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Hingerissen vom Detail Aufsätze und Reden aus dem Nachlass von Susan Sontag Was uns bestimmte Schriftsteller oder Intellektuelle wertvoll und bewundernswert mache, schreibt Susan Sontag, ist die Unverwechselbarkeit seiner oder ihrer Stimme. Eine solche Stimme hatte sie selbst. Die Romanautorin, Essayistin, Kunsttheoretikerin und politische Intellektuelle Susan Sontag galt als kritische Instanz. Als sie Ende 2004 starb, ist die Welt nicht nur um eine engagierte Autorin ärmer geworden. Auch die US-Regierung wurde eine ihrer heftigsten Kritikerinnen los. Als sie 2003 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche verliehen bekam, war der US-Botschafter demonstrativ der Veranstaltung ferngeblieben. Die Dankesrede könnte er nun auch auf Deutsch nachlesen. Zu finden ist sie in dem jetzt erschienenen Aufsatzband, der politische Texte neben Reden und Aufsätzen zur Literatur versammelt. Die politischen Schriften allerdings gehören dabei gerade nicht zu den stärksten Texten aus dem Nachlass. Liest man ihre Zeitungsartikel zum 11. September 2001, zur Reaktion der US-Regierung auf die Anschläge und andere Anmerkungen zur US-amerikanischen Außenpolitik, so findet sich nur sehr Weniges, was über weit verbreitete Anti-Bush-Ressentiments hinausgeht. Zwar sind ihr das plumpe Weltbild des US-Präsidenten und die daraus entstehende Rhetorik verhasst. Zwischen der „Torheit im Irak“ und der „durchaus gerechtfertigte(n) Invasion in Afghanistan“ unterscheidet sie aber mehrfach. Unentschieden bleibt sie auch in ihrem Essay „Das Foltern anderer betrachten“. Darin setzt sie ihre Auseinandersetzung mit der Fotografie anhand der Bilder aus Abu Ghraib fort. Hatte sie in „Das Leiden anderer betrachten“ (dt. 2005) den Voyerismus als Fallstrick der Dokumentarfotografie ausgemacht und trotzdem für das Bezeugen von Unrecht plädiert, weiß sie hier nicht recht, was sie mit den Fotos machen soll. Wenn die „im Bild festgehaltene Handlung“ uns beim Betrachten zu Mitgliedern einer Gemeinschaft macht, was folgt daraus? Sind es also „andere“, die Foltern, wie der Titel sagt, oder werden wir, die das Foltern betrachten, mitschuldig, weil sie es „für uns“ dokumentieren? Und wer ist dieses „Wir“? Bei Sontag ist das Wir im Zweifelsfalle immer nordamerikanisch-westeuropäisch gemeint. Immer ist diese universalistische Überzeugung zu spüren, die man eigentlich nur von US-Intellektuellen kennt: Im Grunde im besten aller möglichen Länder zu leben, das bloß von den falschen Politikern geführt wird. Diese Haltung gipfelt in der Vorstellung, die Sontag in einer Rede über zivilen Ungehorsam anlässlich der Verleihung des Oscar-Romero-Preises äußert. Diejenigen, die jetzt gegen die Regierung Bush seien und sich der US-Hegemonie entgegen setzten, seien „die Patrioten, die im besten Interesse der Vereinigten Staaten sprechen.“ Dass ziviler Ungehorsam auch weniger staatstragend geübt wurde und wird, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Vor dem Vergessen bewahrt sie hingegen den kommunistisch-anarchistischen Dissidenten Victor Serge, dem sie einen schönen Essay widmet. Auch die Texte zur Literatur machen wieder neugierig auf Pasternak, Zwetajewa, Rilke oder Dostojewski. Eine der schönsten Thesen des Buches ist allerdings diese: „Frage: Wer ist der größte russische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts? Antwort: Constance Garnett.“ Nie gehört? Garnett war die maßgebliche Übersetzerin, die im vorletzten Jahrhundert russische Literatur ins Englische übertrug. Immer wieder betont Sontag, wie wichtig die Übersetzungen von Literatur in andere Sprachen sind. Sie befreien die Literatur aus der nationalen Vereinnahmung, verschaffen ihr eine „eigentümlich libertäre Färbung.“ Mit Walter Benjamin spricht sie sich für eine aktive Form des Übertragens aus, die über die wortgetreue Wiedergabe kreativ hinausgeht. Dass Sontag zu den inspirierendsten Intellektuellen der letzten Jahrzehnte gehört, ist durch die Lektüre allein dieses Buches vielleicht nur zu erahnen. Zu viel Bekanntes und Allgemeines findet sich darin. Aber auch, und damit wäre sie sich selbst die beste Kritikerin, grandiose Sätze gegen das Pauschalisieren: „Modern sein heißt“, schreibt sie in einem anderen Aufsatz zur Fotografie, „leben im Hingerissensein von der ungebändigten Autonomie des Details.“ Susan Sontag: Zur gleichen Zeit. Aufsätze und Reden, Mit einem Vorwort von David Rieff, München 2008, Hanser Verlag. 296 Seiten, 21,50 Euro. online seit 20.05.2008 12:45:19 autorIn und feedback : Jens Kastner |
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