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  Eine Barriere gegen das Vergessen

Claude Lanzmanns „Shoah“


Claude Lanzmanns „Shoah“ ist nach mehr als 20 Jahren auf DVD erschienen. Im Gegensatz zu neueren „Holocaust“-Bildern thematisiert der Film die Unmöglichkeit der Darstellung der industriellen Vernichtung

Dass Kino-Filme und Fernsehserien einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Debattenkultur über die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden haben können, zeigte nicht nur der Film „Schindlers Liste“, sondern auch schon die aus dem Jahre 1979 stammende US-amerikanische Serie „Holocaust“. Beide hatten sehr erfolgreich mit anschaulichen Identifikationsangeboten ein breites Publikum erreicht.

Der jetzt auf DVD erschiene Film „Shoah“ (1985) von Claude Lanzmann geht da einen ganz anderen Weg und ist gemessen an den ZuschauerInnenzahlen – einzige Ausnahme war Frankreich – auf keine große Resonanz gestoßen. So gesehen hat er keine Spuren im öffentlichen Diskurs hinterlassen und außerhalb der Kreise der ExpertInnen und Interessierten nur wenig Bekanntheit erlangt. Daran sind die fehlenden kulturindustriellen Identifikationsmuster natürlich nicht ganz unbeteiligt. Trotzdem ist der Film immer noch der gelungenste Versuch, sich diesem Thema zu nähern.

Unendlichkeit der Verbrechen

Der Film ist bei über neun Stunden Länge nicht chronologisch aufgebaut und besteht zum großen Teil aus Aufnahmen von Interviews mit Opfern, TäterInnen und ZuschauerInnen der industriellen Massenvernichtung. Einen breiten Raum erhält dabei der Historiker Raul Hilberg, der die Position eines wissenschaftlichen Experten einnimmt. Besonders hervorzuheben ist, dass die unterschiedlichen interviewten AkteurInnen weder direkt noch mit Hilfe der Montage miteinander konfrontiert werden. Keines der Opfer wird wie bei einer Reportage von Guido Knopp schamlos seinem ehemaligen Peiniger ausgesetzt. Neben diesem Plädoyer gegen eine Verwässerung der TäterInnen/Opfer-Grenzen ist es vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, dass Lanzmann eine Unendlichkeit der Verbrechen postuliert, warum der Film „Shoah“ nur einen marginalen Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen und ÖsterreicherInnen erhalten hat. Inhaltlich und ästhetisch versucht er dies auch mit unterschiedlichen filmischen Ansätzen umzusetzen. Die Imagination des Vergangenen verbindet sich in „Shoah“ mit dem Konkretismus der Bilder gegenwärtiger Orte. Hierbei entsteht ein Ineinandergreifen von Vergangenheit und Gegenwart. Die Grenze der Imagination ist bei Lanzmann aber die Vorstellbarkeit des Unvorstellbaren, der konkreten industriellen Vernichtung. Diese Grenze wird nicht überschritten. Die damalige Realität würde zum einen jede Form der Fiktion übertreffen, zum anderen gibt es – so Lanzmann - einfach kein filmisches Dokument: „Es gibt ein Verbot, aber es kommt nicht von mir – es kommt von Hitler. Es gibt nichts. Sie starben in der schwarzen Dunkelheit.“

Gewichene Grenzen und Effekthascherei

Obwohl über das Postulat des Bilderverbots in Frankreich heftige Debatten geführt wurden, hatte es einen nicht unerheblichen Einfluss gehabt, auch wenn zumeist versucht wurde – wie bei „Schindlers Liste“ – soweit es geht, das „Verbot“ aufzuweichen oder ganz zu missachten. Das aktuellste Beispiel ist der Film „La Question Humaine“ von Nicolas Klotz, der am 25. Februar in die Kinos kommt. Thematisch versucht er, einen ganz großen Wurf zu machen und scheitert daran kläglich: Er möchte Kapitalismus, Psychologie und Holocaust als eine strukturell verwandte Sache beschreiben. Gerade dort aber, wo eine jeweilige Trennschärfe notwendig gewesen wäre, wird bei Klotz alles ununterscheidbar. So setzt er den ideologischen Wahn der Nazis mit den Rationalisierungsmaßnahmen im heutigen Spätkapitalismus gleich.

Der Film, der am Anfang ästhetisch noch sehr angenehm unheimlich als Wirtschaftskrimi daherkommt, wird spätestens zum Schluss nur noch zur Farce: eine in der Hauptgeschichte erzählte Schuld aus der Zeit der deutschen Besatzung, wird aufgedeckt und rückblickend dargestellt. So zeigt er zwar bei einer Vergasungsszene in einem Lastwagen keine Bilder der Ermordung, nutzt dabei aber gnadenlos die Ton-Ebene. Die schwarze Dunkelheit der Kinoleinwand wird einer akustisch emotionalisierenden Effekthascherei geopfert. Um solch einem inhaltlich und ästhetisch profanen Umgang entgegenzutreten, sind Filme wie „Shoah“ umso wichtiger.



Claude Lanzmann: „Shoah“ (1985), DVD von Eureka Entertainment (2007)


online seit 13.03.2008 11:12:43 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Erk Schilder




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