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  Sind wir alle A.?

Über Sprechen, Handeln, Instrumentalisierungen und den Versuch, nicht zu antworten

Die neue und erste vollständige Übersetzung von Gayatri Chakravorty Spivaks „Can the Subaltern speak?“ ins Deutsche und die aktuellen asylpolitischen Debatten über das Bleibereicht in Österreich werfen die Frage auf, ob Arigona Zogaj (laut Medienberichten der „prominenteste Asylfall der Republik“) eine Antwort auf die Frage „Can the Subaltern speak?“ geben bzw. sein könnte. Diese Fragestellung impliziert entweder, dass Arigona eine Subalterne ist, oder dass sie Antworten auf die Frage hat, ohne selber subaltern zu sein oder aber, dass sie selber die Antwort ist. Eine Frage fordert zumindest eine Antwort und schafft damit eine Interaktion zwischen fragender und antwortender Struktur oder Person. Eine Antwort impliziert häufig Wissen. Arigona Zogaj ist zweifelsohne ein Subjekt des Wissens. Ob sie aber ihr Wissen durch Sprechen äußern kann oder dies überhaupt will, ist eine andere Sache.

In ihrem Text „Can the Subaltern speak?“ wirft Gayatri Chakravorty Spivak die Frage auf, ob die Subalternen für sich selbst sprechen können oder ob für sie gesprochen werden muss bzw. ob Subalterne durch andere repräsentiert werden müssen. Das Konzept „Subalterne“ verwendet Spivak mehrdeutig. Es ist aber klar, wie Castro Varela und Dhawan (s. Interview) in ihrer kritischen Einführung zu postkolonialer Theorie schreiben, „wer für sie nicht Subalterne ist: Unmissverständlich betont Spivak, dass nicht jedes postkoloniale Subjekt und auch nicht jedes Mitglied einer ethnischen Minderheit sogleich eine Subalterne bzw. ein Subalterner ist“. Da Spivak Subalterne über deren Raum beschreibt, welcher abgeschnitten ist von jeder Mobilitätsmöglichkeit, können nach Spivaks Konzept in der westlichen Welt am ehesten AsylwerberInnen unter das Konzept der Subalternität subsumiert werden, nicht aber Migrantinnen und Migranten und andere diskriminierte Gruppen. Arigona könnte also potenziell der Subalternität angehören.

Ich werde versuchen keine Antworten zu geben – das wäre ein risikoreiches Unterfangen – sondern möchte aus einer kritisch-diskursanalytischen Perspektive einige der unterschiedlich geführten Diskurse rund um das Thema anreißend herausgreifen. Dabei ist anzumerken, dass Diskurse z.B. zu Migration oder Asylpolitik nicht nur die Migration selber oder asylpolitische Inhalte betreffen, sondern genauso konstituierende Teile von Diskursen zu Gesundheit, Sicherheit, Bildung u.a. sind.

Einfach nur „Arigona“?

Es gab zahlreiche Äußerungen in Bezug auf Arigona Zogaj, die immer häufiger nur als „Arigona“ bezeichnet wird. So steht die Aussage „Für Arigona kämpfen“ für einen Kampf u.a. gegen die verschärfte Asylpolitik. „Arigonas Familie wurde abgeschoben“ steht für die repressive Durchsetzung der repressiven und rassistischen Asylgesetzgebung. „Arigona“ steht kaum noch für Arigona. Ihr Name wird zur Stellvertreterin politischer Kämpfe und Auseinandersetzungen; an ihr reiben sich die unterschiedlichen Repräsentationsformen, die Spivak in Anlehnung an Marx herausgearbeitet hat: Es wird für Arigona gesprochen im Sinne einer Vertretung, und es wird über Arigona gesprochen im Sinne einer Darstellung. Aber spricht auch Arigona Zogaj?

In einer Talkshow im österreichischen Fernsehen wurde Arigona dargestellt: tanzend, sich schminkend und frisierend. „Was soll uns das sagen?“, fragt sich ein/e JournalistIn. Dass Arigona ein „ganz normales“ Mädchen und schon so weit integriert sei, dass sie sich gern – wie hierzulande üblich – hübsch mache?, antwortet ironisch der- /dieselbe JournalistIn und steht dieser Interpretation kritisch gegenüber. In dieser TV-Darstellung wird Arigona nicht als ein „repräsentiertes Bewusstsein gesehen, dass die Wirklichkeit adäquat vorstellt“ (Spivak).

Äußerungen zur prekären Situation von Arigona Zogaj nehmen verschieden Formen und Funktionen an. „Wenn es sich um einen 90-jährigen hässlichen Tschetschenen gehandelt hätte, dann hätte der Fall wohl weniger Aufsehen erregt!“ Diese Aussage eines ÖVP-Politikers, welche implizit auf Arigona Zogaj bzw. auf das Aufsehen, das sie erregt hat, Bezug nimmt, versucht die Konzepte Alter, Geschlecht, ästhetische Merkmale und den mitgemeinten Aufenthaltsstatus von zwei Personen gegenüberzustellen, auch wenn eine von ihnen nur imaginiert wird. Diese Gegenüberstellung provoziert ein häufig konstruiertes Konkurrenzverhältnis: Die Gleichheit mit und damit auch die Differenz eines 90-jährigen Tschetschenen zu einer Jugendlichen aus dem Kosovo wird verleugnet. Damit wird einer Solidarisierung ebenso entgegengehandelt wie der Möglichkeit eines alten Tschetschenen und einer Jugendlichen aus dem Kosovo als politische Subjekte in Beziehung zueinander zu treten. Oder diese Möglichkeit auch nur zu denken. Es ist ein Akt der Verstummung. Die gewünschte Distanz zueinander wird zementiert.

Instanzen des Schweigens

Sollte Arigona Zogaj nicht sprechen können bzw. nicht gehört werden, also eine Subalterne sein, würde sie Spivak zufolge auch keinen Sprechakt vollziehen. Das Problem mit Sprechakten bzw. mit dem Konzept des „Durch die Sprache Handelns“ im Sinne Bourdieus liegt darin begründet, dass sie zwar für die Darstellung von Sprechakten ganz gut anwendbar sind, nicht aber für das Konzept des Nicht-Sprechen-Könnens ausreichen.

Sprechakte gehen von einer Bereitschaft aller Beteiligten aus, miteinander interaktiv sprechen zu wollen und zu können und ihre Sprech-Bereitschaft auch zu signalisieren. Im Falle von Arigona Zogaj kann nicht von einer solchen beidseitigen Bereitschaft ausgegangen werden. Sie ist in diesem Sinne keine autorisierte Sprechinstanz, da in ihrem Wort nicht das symbolische Kapital konzentriert ist, das von der Gruppe akkumuliert wurde, die ihr die Vollmacht hätte geben müssen. Zu dieser Gruppe gehören der ÖVP-Politiker genauso wie auch die InitiatorInnen der zahlreichen Solidaritätsbekundungen und Unterschriftenlisten.

„Die Banalität der von linken Intellektuellen erstellten Listen von um sich selbst wissenden, politisch klugen Subalternen ist offen gelegt; indem sie sie repräsentieren, repräsentieren die Intellektuellen sich selbst als transparent“ (Spivak). Arigona Zogaj ist zweifelsfrei eine um sich selbst wissende und kluge Person. Trotz ihres vermeintlichen Schweigens signalisiert sie aber eine kommunikative Funktion. Sollte sie auch keine Subalterne sein, so kann sie sicherlich sprechen, trotz aller Widersprüchlichkeit dieser Feststellung. Der Pfarrer, in dessen Obhut sich Arigona befindet, der einen abgelehnten Antrag auf Aufenthalt nicht schweigend hinnimmt, impliziert einen sprechenden Pfarrer. Einen Pfarrer, ausgestattet mit den notwendigen Vollmachten für ein autoritatives Sprechen. Ein Pfarrer, welcher sich öffentlich äußert, er habe Angst, Arigona könne sich das Leben nehmen, braucht seine eigene Angst, um die Ängste der Abgewiesenen zu repräsentieren. „Um den Moment zu markieren, in dem aus inneren Wirren nicht nur zivile, sondern gute Gesellschaft hervorgeht, werden oft einzelne Ereignisse beschworen, die den Buchstaben des Gesetzes brechen, um dessen Geist zur Wirkung zu bringen“ (Spivak). Der Schutz von illegalisierten Menschen durch Legalisierte und Sprechende bietet sich oft als ein solches Ereignis an. Zwischen Repräsentierenden, prekärem Aufenthalt und dem Verweis auf die eine Position in der Gesellschaft bleibt die Person, die als der „brisanteste Abschiebefall des Landes“ bezeichnet wird, bei einer Pressekonferenz, die nach Ablehnung ihres Aufenthaltsantrags einberufen worden ist, schweigend – mit auf den Boden gerichtetem Blick. Einen Monat nach dieser Pressekonferenz ist es still geworden um Arigona.

Wahrscheinlich wird die öffentliche Diskussion wieder am Ende des Schuljahres entfachen. Dann soll Arigona nämlich abgeschoben werden.



Gayatri Chakravorty Spivak: „Can the Subaltern Speak? Postkolonialität
und subalterne Artikulation“. Mit einer Einleitung von Hito Steyerl, Turia + Kant, Wien 2008



online seit 12.02.2008 13:44:22 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Vlatka Frketic




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