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Performative Subversion Ein Interview mit Gini Müller, deren Buch „Possen des Performativen“ soeben in der Schriftenreihe des eipcp erschienen ist. In deinem Buch geht es um Theater, Aktivismus und queere Politiken; inwieweit haben autobiographische Motivationen bei der Entstehung mitgespielt? Die Entstehungsgeschichte beginnt im Jahr 2000, wo es im Zuge des Regierungswechsels auf die Straße ging. Ich habe natürlich davor und danach auch sehr viele theaterpolitische Erfahrungen gemacht, sowohl im Volxtheater als auch in der Volxtheaterkarawane. Es schien mir ein wichtiges Thema, das Theater als Eingriff in den öffentlichen Raum zu begreifen und zu erweitern, das wollte ich diskursiv behandeln. Ich hatte das Gefühl, dass in der Theaterwissenschaft dieses Thema nicht wirklich vorhanden ist. Das Ganze war ein fortlaufender Prozess, mit der Volxtheatergeschichte, dem Regierungswechsel und dem Aufkommen und Durchsetzen des Begriffs Queer in Wien. Ich habe das mit theaterwissenschaftlichen und philosophischen Theorieansätzen verbunden; mit dem Begriff Posse beziehe ich mich ja konkret auf Negri und Hardt und versuche zu erweitern, wie sie in „Empire“ diesen Begriff verwenden. Der Titel meiner Arbeit verweist auf diese Theoretisierung, aber in weiterer Folge auch darauf, dass es um die Praktiken geht, die unter dem Begriff „Possen des Performativen“ zu fassen sind. Ich habe den ganzen Machtdiskurs mit theatralen oder eben performativen Handlungsansätzen verbunden, wie sie auch bei Judith Butler vorkommen, und die Verbindungslinien untersucht. Da Negri & Hardt viel mit Deleuze und Foucault arbeiten, lag auch diese Verbindung auf der Hand. Du machst in dem Buch verschiedene Stränge wie etwa das „Theatrum Posse“ und das „Theatrum Gouvernemental“ auf. Kannst du das genauer beschreiben? Ich spreche von gouvernementalen Inszenierungsstrategien, die sich im öffentichem Raum sehr stark darstellen, und die ich im Foucault’schen Sinne von Gouvernementalität als sehr stark polizeilich oder gesetzlich gefasst beschreibe. Am Beispiel von globalisierungskritischen Bewegungen zeige ich, wie sich Polizei- und Staatsgewalt im öffentlichen Raum inszeniert, welche Strategien sie entwirft, um mit den sozialen Bewegungen umzugehen, und wie sie sich auch anpasst und bestimmte Szenarien entwickelt, mit denen sie umgehen kann. „Theatrum Posse“ auf der anderen Seite bezieht sich auf den Begriff Posse, der bei Hardt & Negri „Macht“ bzw. „Vermögen haben“ bezeichnet, im Theatersinn aber die Bedeutung von Komödie und Slapstick hat und im Englischen die der Meute und der Posse eben, was ja als Begriff bekannt ist. Ziel war es, dies als kollektive theatrale Aktionspraktiken zu begreifen und in einer Gegenüberstellung, die natürlich nie eindeutig ist, zu beschreiben. Mit welchen Beispielen hast du gearbeitet? Mir ging es vor allem um die globalisierungskritische Bewegung und Konflikte um Demonstrationen im öffentlichen Raum. Auf einem Theatersymposion habe ich etwa den Text eines Polizeiberaters in die Hand bekommen, der die Behörden in Davos im Umgang mit den neuen Demonstrationstaktiken der sozialen Bewegungen beraten hat. Ich habe versucht zu klären, wie diese farbigen Zonen beschrieben werden, also die rote, gelbe und die grüne Zone. Wie die Felder belegt werden, innerhalb derer die AktivistInnen sich aufhalten dürfen oder nicht. In dem Text werden verschiedene Szenarien vorgeschlagen, wie beispielsweise das „Bunkerszenario“, das ja im Prinzip jetzt eingetreten ist, da die Gipfel an komplett abgeschotteten Orten stattfinden, sodass es kaum Eingriffsmöglichkeiten für DemonstrantInnen gibt. Dem stellt der Polizeiberater auch die Möglichkeit eines „Marktplatzszenarios“ gegenüber, das auf ein Laissez faire hinauslaufen würde: Es wäre quasi alles möglich, und die Polizei würde sich extrem zurückhalten und den AktivistInnen möglichst großen Freiraum lassen. Das wird natürlich für unmöglich gehalten, weil es allen gouvernementalitätsstrategischen Prinzipien widerspricht. Interessant fand ich das „Spielfeldszenario“, das einen starken Bezug zum Theater-Politikbegriff hat, weil angenommen wird, dass die Szenarien Spielfelder sein könnten: beide Parteien müssen sich auf Spielregeln einigen, und wer sich nicht daran hält, wird ausgeschlossen. Das unterliegt ganz klar gouvernementalen Prinzipien. Der antagonistische Anspruch von „Theater Posse“ besteht darin, sich auf die Inszenierungsstrategien der Polizei einzustellen und immer wieder neue Strategen zu wählen. „Pink Block“ hat etwa in Prag gut funktioniert, und danach wurden genau die gezielt rausgenommen, oder jetzt auch die „Rebel Clowm Army“, wo am Anfang die Strategien zur Enttarnung oder lächerlich Machung der Polizei gut geklappt haben – aber in Heiligendamm waren die auch die ersten, die rausgefischt und mit Verfahren beglückt wurden. Welche anderen Gruppierungen und Bewegungen hast du beschrieben? Zum einen ging es mir um den Kampf gegen Grenzregime, d.h. gewisse aktivistische Formen im migrationspolitischen Bereich wie migrantische Selbstorganisierung oder Besetzungen, Strategien der Sans Papiers oder von Kanak Attack und Kommunikationsguerillas, die einen extrem hohen politischen Anspruch haben. Ich untersuche auch Kampagnen wie „Deportation Class“ oder „Kein Mensch ist Illegal“ sowie andererseits den Kampf um öffentliche Räume, die Bewegung um „Reclaim the Streets“ oder die Mayday Paraden. Ein großer Schwerpunkt betrifft queere Praktiken und Politiken. Queere Politiken sind in deinem Buch sehr prominent vertreten; siehst du darin auch einen Bruch mit den bisherigen Praktiken der aktivistischen Bewegungen? Dieser Bereich war mir ein wichtiges Anliegen; ich diskutiere immer wieder den Begriff der Performativität, und der Diskurs über Performative Subversion betrifft ja nicht nur den queeren Bereich. Ich lese Butlers Theorie auch sehr theaterspezifisch, und bringe das auf die Ebene der Aktivistin. Ich halte es für sehr wichtig, dass Queer im linkspolitischen Bereich mehr Raum bekommt, und das hat ja erst seit 2000 ein bisschen angefangen. Es gibt noch genügend linke Räume, in denen das einfach kein Thema oder extrem abgetrennt ist. Die Diskussion betrifft aber sowohl den globalisierungskritischen Bewegungsraum als auch den Bereich von Migration und Aktivismus und den Bereich der Intervention im öffentlichen Raum; man muss sich immer die Frage stellen: Was repräsentiere ich da? Mit welchen Methoden arbeite ich? Es ist wichtig, diese Gesten und das Tun selbst zu reflektieren: Was bedeutet mein kämpferisches Potenzial? Wie unterscheiden sich queere Formen der Intervention von anderen Techniken im öffentlichen Raum? In meiner aktivistischen Erfahrung habe ich gesehen, dass das Thema Feminismus und Queer einfach noch viel zu wenig präsent ist. Ich denke aber, dass Strategien wie die des „Pink Block“ oder „Tactical Frivolity“ im Demonstrationsspektrum einen extrem wichtigen Input für gewisse Spektren der sozialen Bewegung gebracht haben. Es geht um die Auseinandersetzung mit Fragen wie: Was hat das mit meiner persönlichen Politik zu tun? Wie muss ich mich in meinem aktivistischen Kampfverhalten selbst hinterfragen? Was verkörpere ich? Welche Identität bin ich? Bei queeren Strategien geht es sehr stark um die Infragestellung von Identität und Subjekt, und ich würde sagen, dass gerade im aktivistischen Kontext zum Teil noch immer sehr hetero agiert wird. Gini Müller: „Possen des Performativen. Theater, Aktivismus und queere Politiken“, Turia + Kant, Wien 2008 22. 4. 2008, 20.00 Buchpräsentation und Diskussion brut_foyer | Bar im Künstlerhaus | Karlsplatz 5 | 1010 Wien online seit 22.04.2008 10:42:12 (Printausgabe 41) autorIn und feedback : Interview: Marty Huber |
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Zerschlagene Erinnerungskultur Zur wiederholten Zerstörung des „Denkmals der Namen“ in Villach/Beljak [30.08.2010,Wendy Bachmann] Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 6: Plakatierverbot [22.08.2010,Karl Neumayer ] Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 8: Wiener Wahl Partie (WWP) [15.08.2010,Andreas Görg] die nächsten 3 Einträge ... |
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