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Widerstand ist eine Frage des Überlebens Interview mit Ana Esther Ceceña, Forscherin zum Thema strategische Ressourcen in Lateinamerika und Zapatistas-Beobachterin Ana Esther Ceceña ist Professorin für Ökonomie an der UNAM in Mexiko Stadt und war langjährige Beobachterin und Aktivistin im Aufstand der Zapatistas. Derzeit ist sie Koordinatorin des Projektes geopolítica, welches die Bedeutung strategischer Ressourcen in Lateinamerika untersucht. MALMOE traf sie zum Interview am Rande eines Gastvortrags in Wien. Das Gespräch knüpft an ihre Beobachtungen der europäischen Diskussionen auf dem Alternativkongress in Rostock 2007 an und schildert einige spezifische Merkmale von Ressourcenkonflikten aus einer „Südperspektive“. Derzeit ist ein wiedererwecktes Interesse an Umwelt- und Ressourcenfragen zu verzeichen, in Lateinamerika waren diese Fragen immer sehr viel stärker politisiert, kannst Du diesen Kontext kurz erläutern? Die Dynamisierung heutiger Debatten hängt auch damit zusammen, dass die ökologische Krise inzwischen solche Dimensionen angenommen hat, dass es unklar erscheint, ob die Gesellschaft überhaupt die Kapazitäten hat diese Krise zu bearbeiten. Die Art und Weise wie diese Probleme angegangen werden unterscheidet sich je nach Perspektive. In Lateinamerika waren diese Themen immer sehr viel präsenter. Denn der Kontinent gehört zu den Regionen der Welt, deren Integration in die kapitalistische Entwicklungsweise von Anfang an sehr stark über die Nutzung und Ausbeutung von Natur erfolgte – in Form der Extraktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Auf welche konkreten Stoffe sich das Interesse richtete, änderte sich im Verlauf der Zeit, mit dem Entwicklungsstand von Technologien und Produktivkräften. Was dabei stattfand ist ein permanenter Inwertsetzungsprozess von Natur. Diese Verwertungsinteressen dringen heute jedoch in immer weitere Bereiche vor. Das ist kein abstrakter Prozess, sondern hat jeweils ganz konkrete Auswirkungen auf spezifische Konzeptionen und soziale Produktionsformen von Natur – und damit auf konkrete Lebensverhältnisse. Wichtig ist dabei, dass Natur nicht einfach als statisches externes Ding zu sehen ist, sondern in ganz konkrete Interaktionen, etwa traditionelle Bewirtschaftungsformen, eingebunden war. Dabei wurde Natur transformiert, sozusagen produziert. Das, was heute als biologische Vielfalt gerühmt wird, etwa bestimmte Artenzusammensetzungen des Regenwaldes oder Saatgutentwicklungen, ist immer zum Teil auch das Ergebnis bestimmter Bewirtschaftungsformen und sozialer Praxen, die das mitgeschaffen haben. Was heute oft despektierlich als primitive Lebensweisen abgetan wird, waren zumeist Praxen und Naturbeziehungen, die auf weniger produktivistischen Konzeptionen basierten. In Eurem Projekt geopolítica verwendet Ihr zentral den Begriff „strategische Ressourcen“ – was versteht Ihr darunter? Strategische Ressourcen definieren wir vor allem über den Grad ihrer Bedeutung für die globalen (Re-)produktionsprozesse. Da spielen verschiedene Elemente eine Rolle. Zum einen geht es um ganz basale Lebensmittel wie Wasser oder bestimmte Getreidearten. Zum anderen geht es um (fossile) Energieträger, welche sozusagen den Antrieb der globalen Produktionsmaschinerie darstellen. Desweiteren beziehen wir uns auf mineralische Rohstoffe, Metalle, welche sozusagen das produktive Skelett des Planeten darstellen und fundamental für neue technologische Entwicklungen sind. Ein vierter Bereich strategischer Ressourcen ist das was als biologische Vielfalt bezeichnet wird. Die industrielle Verwertung genetischer Codes ist inzwischen zentrale Grundlage für viele Entwicklungen und mit zunehmender Inwertsetzung wird dabei die gesamte Natur erfasst. Da die Produktionssysteme des globalen Kapitalismus zentral auf diesen Ressourcen aufbauen, spielen sie eine entscheidende Rolle im Wettbewerb um globale Hegemonie. Während die Kontrolle der Energiesysteme eine zunehmend wichtige Rolle bei der Beeinflussung kapitalistischer Dynamiken allgemein spielt, ist die Kontrolle von grundlegenden Ressourcen wie Wasser sehr stark auf die unmittelbaren Existenzbedingungen der Bevölkerung insgesamt ausgerichtet. Was sind dominante Formen der Ausübung von Kontrolle über diese strategischen Ressourcen? Die Auseinandersetzungen um diese strategischen Ressourcen laufen natürlich nicht widerspruchsfrei, ab sondern sind vielfältig und umkämpft. Es lassen sich jedoch zwei zentrale Formen der Absicherung von Zugriffsmöglichkeiten ausmachen, die auch als geostrategische Kontrollstrategien interpretiert werden können. Zum einen lassen sich ökonomische Strategien beobachten – welche vor allem durch Konzerne in Kooperation mit Regierungen verfolgt werden. Etwa wenn durch Freihandels- oder Investitionsabkommen Zugriffsrechte auf strategische Ressourcen geschaffen und abgesichert werden. Bereiche, die früher als Grundlage nationaler Souveränität angesehen wurden – wie etwa das Kuper in Chile oder die Energieversorgung in Mexiko, wurden durch diese Abkommen für externe Zugriffe geöffnet. Zum anderen zeichnen sich in diesem Bereich zunehmend auch militärische Strategien ab. In Lateinamerika sind in den letzten Jahren zahlreiche Militärbasen in unmittelbarer Nähe zu strategischen Ressourcenvorkommen reaktiviert worden. Und im Hinblick auf die zunehmend sich formierenden Proteste gegen Ressourcenausbeutung – etwa gegen den Bau von Staudämmen – spielen zunehmend auch stärker innenpolitisch orientierte Sicherheitspolitiken und Anti-Terrorismusgesetze eine Rolle. Die Logik dahinter ist: wer sich bestimmten Formen der Nutzung und Ausbeutung von Ressourcen entgegensetzt, stellt sozusagen ein Sicherheitsrisiko dar. Zudem gibt es inzwischen, parallel zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA), auch ein erstes Nordamerikanisches Sicherheitsabkommen: die „Allianz für Sicherheit und Wohlstand“ (ASPAN), welche etwa den USA Zugriff auf die Ölversorgung in Mexiko zusichert. Während sich sozialer Protest gegen Freihandelsabkommen inzwischen sehr heftig artikuliert, etablieren sich diese neuen Typen von Abkommen bisher noch sehr unbemerkt. Als eine weitere Strategie beschreibst Du die Planung gigantischer Infrastrukturprojekte – welche Rolle spielen sie? Diese genannten geostrategischen Kontrollstrategien unterstützend, lässt sich derzeit die Planung von gigantischen kontinentalen Infrastrukturprojekten beobachten. Aktuell gibt es in Lateinamerika zwei solcher Mega-Infrastrukturprojekte. Das eine ist der Plan Puebla Panama in Zentralamerika, das andere ist IIRSA, eine Infrastruktur-Integrations-Initiative, welche auf Südamerika gerichtet ist. In beiden Fällen geht es darum, den Kontinent großräumig durch den Bau von gigantischen Kanälen, Verbindungsstraßen, Häfen, Pipelines von außen zu erschließen,und dadurch Investitionen und den Zugang zu Ressourcenvorkommen wie Bodenschätzen, Biodiversität, Öl, Gas etc. zu erleichtern. Was dabei passiert, ist eine Reorganisation des Territoriums und des ökonomischen Raums nach den Erfordernissen des Weltmarktes. Im Zentrum steht die Abschätzung des extrahierbaren ökonomischen Potentials dieser Zonen – ökologische und soziale Auswirkungen sowie Fragen nach lokaler sozialer Kontrolle spielen kaum keine Rolle. Was sind Formen von Widerstand? Aus den vielfältigen und auch konjunkturell wechselnden Formen von Widerstand will ich vor allem zwei aktuell sehr interessante Ansätze hervorheben. Die meisten Konflikte artikulieren sich um unmittelbaren Widerstand gegen sehr konkrete Auswirkungen neoliberaler Politik in unterschiedlichen Bereichen. Gesellschaftliche Gruppen, die immer schon am Rande oder vom kapitalistischen System ausgeschlossen gelebt haben, fordern jedoch inzwischen mit wachsendem Selbstbewusstsein darüber hinauszugehen und die gesamten gesellschaftlichen Prozesse neuzuüberdenken: Wenn das kapitalistische System über 500 Jahre keine Lösung angeboten hat – warum nicht an frühere Formen anschließen? Es handelt sich dabei um eine Art Rekonstruktion der eigenen Geschichte, die jedoch keine romantische Rückkehr zu einer idealen Vergangenheit andeuten soll, sondern eine politische Forderung nach alternativen gesellschaftlichen Organisationsmodellen, es sind Kämpfe um das Leben selbst, um Würde. Diese Bewegungen sind sehr kraftvoll. Interessante Kristallisationen entstanden auch rund um Proteste gegen Freihandelsabkommen wie ALCA oder Entschuldungskampagnen. Hier kamen sehr unterschiedliche Bewegungen zusammen, die mit ihren verschiedenartigen politischen Geschichten und Ausdrucksformen doch Teil einer gemeinsamen kontinentalen Bewegung wurden. Die Dynamik heutiger Kämpfe erklärt sich auch sehr stark dadurch, dass die heutigen Aneignungsformen von Umwelt und Ressourcen noch sehr viel elementarer auf existenzielle ökologische Grundelemente ausgerichtet sind – etwa durch die Privatisierung von Wasser oder die Patentierung von Saatgut. Die Reproduktion ist also nicht einmal mehr auf diesem basalen Niveau gewährleistet – sich dagegen zur Wehr zusetzen ist also eine Frage des Überlebens, da gibt es keine Alternative. Brand, Ulrich/Ceceña, Ana Esther (Hg.): Reflexionen einer Rebellion. „Chiapas“ und ein anderes Politikverständnis. Westfälisches Dampfboot, Münster 2002 online seit 17.04.2008 15:08:09 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Interview: Bettina Koehler Links zum Artikel:
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