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  Stürmt das Buffet!

Was wurde eigentlich aus der Opernballdemo?




Vor 20 Jahren wurden Verteilungskämpfe in Wien noch auf der Straße sichtbar: Unter dem Motto „Eat the rich“ fanden alljährlich Demos gegen den Opernball statt. In den letzten Monaten wird so heftig über Verteilungsfragen diskutiert wie schon lange nicht, aber eine Anti-Opernball-Demo gab es nicht. Was ist aus der Wiener Tradition geworden?

Die erste Opernballdemo fand 1987 statt und wurde von der damaligen „Grünen Alternativen Partei“ angemeldet. Der Besuch des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß war der Auslöser für den Unmut, hatte er doch die brutale Repression beim Widerstand gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zu verantworten. Neben unzähligen Verletzten und Verhafteten erstickten 1986 zwei Menschen am Tränengas der bayrischen Polizisten. Schon die erste Opernballdemo endete mit Tumulten, von einer nahe gelegenen Baustelle flogen Sand und Baumaterialien auf die abkommandierten Gendarmen und Polizisten.

Der Mythos der Opernballdemo entstand jedoch erst nach der heftigen Eskalation bei der Demonstration am 2.2.1989. Ein halbes Jahr nach der Räumung des besetzten Wohn- und Kulturprojekts in der Wiener Aegidigasse war die Wut und das Bedürfnis zurückzuschlagen bei den BesetzerInnen groß. So entstanden Demolosungen wie „Oper räumen“, „Bringt Bagger mit!“ die sich direkt auf den Kampf um die Häuser im 6. Bezirk bezogen. Damals rissen Polizisten mit einem Bagger ein riesiges Loch in die Außenmauer, stürmten ins Haus und verprügelten alle BesetzerInnen.

Als im Jänner 1989, drei Wochen vor dem Ball, in der Südstadt ein Bagger gestohlen wurde, spekulierten Medien und Polizei tatsächlich mit Tätern aus dem Hausbesetzermilieu. Die Vorstellung von mit einem Bagger bewaffneten AnarchistInnen wurde ernst genommen, gab es doch damals mehrere Sprengstoffanschläge auf die am Abriss der Aegidigasse beteiligte Baufirma. Zudem war die ganze Stadt mit aggressiven, klassenkämpferischen Parolen gepflastert. Nicht nur das legendäre „Eat the Rich“-Plakat mobilisierte zur Oper: U-Bahn-Stationen (Burggasse, Stadtpark, u.a.) wurden mit 20m langen Slogans wie „Schluss mit dem faulen Frieden – Klassenkrieg!“ geschmückt, in den Wiener Banlieus (Rennweg, Donaustadt, Großfeldsiedlung, u.a.) wurden ebenfalls Demotermine und Parolen gesprüht.

Am Abend der Demo wurden in der halben Stadt mehrere Hydranten geöffnet, um für Verwirrung zu sorgen. Als der Demo-Masse bei einer Absperrung bei der Operngasse der Weg abgeschnitten wurde, entstanden dann jene TV-Aufnahmen, die zum Gründungsmythos der Opernballdemo wurden: zerschlagene Gehwegplatten und Blumenkisten, ausgerissene Verkehrsschilder, Feuerwerk und am Ende gar ein enteigneter Mercedes eines Ballgastes wurden gegen die Beamten eingesetzt, die sich mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen und Knüppelschlägen heftig wehrten. Bei diesen Aktionen standen die meisten organisierten Linken eher daneben. Es waren Jugendliche aus den Hochhausblocks der Vorstadt, die die Gunst der Stunde nutzten, um ihren angestauten Klassenhass zu artikulieren.

Das Spektakel war ein voller Erfolg. Zwar wurde als Rache ein Jahr später die gesamte Demonstration sofort von prügelnden Polizisten attackiert, aber Politik und Polizei kennen seither den Preis einer Räumung. Davon profitierte das Ernst-Kirchweger-Haus sowohl bei der Besetzung 1990 als auch beim Eigentümerwechsel 2005. Im Jahr 1991 wurde der Opernball überhaupt abgesagt.

Nach einer Funkstille in den Neunzigern kam es im Jahr 2000 zu einer gelungenen Wiederbelebung der Opernballdemonstration: 20.000 Menschen gingen drei Wochen nach Angelobung der blau-schwarzen Regierung auf die Strasse. Es kam zu kleineren Scharmützeln.

2001, am Ende der Bewegung gegen Blau-Schwarz entlud sich noch einmal die Enttäuschung darüber, mit monatelangen friedlichen Donnerstagsdemos nichts erreicht zu haben. Mehrere Banken, Polizeiautos und Geschäfte (Schwarzenbergplatz, Getreidemarkt, Mariahilferstrasse,…) wurden entglast, mit teilweise brennende Barrikaden und dem Einsatz von Krähenfüssen wurde die prügelnde Polizei etwas gebremst.

In den Jahren darauf übernahmen Gruppen aus dem antiimperialistischen Milieu die Organisation der Demos, um sie zu Aufmärschen gegen den Irak-Krieg umzufunktionieren, die daraufhin friedlich blieben und immer schlechter besucht wurden. Der Niedergang der Demo ging mit der Vereinnahmung des Balls durch Baumeister Lugners Werbeaktionen für sein Shopping-Center einher. Um der Bedeutung dieser Tanzveranstaltung willen versprechen Boulevardzeitungen zwar jedes Jahr aufs Neue schlimme Ausschreitungen, sicherlich vermissen aber viele Ballgäste in Wahrheit die Demo, ist es doch ein besonders dekadentes Erlebnis, sich bei Champagner und Musik zu amüsieren, während rund um die Oper die uniformierten gegen die aufsässigen Prolos kämpfen.

Bezeichnenderweise war die klare Symbolik Arm versus Reich und der militante Mythos zu abschreckend für die Teilnahme von Parteien und reformistischen Gruppen. Vereinnahmungsversuche oder etwa ein paralleler Attac-Kongress in einem ÖGB-Heim weit weg vom Zentrum unter dem Motto „Ein anderer Opernball ist möglich“ blieben bislang aus. Damit bleibt die Demo eine unbeschriebene Projektionsfläche und eine Variante, die jederzeit wieder belebt werden kann, sobald sich genügend Menschen finden, die beim Run aufs Buffet der Reichen eine kleine Schlägerei mit deren Schergen willentlich in Kauf nehmen.



online seit 04.07.2008 16:38:26
autorIn und feedback : Karl Neumayer


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1599MALMOE-Schwerpunkt "Was tun mit den Reichen?"



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