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Unbezahlbar und nicht umsonst Birge Krondorfer über die Notwendigkeit unbezahlter politischer Arbeit Eine Person, die unbezahlt politisch arbeitet, bekennt sich nicht zum Glauben an die umfassende Verfügbarkeit ihrer Lebensbegehren und Tätigkeitsenergien durch Erwerbsarbeit. Was alles bedeutet Arbeit? Mühsal, Aufschiebung des Todes, Identität, Notwendigkeit, Entfremdung, Ware, Verzicht, Ausbeutung, Freizeit, Sklaverei, Beziehung; Arbeit ist immateriell geworden, ist langweilig, ist ausgegangen, ist reproduktiv, ist kapitalistisch, ist privat, ist zu beschaffen, ist produktiv, ist Mehrwert, ist nichts mehr wert, ist Denken, ist Sex, ist Gesundheit, ist Gewalt, ist Gewissen, ist Geld. Ein treffendes Zitat über die Zwieschlächtigkeit des Arbeitsbegriffs lautet: „Die englische Sprache hat den Vorzug, zwei verschiedene Worte für diese zwei verschiedenen Aspekte der Arbeit zu haben. Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; Die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour im Gegensatz zu work.“ (K. Marx: Das Kapital). Er verbindet den ‚Doppelcharakter’ von Arbeit jeweils mit dem Begriff der Verausgabung: der abstrakte allgemeine Aspekt produziert den Waren – und Tauschwert und ist damit quantitativ; der konkrete nützliche Aspekt schafft Gebrauchswerte und ist damit qualitativ. Das heutige System, dem es primär um die Wahrung von Privateigentum geht, erträgt prinzipiell den lebendigen Aspekt von Verlusten nicht. Die unproduktive Perspektive der Verausgabung (G. Bataille: Aufhebung der Ökonomie), die Verschwendung von Zeit, Materialien und Energien ohne Kalkül, ohne Tauschverhältnis und in einem Selbstverschleiß, der nicht als Mittel der Produktion verwendbar ist, ist heute obsolet geworden. Dem homogenen System arbeitsteiliger Produktion steht (mit Bataille) die heterogene Souveränität gegenüber, die ihren Überfluss ekstatisch verausgabt. Der Topos der Verschwendung verschwindet heute in der Topologie ununterbrochener Verwendbarkeit von ‚human ressources’. Und entlädt sich lediglich noch im ‚consum – ergo sum’. Eine Möglichkeit, dieser Zweckrationalität sinnvoll zu entkommen, ist es, sich in unbezahlter politischer Arbeit zu verausgaben. Und dies nicht nur als Selbstausbeutung zu charakterisieren. Nach H. Arendt (Vita Activa) ist die Politik zu einem Job wie jeder andere verkommen. Bekanntlich kritisierte sie die Verherrlichung der Arbeit in unserer Kultur. Durch den ‚Sieg des animal laborans’ ist gelingende Existenz verloren gegangen, da wir unsere Kräfte im Produzieren aufbrauchen, um sie dann im Konsum zu verbrauchen. Diese Form der leeren Selbstbezogenheit führt zur Weltentfremdung. Der politischen Freiheit wird die Freiheit des Privatmenschen vorgezogen. Und dadurch sind wir in radikaler Weise der öffentlich-politischen Dimension unserer Existenz beraubt. Die freiwillige und in diesem Sinn unbezahlbare Tätigkeit hingegen, hebt sich als Arbeit auf und wird zum gemeinsamen, also pluralen Handeln. Politische Arbeit geht so verstanden nicht von der Herstellbarkeit und Zweckrationalität aus. In dieser Bedeutung lässt sich die ekstatische Verausgabung vergleichen mit diesem ex-zentrischen Politikverständnis eines zweckfreien Handelns. Diese Art der Selbstlosigkeit – im Unterschied zur heute erforderten Selbststeigerung – mag luxuriös wirken, aber es braucht keinen materiellen Reichtum, um das scheinbar Überflüssige – einen anderen Reichtum - wollen zu können. Der mögliche Vorwurf, es werden damit die typisch weibliche Selbstausbeutung sowie prekäre Arbeitsverhältnisse prolongiert, trifft dort nicht zu, wo es eben nicht um Tausch geht, sondern um ein sich Verausgaben jenseits der Verwertbarkeit. Sich nicht bloß um das eigene Fortkommen, sondern um den Bestand von Orten des politischen Handelns zu sorgen (Ehrenamt statt Ehrgeiz), ist vielleicht auch das, was die Verbindung von politischen Realitäten mit dem Denken ermöglicht. Es braucht Orte der Kritik und der Selbstkritik wider die (kapitalisierten) Herrschaftsräume; kritische Praxis ist unbezahlbar, aber nicht u-topisch. Auszüge aus dem Beitrag „Politische Arbeit in der Frauenbewegung. Ein Plädoyer für das Ehrenamt“ zum 13. Symposium der Internationalen Assoziation von Philosophinnen (IAPh) in Rom, September 2006. online seit 30.06.2008 14:36:42 (Printausgabe 41) autorIn und feedback : Birge Krondorfer Links zum Artikel:
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