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  Das Ökologische ist (wieder) politisch

Da die rahmenden Fakten insgesamt allerdings keineswegs neu sind, ist an der aktuellen Entwicklung vor allem interessant, warum eine Dynamisierung der offiziellen Debatten gerade jetzt erfolgt.

Umwelt- und Ressourcenthemen erhalten in letzter Zeit wieder Aufmerksamkeit, ja scheinen sogar hip zu sein. RegierungsvertreterInnen können sich mit entschiedenen Aussagen zu Klimawandel und Energiesicherheit profilieren – wie im Juni 2007 Angela Merkel auf dem G8- Gipfel in Heiligendamm. WissenschaftlerInnen, welche die Brisanz der ökologischen Krise erläutern, erhalten breite mediale Aufmerksamkeit – wie jüngst der Stern-Report oder der IPCC-Bericht zu Klimawandel. ‚Grünzeug fressende’, also mit nachwachsenden Rohstoffen betriebene ITGeräte, sind attraktive Werbeträger für Hightechunternehmen. Gleichzeitig wurde im Gefolge des G8-Gipfels innerhalb linker Bewegungen eine „klimapolitische Leerstelle“ diagnostiziert. Inzwischen überschlagen sich – entlang der Frage „wie grün soll die Linke sein“ – Suchbewegungen nach explizit linken Positionsbestimmungen zu Umwelt- und Ressourcenfragen. Dabei wird durchaus, so erste Einschätzungen, an frühere Debatten und Wissensbestände angeknüpft, bereichert aber durch Erfahrungsgewinne und Perspektivenerweiterungen aus dem Umfeld jüngerer globaler sozialer Bewegungskämpfe. Interessant ist also auch die Frage, warum das Thema für linke Bewegungen so lange unattraktiv gewesen ist, allenfalls eine Existenz als „Nebenwiderspruch“ gefristet hat.

Diskreditierungsmomente

Zurückblickend lassen sich innerhalb der Linken
zwei zentrale Momente der Diskreditierung ökologischer Themen ausmachen. Nachdem Umweltbewegungen bis in die 1980er Jahre ein durchaus wichtiger Ort der Politisierung waren – mit einigen bis heute vorzeigbaren Erfolgen was die Etablierung offizieller Umweltpolitiken angeht –, entzündete sich linke Kritik zunehmend vor allem an der Sozialen Frage. Abgrenzung erfolgte insofern nicht nur gegenüber den traditionell konservativ bis reaktionären Teilen von Umwelt- und Naturschutzbewegungen, sondern auch genereller gegenüber Rotbauchunken-verliebten Nebenschauplätzlern mit ihrem blinden Fleck im Bereich der Sozialen Frage. An ökologischen Themen und den mit ihnen assoziierten Fanartikeln haftete aus dieser Perspektive lange Zeit nicht nur der Nimbus des Uncoolen und Lustfeindlichen, sondern auch des Apolitischen. Zum anderen war (offizielle) Umweltpolitik spätestens seit der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 als ein verlorenes Terrain wahrnehmbar. Selbiges wurde dominiert von ökologischen Modernisierern, die technologische Effizienzrevolutionen und marktförmige Abfederungen von ökologischen Risiken (wie Zertifizierungen und Emissionshandel) anstelle grundlegender Gesellschaftsveränderungen proklamierten. De facto wurde damit die neoliberal-imperiale Lebensweise der nördlichen Gesellschaften abgesichert.

Weg über den Süden

Im Kontext globalisierungskritischer Bewegungen ab Ende der 1990er Jahre wurden die aktuellen Entwicklungen vor allem als „Krise der Gerechtigkeit“ und als Verteilungsproblem thematisiert. Globalisierungsprozesse wurden als machtförmiggestaltete, tiefgreifende Transformationen im Bereich Ökonomie und Politik denaturalisiert. Zusammenzudenken waren dabei Makro- und Mikrotechnologien der Interessendurchsetzung ebenso wie das Zusammenwirken verschiedener räumlicher Ebenen. Globale Implikationen der Welthandelsorganisation waren ebenso Thema wie neoliberale Disziplinierungsstrategien im Alltag. Interessanterweise scheint eine Dynamisierung von Repolitisierungsprozessen im Norden zum Teil über eine Rezeption der Auseinandersetzungen in Ländern des Südens erfolgt zu sein.

Gerade die dort oftmals vehementen Konflikte um Zugang und Kontrolle über natürliche Ressourcen – etwa gegen die Privatisierung von Wasser oder die Patentierung von Saatgut – verdeutlichten die Relevanz und das Ausmaß der Problematik auch für den Norden. Denn Privatisierungs- und Kommodifizierungsprozesse fanden durchaus und zunehmend auch im Norden statt und stehen in Wechselwirkungen mit jenen im Süden.

Das Ökologische ist politisch

Verdeutlicht haben diese Auseinandersetzungen aber auch, dass die „soziale“ nicht von der „ökologischen Frage“ trennbar ist – vielmehr artikulieren sich zentrale soziale Konflikte zunehmend als Auseinandersetzungen um die Kontrolle und Bedingungen des Zugangs zu natürlichen Ressourcen bzw. allgemeiner um die Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse. Und dies durchaus nicht nur auf einer abstrakten Ebene und nicht nur im Hinblick auf die globalen Ölvorkommen, sondern auch ganz konkret und kleinteilig im Hinblick auf alltägliche Lebensbedingungen. Soziale Projekte haben immer zugleich auch eine sehr materielle Dimension. Diese sozialökologischen Bedingungen werden historisch hergestellt und indem sie von unterschiedlichen AkteurInnen umkämpft und mitgestaltet werden, schreiben sich konkrete Kräfteverhältnisse in sie ein – etwa in die Art der Ausgestaltung der Wasserversorgungssysteme einer Großstadt. Ökologische Probleme als Verteilungsprobleme zu thematisieren ist insofern aus der Perspektive „des Südens“ viel offensichtlicher eine existenzielle Frage. Wer von bestimmten Ressourcennutzungen profitiert – und wer nicht; wer die Kosten für Umweltverschmutzungen zu tragen hat, entscheidet sich auch in ganz konkreten Auseinandersetzungen und Projekten. Klimawandel ist in einer solchen Perspektive also kein globales Bedrohungsszenario, welches den gesamten Planeten gefährdet, sondern eher eine negative Begleiterscheinung durchaus sozialer Projekte, welches sehr unterschiedliche Betroffenheiten erzeugt mit äußerst ungleicher Verteilung von Nutzen und Kosten. Und dies gilt ebenso für die daran gekoppelten Strategien zu Klimawandelbekämpfung plus Energiesicherheit, sei es im Hinblick auf die CO2-Reduktionsökonomie, auf Gaspipelines, Agrotreibstoffe oder eine Atomkraftrevival.

Komplexitäts-Overkill und alltägliche Arbeit

Zusammenzudenken ist in dieser Perspektive also erstens die „soziale“ mit der „ökologischen“ Frage, zweitens multiskalare räumliche Dimensionen – etwa die Verknüpfung lokaler Kämpfe um Ernährungssouveränität mit Fragen nach Welthandelsordnungen und globalen Herrschaftsverhältnissen – und drittens die auch aus emanzipatorischer Sicht durchaus widersprüchlichen Interessenlagen – in wieweit werden etwa nach wie vor beschäftigungspolitische Fragen im Norden gegen ökologische Fragen im Süden ausgespielt.

Dieses konsequente Zusammendenken verschiedener Problemdimensionen wird von einer Reihe von Konfliktfeldern nahezu aufgedrängt. Es gelingt nicht immer, aber es liegen Erfahrungen sozialer Bewegungen vor. Etwa in den zunehmend vernetzten Aktivitäten globaler Wasserbewegungen, in Biopiraterie-Kampagnen gegen geistige Eigentumsrechte oder in dem Repolitisierungsansatz des Aktionsnetzwerkes Globale Landwirtschaft, welches sich um Heiligendamm artikulierte. Sperrig bleibt das Thema Klimawandel; Ursachen, Wirkungen und Betroffenheiten stellen sich zumeist abstrakt und widersprüchlich dar. Um diese Fragen auszuloten ist im Sommer 2008 ein Klimacamp geplant. Das produktive an Umwelt- und Ressourcenfragen heute ist insofern nicht, dass alles mit allem irgendwie diffus zusammenhängt, sondern, dass sich verschiedene, oft widersprüchliche Problemdimensionen konsequent und zugleich sehr anschaulich miteinander verknüpfen lassen.

Brand, Ulrich (2007): „Wie grün muss die Linke sein?“ rls-Standpunkte 6/2007. Berlin: rls.
Görg, Christoph (2003): „Zurück zum Nebenwiderspruch? Naturverhältnisse in der Globalisierungskritik.“ In: Buko (Hg.): radikal global. Berlin, Assoziation A, 70-83.




online seit 09.04.2008 16:14:48 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : Bettina Koehler


Links zum Artikel:
www.buko.info
www.klimacamp.org
www.g8-landwirtschaft.net
www.biopiraterie.de



Orte klimapolitischer Positionssuche

Reflektionen innerhalb der Linken zum Klimawandel
[01.12.2008,Philip Bedall]


Systemkritik in den Klimadiskurs bugsiert

Nachbetrachtungen zum Klimacamp in Hamburg
[24.11.2008,Avanti – Projekt undogmatische Linke]


„Ship in transit, beware!”

Flüchtlingsrettung per Boot als Straftat?
[19.11.2008,Interview: Daphne Buellesbach]


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