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  Weltwende?

Für eine kritische globalgeschichtliche Perspektive auf „1968“ + Veranstaltungstip!

Die Interpretation der weltweiten Ereignisse um 1968 wurde in der deutschsprachigen Zeitgeschichts- und Sozialforschung lange durch sich selbst beschränkende Paradigmen bestimmt: Die Rede von ‚Studentenunruhen’ oder einem ‚Generationenkonflikt’ engte den analytischen Blick zum einen auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Milieus und zum anderen auf den nationalstaatlichen Rahmen ein. Zwar gingen die spektakulärsten Proteste sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zunächst von Studierenden aus; keinen geringen Teil seiner gesellschaftlichen Brisanz bezog 1968 jedoch aus den massiven und zum Teil stark politisierten Protesten von ArbeiterInnen, die an verschiedenen Schauplätzen – insbesondere in Ländern wie Frankreich oder Italien – auch zu Praktiken jenseits etablierter Gewerkschafts- und Parteiapparate führten. Die paradigmatischen Einschränkungen betreffen jedoch nicht nur die Handelnden oder nationale Grenzen, sondern auch die verschiedenen Weltregionen: So wird „1968“ noch immer als ein vornehmlich westliches Phänomen wahrgenommen, das seine Zentren vor allem in Groß- und/ oder Universitätsstädten der kapitalistischen Metropolen hatte. Andere Kontinente spielen zwar als Themen eine Rolle, weniger jedoch als Orte mit eigenständigen AkteurInnen.

Das öffentliche Sprechen war jedoch auch durch die Art und Weise der gesellschaftlichen Debatten verzerrt, in denen über „1968“ verhandelt wurde. Hier lauten die Stichworte: Erinnerung, Betroffenheit, Aufarbeitung und Abrechnung. So kumulierte beispielsweise die Diskussion im Jubiläumsjahr 1998 in einer individualistischen Spiegelung der Ereignisse durch BewegungsakteurInnen von damals. Diese präsentierten ihre persönlichen Erinnerungen in meist distanziert-reuigem (selten auch nostalgischem) Ton und es herrschte eine Deutung vor, bei der „1968“ in vielem als irrig, insgesamt jedoch als erfolgreicher Beginn einer grundlegenden Liberalisierung und Modernisierung von Gesellschaft und Ökonomie betrachtet wird.

Mittlerweile hat sich die Situation grundsätzlich gewandelt, nicht nur im deutschsprachigen Raum. Immer deutlicher ist eine prononciert negative Lesart von 1968 zu vernehmen, bei der dieses Jahr den Beginn einer Verfallsgeschichte markiert. Der vermeintlichen Durchsetzung bestimmter Ideen wird hier offensiv der Kampf angesagt. Konservative Regierungen wie die von Nicolas Sarkozy in Frankreich oder jene Felipe Calderóns in Mexiko machen mit ihren jeweiligen rechtspopulistischen Projekten direkt gegen das das „Denken von 68“ mobil.

Blickt man auf die großen, festgefahrenen Deutungen von „1968“, so scheint ein Muster vorherrschend zu sein: versöhnliche Kooptation. „1968“, so der Tenor, musste in seinem radikalen Überschwang scheitern, ja habe in manchen Ländern sogar in gesellschaftliche Sackgassen geführt, letztlich jedoch zu einer „Fundamentalliberalisierung“ (Habermas) der Gesellschaft beigetragen. „1968“ erscheint hier, wie der mexikanische Autor Carlos Fuentes gewitzt geschrieben hat, als „Phyrrusniederlage“. Auf die Spitze getrieben wird diese liberale Deutung durch die These, 1968 habe als Generalprobe für 1989 gedient, der Zusammenbruch des realen Sozialismus sei die eigentliche Verwirklichung der Demokratisierungsanliegen der damaligen Akteure gewesen.

Die Umbrüche um 1968 fungieren hier nur noch als Brandbeschleuniger für das nahe „Ende der Geschichte“ im Sinne Francis Fukuyamas. Eine genaue Historisierung, welche die Kontexte des Handelns und Motive der Handelnden herausarbeitet und die Offenheit von Geschichte beachtet, kann helfen, solchen Zähmungen und der Legitimation einem Status quo verpflichteter Aneignungen des Jahres 1968 entgegenzutreten. In dieser Hinsicht ist es heilsam, 1968 als eine echte Niederlage zu betrachten, die in einigen Weltregionen (Westeuropa, Nordamerika) ‚Kollateralerfolge’ in Form von Reformen zeitigte. Es geht bei einer Bestandsaufnahme nicht nur darum, dass viele sozialemanzipatorische Ansprüche von „1968“ uneingelöst geblieben sind, sondern auch darum, dass ein Großteil der Welt nicht einmal von jenen Reformen profitierte, die man im öffentlichen Diskurs in Europa „1968“ zuschreibt. Den Sinn für historische Proportionen dieser Art neu auszurichten, ist nicht zuletzt der Zweck kritischer globalgeschichtlicher Perspektiven.


Dieser Text ist ein Auszug aus der Einleitung der beiden Herausgeber zur Neuerscheinung „Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher
Perspektive“, Mandelbaum Verlag, Wien 2008

Präsentation unter dem Titel "68 oder neues Biedermeier" und "Weltwende 1968" am Donnerstag, 08. Mai 2008, 19:00 Uhr
Hauptbücherei am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien

Albrecht von Lucke: 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht (Wagenbach Verlag)
Jens Kastner/David Mayer: Weltwende 1968. Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Mandelbaum Verlag)

Podiumsdiskussion mit Albrecht von Lucke (Jurist, Politikwissenschaftler Berlin), David Mayer (Wiss. Mitarbeiter, Inst. f. Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Uni Wien), Helene Maimann (Historikerin, Filmemacherin, Autorin), Moderation: Robert Misik (Journalist, Autor)



online seit 07.05.2008 15:41:07 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : Jens Kastner / David Mayer




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