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  Subalterne gibt es nicht – Position ohne Identität

Interview mit Maria do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan

Vor kurzem ist mit Gayatri Chakravorty Spivaks Essay „Can the Subaltern speak?“, ein Klassiker der postkolonialen Theorie auf Deutsch erschienen. Welche Erkenntnisse kann die postkoloniale Theorie für die Analyse von Rassismus in Deutschland und Österreich liefern?

Einer der wohl wichtigsten Beiträge der postkolonialen Kritik war und bleibt es, die verflochtenen Unterdrückungssysteme wie etwa Sexismus, Klassen- und Kastenunterdrückung aus einer globalen Perspektive sichtbar zu machen. Spivak bemerkt beispielsweise, dass die reproduktive Heteronormativität eines der ältesten Ausbeutungssysteme darstellt, welches sowohl von den Kolonisierenden als auch von den nationalistischen Freiheitskämpfern, von den Kapitalisten als auch von den Sozialisten zu ihrem Nutzen funktionalisiert wurde und wird. Insoweit ist es sehr trickreich sich ausschließlich auf antirassistische Politiken innerhalb nationaler Grenzen zu konzentrieren, weil dadurch wichtige Fragen wie die Internationale Arbeitsteilung aus dem Blickfeld geraten.

Nicht von ungefähr bleibt Spivak der sichtbaren westlichen Begeisterung postkolonialer Theorie gegenüber sehr skeptisch, riskiert diese doch diejenigen zu vergessen, die nicht „direkt“ von einer solchen Politik profitieren. Es geht vor allem darum, nicht zu ignorieren, dass eine selbstreferenzielle Politik beizeiten unwillkürlich Herrschaftsverhältnisse reifiziert, weswegen Spivak dazu aufruft, eine ‚wider egoity‘ auszubilden, die in der Lage ist, eine Politik zu etablieren, die die partikularen Interessen der „Ersten Welt“ überschreitet.

Immer wieder hat Spivak auch darauf hingewiesen, dass es sich bei „Can the Subaltern speak?“ um eine Kritik am Hindu-Patriarchat handelt und weniger um die Frage kolonialer Reformpolitik dreht. Es geht ihr hier darum, die historischen Kollaborationen zwischen einem kolonialen und indigenen Patriarchat aufzuzeigen. Ihr berühmtes Zitat „der weiße Mann rettet die braune Frau vor dem braunen Mann“ macht pointiert klar, wie Gender- Politiken als Alibi bei der Legitimierung eines gewalttätigen Kolonialismus funktioniert haben.

Migrationsforschung erlebt einen kontinuierlichen Boom, nationalstaatliche Migrationspolitiken beherrschen die öffentliche Diskussion. In der Regel sind es aber nicht MigrantInnen oder eben nur ganz bestimmte MigrantInnen, die hier sprechen. Wo finden subalterne Stimmen strukturell Platz? Und wer sind eigentlich die Subalternen?

Anlehnend an Karl Marx, der das Industrieproletariat dazu auffordert, sich selbst nicht als Opfer des Kapitalismus, sondern als Agent der Produktion zu denken, fordert Spivak die postkolonialen Elite-Migrant_innen dazu auf, sich selber als Agenten internationaler Ausbeutungsverhältnisse und nicht als Opfer der Globalisierung zu betrachten. Kompliz_innenschaftbleibt in unserem Politikverständnis der entscheidende Begriff.

Das größte Problem beim Begriff „Subalterne“ scheint für uns die Art und Weise zu sein, wie dieser zum Einsatz gebracht wird. Fragen wie „Spricht die Subalterne Deutsch?“ sind unserer Meinung nach politisch bedenklich, weil sie scheinbar eine Alternative für die Position und Selbstbezeichnung „Migrant_in“ anbieten. Der Begriff „Subalterne“ ist eigentlich keine Selbstbezeichnung – übrigens weder bei Gramsci noch bei Spivak – und sollte, Spivak folgend, nur zur Bezeichnung der „seltensten der seltenen Fälle“ reserviert bleiben. Es werden damit Räume bestimmt, welche die dort Verorteten von jeglicher Mobilität abschneiden. In den im Sicherheitswahn verfallenen Metropolen des Westens sind dies insbesondere die Räume, die von undokumentierten Migrant_innen und Obdachlosen bewohnt werden. Subalternität ist keine Identität, niemand kann deswegen behaupten: „Ich bin ein/e Subalterne/r!“

„Die“ Subalternen gibt es nicht, es geht eher um spezifische Momente von Subalternität, die Formen der Subalternisierung hervorbringen. Politisch gesehen geht es darum, Subalternisierungsprozesse zu identifizieren um dann subalterne Räume aufzulösen und nicht darum, den Subalternen eine Stimme zu geben.

Postkoloniale Theorie hat vor allem auf Fragen der Repräsentation und Wissensproduktion fokussiert. Wie können diese Erkenntnisse in die politischen Kämpfe um rechtliche Anerkennung und gesellschaftliche Partizipation einfließen?

Repräsentationsfragen fokussieren, verkürzt gesagt, die Frage, wer eigentlich für wen spricht. Und es ist genau an dieser Stelle, in diesem Moment, wo sich die Rolle der postkolonialen Intellektuellen als wichtig UND problematisch zugleich erweist.

Da nicht alle Zugang haben zu den Bühnen dieser Welt, wird die Politik der Repräsentation zu einer entscheidenden ethischen Fragestellung, geht es doch um die Erweiterung der Sichtbarkeit und Legitimität marginalisierter Räume. Gleichzeitig fungiert die postkoloniale Elite, die jetzt in der „Ersten Welt“ verortet ist, als „kultureller Übersetzer“. Als Teilnehmende an einem kritischen Prozess, der versucht die Stimmen der Marginalisierten zu repräsentieren, fungieren die Mitglieder der postkolonialen Elite als Vermittler_innen des Widerstands. Und das zumeist unwidersprochen. Wer jedoch im Namen des „Zum-Schweigen-Gebrachten- Anderen“ spricht, muss sich mit den Folgen eines parasitären Machtzugewinns beschäftigen, denn im „Sprechen für“ kommt es zu einem „Sprechen als ob“. Die politische Repräsentation der Marginalisierten gerät also nolens volens zu einer Selbstrepräsentation und damit Selbstsubalternisierung. Deswegen betont Spivak, dass gegen Subalternisierung zu arbeiten immer ein Bemühen bedeutet, sie in den Zirkel der Repräsentation reinzuholen. Repräsentation ist immer trickreich, niemals adäquat und notwendigerweise unvollkommen. Nur eine persistente Kritik und dekonstruktive Wachsamkeit kann unseres Erachtens letztendlich die parasitäre Politik der Repräsentation im Zaum halten. Spivak ist hier eine gute Lehrmeisterin, deren Theorien politisch hilfreich sind und deswegen ebenso einer permanenten Kritik unterzogen werden sollten.

Maria do Mar Castro Varela ist Professorin für Gender und Queer Studies an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Nikita Dhawan, Philosophin, ist zurzeit zu Studien- und Forschungszwecken an der Princeton und Columbia University, New York, bei Gayatri Chakravorty Spivak.




online seit 23.05.2008 15:13:36 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Interview: Vina Yun, Beat Weber


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1557MALMOE-Schwerpunkt zu Postkolonialismus



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