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Vielstimmige Gegenwart Der Band „re/visionen“ verknüpft postkoloniale Theorien mit dem People-of- Color-Ansatz und eröffnet so „andere“ Perspektiven auf Rassismus und Macht, Selbstbestimmung und Widerstand. Stimmen, die abweichend von der „Weißen Normalität“ Perspektiven des/der Anderen einbringen, ohne Herrschaftsstrukturen zu reproduzieren, sind in den postkolonialen Theorien selten. Der/die Andere wird trotz anti-ethnozentrischem Anspruch betrachtet, bestaunt, exotisiert, „katalogisiert“ und dadurch „fassbar“ gemacht: konstruiert. Für Homi Bhabha ist dies die „schwerwiegendste Anklage“, die gegen die „Macht der institutionellen kritischen Theorie“ zu erheben ist. Theorie wird in der Regel vom (männlichen, heterosexuellen, Weißen) „Zentrum“ produziert, die Theorie der „Peripherie“ ist außerhalb jeder Wahrnehmung. Umso erfreulicher ist deshalb das Zustandekommen eines Readers wie „re/visionen“, der durch eine Verknüpfung von postkolonialen Theorien mit dem im deutschsprachigen Raum relativ unbekannten People-of-Color-Ansatz ein Gegengewicht zu setzen versucht. Montage von Selbstbildern Wie viele andere ethnische Zuschreibungen geht der Begriff People of Color auf einen rassistischen Hintergrund zurück: Als „Free People of Color“ wurden in der nordamerikanischen Sklavenhaltergesellschaft des 19. Jahrhunderts freie Schwarze Menschen mit afrikanischen Herkünften bezeichnet. Im Kontext der Black-Power-Bewegung der 1960er Jahre durchlief der Begriff dann eine positive Wandlung und bezieht sich heute auf alle unterdrückten und „rassifizierten Menschen, die in unterschiedlichen Anteilen über afrikanische, asiatische, lateinamerikanische, arabische, jüdische, indigene oder pazifische Herkünfte oder Hintergründe verfügen“ (S. 37). Über diese solidaritätsstiftende Perspektive und die gleichberechtigte Adressierung von Menschen, die bis jetzt durch Teilungsstrategien gegeneinander ausgespielt wurden, soll ein Überschreiten kommunaler Grenzen marginalisierter Gruppen erreicht werden, womit – ohne zu vereinheitlichen – in einer Art Montage diversifizierte, also die Unterschiedlichkeit anerkennende, positive Selbstbilder geschaffen werden sollen. „Montage“ trifft nun auch auf den vorliegenden Band zu: er besteht aus politischen Analysen, literarischen Essays, Comics und Gesprächen. Seine thematische wie auch stilistische Bandbreite erfrischt, erschwert aber leider auch das Zurechtfinden darin. „Postkolonial“ wird in „re/visionen“ in Bezug auf Migrationsgeschichte(n) begriffen, Integrationspolitik in Deutschland, aber auch im europäischen Kontext als „koloniale Praxis“ entlarvt. Dabei zielt die Sammlung auch auf eine Revision – im Sinne von „prüfender Wiederdurchsicht“ – der historischen Dimension. Blicke auf (Kolonial-) Geschichte und Gegenwart, wie sie Araba Evelyn Johnston-Arthur in ihrem Beitrag über die Schwarze Diaspora in Österreich durch die Dokumentation von Gewalt, das Nachzeichnen der Entstehung von organisiertem Widerstand wie der „Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte“ und von Ermächtigungsstrategien unternimmt, rücken bislang nicht Wahrgenommenes ins Licht. Stimme zu verleihen ist dabei ein zentrales Anliegen des Readers, dessen AutorInnen selbst People of Color sind und schon allein dadurch einen Perspektivenwechsel einleiten. Selbstreflexivität, das Erzählen und Verarbeiten der eigenen Erfahrung, spielt dabei eine große Rolle und wird von Umut Erel in ihrem Beitrag zu auto/biografischer Wissensproduktion von Migrantinnen thematisiert: Die Anerkennung von ethnisierten, minorisierten oder migrierten ForscherInnen bleibt aufgrund des Vorwurfs der biografischen Voreingenommenheit immer noch die Ausnahme. Wer spricht für wen? „Subalterne“ Gegenerzählungen führen nun nicht mehr zu der Frage, ob der/die Subalterne spricht, sondern wer denn überhaupt als subaltern gilt – ein Aspekt, der auch die Problematik dieses Ansatzes vor Augen führt. Denn er stößt auch in den eigenen Reihen – wie auch die im Reader dokumentierte Diskussion mit einem Kanak-Attak- Mitglied zeigt – nicht nur auf positive Resonanz. Ob dieser Ansatz der Konstruktion von Dichotomien wie Schwarz/Weiß entgegenwirken kann oder ob er nicht vielmehr selbst auf dem Ausschluss von Weißen marginalisierten Menschen beruht, bleibt ebenso zu hinterfragen wie das Auftauchen der Kategorie „Jüdisch“ im Peopleof- Color-Konzept. Dass eine Aufnahme dieser mit der Gleichsetzung von Rassismus und Antisemitismus einhergeht, und damit sowohl diese Begriffe als auch der des Postkolonialismus in ihren Grenzen verschwimmen und an Schlagkraft verlieren, zeigt eine unter dem postkolonialen Begriff der „Mimikry“ präsentierte jüdische Widerstandsbiografie. Ob sich der People-of-Color-Ansatz auch im deutschsprachigen Raum beweisen kann, wird sich zeigen. In der Zwischenzeit liefert der – auch NichtkennerInnen von postkolonialen Theorien leicht zugängliche – Band einen längst notwendigen und erfreulichen Anstoß, um „andere“ Stimmen hörbar zu machen. Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar (Hg.): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Unrast Verlag, Münster 2007 online seit 10.03.2008 16:52:00 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Gudrun Rath |
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