



online seit 15.09.2008 16:06:56 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Katharina Ludwig




Labyrinth #5 - Donald Trump – und jetzt?

Es ist passiert. Trump ist Präsident. Wo bleibt die Revolution?
[22.02.2017,Laurin Lorenz, Volkan Ağar]


Labyrinth #4

Die Herausforderung einer gelebten Solidarität
[22.02.2017,Laurin Lorenz, Volkan Ağar]


Tränen und Tatendrang

Eine Momentaufnahme aus einer US-Metropole, in der fast alle demokratisch gewählt haben
[22.02.2017,Volkan Ağar]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten