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Ein Mensch, ein Nazi Preisgekrönter Dokumentarfilm „Hafners Paradise“ Am 11. Jänner startet in Wien (Kino de France) der österreichisch-spanische Dokumentarfilm „Hafners Paradise“. Regisseur Günter Schwaiger begleitet darin ein Jahr lang einen Nazi und Holocaust Leugner, den ehemaligen SS-Offizier Paul Maria Hafner. Deutsche Schweine Paul Maria Hafner ist einer von vielen (Ex)-Nazis, die in Francos Spanien mit offenen Armen empfangen wurden. Hafner, der in Dachau und später in der Junkerschule Bad Tölz militärischer Ausbildner für den „Führernachwuchs“ war, bekennt sich ganz offen zum Nationalsozialismus und zu seinen Kontakten zu prominenten Holocaustleugnern, darunter Gerd Honsik und David Irving. Als Schweinezüchter konnte er sich eine Existenz aufbauen („Die Spanier wissen gar nicht, wie viele deutsche Schweine hier unter ihnen leben“). Er ist heute Mitte Achtzig und stolz auf seine Gesundheit und gute körperliche Verfassung („ich brauche keine Medikamente, es geht mir ausgezeichnet“), was er bereitwillig vor der Kamera zeigt. Er erzählt von seiner Familie („zu den Schwestern hatte ich keinen engen Kontakt, denn da könnte ja sexuell etwas passieren“,), von seinem ersten sexuellen Erlebnis („Der Knecht zeigte mir seinen Penis, wixte und trieb es anschließend mit dem Kalb“) und seiner Furchtlosigkeit („ich habe vor nichts Angst“) – und all das ohne den Hauch einer emotionalen Regung. Erst die enttäuschende Reise nach Marbella, wo er vergeblich darauf hofft, seinen Freund Honsik zu treffen und wo sich eine Franco-Generalstochter, Cristina De Rueda, vor laufender Kamera von Hafner abwendet, lässt ihn allen Versuchen sich unter Kontrolle zu halten zum Trotz, ein wenig außer sich geraten. In der Folge befällt ihn eine seltene Nervenkrankheit, die ihm bis heute Schmerzen beim Sprechen bereitet. Als ihn dann auch noch der Spanienkämpfer Hans Landauer, in Dachau inhaftiert als Hafner angeblich dort gewesen war, mit der historischen Wahrheit konfrontiert, fällt Hafner in trotziges Schweigen. Historische Gerechtigkeit? Erst im Gespräch und vorangegangenen Interviews mit Regisseur Günter Schwaiger lassen sich viele Fragen klären, die der Film aufwirft. Etwa, wie es möglich war, Hafner so nahe zu kommen, wie es zur Konfrontation mit Landauer kam oder was Schwaigers wie Hafners Motive für den Film waren. So konnte Schwaiger im Zuge anderer Filmarbeiten Kontakte zur deutschen Kolonie in Spanien knüpfen und durch persönliches Interesse an den Menschen, nicht deren Täterschaft, schließlich Vertrauen gewinnen und eigene Beziehungen aufbauen. Einsamkeit, die Selbststilisierung als Held oder auch der Versuch einer Verbreitung seiner Holocaust Leugnung und NS-Propaganda, sind laut Schwaiger Hafners Motive für die einjährige Zusammenarbeit gewesen. „Wenn ich für diesen Film ins Gefängnis komme, dann meinetwegen“, soll Hafner gesagt haben. Und: „Ich habe vor nichts Angst“. Günter Schwaiger, in Salzburg geboren und aufgewachsen, stammt wie er sagt, aus einer „typisch österreichischen“ Familie. Die Eltern seien nie ganz mit ihrer Verstrickung in die historischen Ereignisse und deren Folgen bzw. Nachwirkungen klar gekommen. „Sie haben die Schuld resignierend akzeptiert, aber aufgearbeitet haben sie nie“, so Schwaiger. Auch in seinem Heimatdorf lebten ehemalige Nazis wie selbstverständlich ihr Leben weiter, jeder wusste davon und niemand sprach darüber. So beschäftigte ihn schon in seiner Kindheit die Frage, was das für Leute sind. Und als er die einzigartige Chance sah, einem SS-Offizier so nahe und den Antworten auf all seine Fragen auf die Spur zu kommen, wusste er: „Das muss ich machen.“ Allerdings bedeutete jenes Nahe-Kommen auch, sich allen damit verbundenen inneren Schwierigkeiten mit und Konsequenzen dieser Nähe auszusetzen. Schwaiger formuliert das so: „Da ich etwas über die Psyche dieses Menschen erfahren wollte, musste die Distanz überwunden werden. Das war nicht leicht für mich, aber nötig.“ Albträume hätten ihn begleitet sowie ein ständiger Kampf zwischen Nähe und Ablehnung. Ein Kampf, der in manchen stillen Bildern des Films, etwa am Strand von Marbella, erkennbar zu sein scheint. In der Bilderfolge, die laut Schwaiger chronologisch ist, spielt die Konfrontation mit dem Spanienkämpfer Hans Landauer eine entscheidende Rolle. Sie markiert einen letzten Wendepunkt und sie beendet den Film. Für Günter Schwaiger bot sich hier eine „einmalige Gelegenheit, diese beiden Menschen, die grundlegend verschiedene Auffassungen und Perspektiven repräsentieren“ miteinander zu konfrontieren. Das sei freiwillig zustande gekommen, beteuert er, die Konfrontation wäre die Idee Landauers gewesen, zu dem Schwaiger enge Kontakte unterhält. Was aber, wäre Landauer nicht dazu bereit gewesen, wie hätte der Film sein Ende gefunden? „Ich hätte so lange weiter gedreht, bis das heraus kam, was ich wollte“, sagt Schwaiger. Ob freiwillig oder nicht, Hans Landauer kommt in einer Art Stellvertreter-Funktion die Rolle zu, die „historische Wahrheit“ zu verkörpern, sozusagen als Gegenstück zu den Leugnungen Hafners. Darin lässt sich jedoch, neben der individuellen Bedeutung, die die Konfrontation möglicherweise für Landauer selbst hatte, auch eine Instrumentalisierung sehen. Schließlich wird dem Publikum Landauer nicht mit seiner spezifischen Biographie, seinen Gedanken und Standpunkten näher gebracht, sondern als Opfer ohne konkrete Geschichte, als bloße Funktion. Wie fair, wie angemessen und auch wie sinnvoll ist es, einem NS-Opfer die ganze historische Last aufzubürden, um dieses dann in eine öffentliche Konfrontation zu schicken? Günter Schwaiger: „Wer ist eher dazu befugt Hafner mit der Realität zu konfrontieren als ein direkt betroffenes Opfer des Faschismus? Ich sehe da keine Problematik sondern nur historische Gerechtigkeit.“ Verbrecherpsychologie „Hafners Paradise“ zeigt Paul Maria Hafner abseits von seinen historischen Taten, zeigt ein Individuum, einen Menschen, der tief in die NS-Verbrechen verstrickt ist und die dahinter liegende Ideologie bis heute verteidigt. Die eigentliche Täterschaft Hafners wird dabei nicht benannt, womit das filmische Ziel, das Allgemeine, das an der Person Hafners zu lernen sei, möge nicht hinter der konkreten Tat verschwinden, erreicht werden soll. Doch reproduziert der Film nicht genau darin jenes in Österreich meist grundsätzlich diffuse Wissen über die Täterschaft(en) in den eigenen Familien, das in seiner Schwammigkeit eben viel Raum für Mystisches, Projektion und Legendenbildung zulässt? Der Film sei eine Beobachtung und kein Gerichtsurteil, sagt Schwaiger dazu. Er, Schwaiger, sei weder ein Lehrer, noch ein Gericht. Genau so wie die „Kriminalpsychologie die Psyche von Verbrechern“ untersuche, sei dieser Film „die Auseinandersetzung mit einem Menschen, der ein Verbrecherregime unterstützt“ hat. Zur Beobachtung wären historische Fakten nicht wichtig. Dass allerdings jede Untersuchung der Psyche eines Verbrechers erst vor dem Hintergrund seiner Tat überhaupt relevant ist, scheint Schwaiger zu vergessen. Was also ist nun das Allgemeine, das von Hafner zu lernen sei? Der Film trage dazu bei, das „Banale, Leere und Stupide“ zu entlarven, das, wie Günter Schwaiger meint, nicht nur Hafner, sondern jeden Fanatiker kennzeichnet. In diesem Sinne möchte sein Film auch entmystifizieren. Die NS-Täter repräsentieren die „dunkle Seite in jedem von uns“. Es gehe darum, sie zu verstehen, um die „Zukunft zu retten“. Schwaiger: „Da haben wir alle etwas davon.“ Heribert Schiedel, Rechtsextremismusexperte und wissenschaftlicher Mitarbeiter des DÖW, antwortet auf die Frage, was an Hafner exemplarisch sei: „So wie sich mir Hafner im Film darstellt oder dargestellt wird, liegt das Exemplarische in seiner Verweigerungshaltung gegenüber der (historischen) Wirklichkeit. Dort, wo er aufgrund der Konfrontation mit Hans Landauer sich nur mehr schwer gegenüber der Realität absperren kann, reagiert er somatisch bzw. mit der gänzlichen Flucht in die Regression: Wie ein Kind hält er sich die Augen zu, murmelt Unverständliches und das so laut, dass es alles andere übertönt usw. Daneben zeigt der Film gut, wie sehr solche Leute die anhaltende Identifikation mit dem Nationalsozialismus oder „Führer“ und die „Kameradschaft“ mit Gleichgesinnten brauchen: Dieser Interpretationsrahmen ermöglicht erst die paranoide Selbstwahrnehmung als (schuldloses) Opfer.“ Und worin der Wert dieses Films seiner Meinung nach besteht, sagt Schiedel: „Der Wert des Films ergibt sich genau aus dem Exemplarischen. Dazu kommt das sichtbare Unbehagen, dass das Machen des Films Hafner bereitet hat: So knapp vor seinem Tod wird er noch mal konfrontiert und das vergönne ich ihm!“ „Nicht gedacht soll ihrer werden“ „Hafners Paradise“ wurde und wird in vielen Ländern der Welt gezeigt: in Italien, in Brasilien, Spanien, Israel, Österreich u.v.m. Die historischen Kontexte sind unterschiedliche, die Rezeption des Films daher auch im jeweiligen politisch-historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen. Gemäß dem jiddischen (1) Fluch „Nicht gedacht soll ihrer werden“, diskutier(t)en israelische PädagogInnen seit Jahren darüber, ob die Beschäftigung mit den einstigen Mördern nicht zu viel der Ehre für sie sei. Doch so sehr Schwaiger hierfür Verständnis zeigen will, („Ich verstehe das, den Opfern muss man immer eine Stimme geben“), so wenig rührt das an seiner Überzeugung, von seinem Film, dem „Portrait eines Menschen, nicht eines Nazis“, hätten alle etwas. Einen solchen Menschen so zu zeigen, wie er ist und denkt, hieße einen „Tabubruch begehen“, meint er, und mit den „Wunschvorstellungen mancher Leute zu brechen, die eigentlich keine Filme sondern Gerichtsverhandlungen sehen“ wollen. Mag letztere Behauptung für manche auch zutreffen, im österreichischen Kontext ist das Portrait Hafners „als Mensch, nicht als Nazi“ und die ausständige Gerichtsverhandlung mit Sicherheit kein Tabubruch. Spaltungsversuche Die Aufspaltung Hafners in einen „Menschen“ und „Nazi“ als zwei quasi gegenüberliegende Teile, mag ein Versuch sein, mit jener von Schwaiger ja auch selbst erkannten Ambivalenz in der Beziehung zu Hafner fertig zu werden. In der Verdrängung, Ausblendung jener historischen Taten, wird das Unbequeme - die konkrete Schuld – bequemer. Möglicherweise erklärt sich hier ein Aspekt des weltweiten Erfolgs, den „Hafners Paradise“ seit seinem Erscheinen feiert. So wie Hafner ohne seine Taten nicht in seiner (psychischen) Gesamtheit verstanden werden kann, so ist auch die Schoah ohne den gesellschaftlich-historischen Kontext nicht zu begreifen. Doch auch diesen ignoriert Schwaiger, wenn er vom Nationalsozialismus als „Fanatismus“, der „in jedem von uns“ steckt, spricht. Die systematische Massenvernichtung, die Hafner mit trug, fand nicht irgendwo statt, sondern in Deutschland und Österreich. Und sie wurde von den Massen ermöglicht, nachdem die nationalsozialistische Ideologie gerade dort auf fruchtbaren Boden gefallen war. Es waren eben keine beliebigen ideologischen Inhalte, der Erlösungs- oder Vernichtungsantisemitismus war kein Fanatismus wie jeder andere, sondern ein einmaliger und mit nichts zu vergleichender Zivilisationsbruch. Die Nachwirkungen dieses Bruchs auf Täter und Opfer, auf Täternachkommen und Opfernachkommen, sind unmöglich gleichzusetzen. Banalitäten So richtig es ist, angesichts einer im Dienst der Verdrängung stehende Dämonisierung und Exterritorialisierung „der“ Nazis von dem “Banalen, Leeren und Stupiden“ zu sprechen, so falsch ist es zu glauben, man könne den Tätern von Auschwitz, ihrer Psyche, ihren Motiven oder auch der anhaltenden Leugnung, Verdrängung und Verharmlosung alleine damit auf die Spur kommen. Dies dennoch zu tun und sich dabei wie Schwaiger als „Entlarver“ zu begreifen, wirft die Frage nach seinem Verhältnis zu Hannah Arendts Werk über den Eichmann-Prozess und die „Banalität des Bösen“ auf, vor allem aber zur weit reichenden Diskussion, die darauf folgte und die bis heute für ein Verstehen der Täter von Auschwitz wesentlich und so bedeutsam ist. Er verstehe die „Polemik um ihr Buch“ nicht, sagt Schwaiger. Hannah Arendt sei „scharfsinnig und feinfühlig“ und was sie über Eichmann schreibe, entspräche so ganz seinen eigenen Erfahrungen. Ob das Böse denn nicht banal sei, fragt er rhetorisch. Golo Mann schreibt in Der verdrehte Eichmann (2): „Eichmann, der ein rationales Wesen und kein Idiot war, […] kann so harmlos und gutmütig, wie sie [Hannah Arendt, Anm. d. Verf.] ihn ausmacht während seines Tuns nicht gewesen sein; gegen seine Schlechtigkeit spricht auch nicht, dass er […] ein hilfsbereiter Freund und was noch war. […] Mit solchen Beobachtungen löst man das Problem menschlicher Grausamkeit und Teufelei nicht.“ Was also leistet die so erfolgreiche Dokumentation „Hafners Paradise“? „Im zeitgeschichtlichen Aufklärungsunterricht ist der Film meiner Meinung nach nur bedingt einsetzbar“, sagt Heribert Schiedel vom Dokumnetationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW), selbst häufig Gast in Schulen und in der Lehrerfortbildung aktiv. „Er erfordert ein gewisses (Vor)Wissen über den Nationalsozialismus, seine Verbrechen und den gesellschaftlichen wie individuellen Umgang damit nach 1945. Als einziger oder einer der wenigen Filme zum Thema im (Regel)Unterricht wäre er zu spezifisch. Aber im Rahmen einer längeren und tiefer gehenden Auseinandersetzung in der Oberstufe ist er sicher brauchbar. Wie immer natürlich nur gemeinsam mit ausführlicher Diskussion danach.“ Ansonsten gilt: zum Glück und zum Unglück hat ein Filmemacher, wie jeder andere Künstler auch, auf die Rezeption seines Werkes nur bedingt Einfluss. Und so bleibt „Hafners Paradise“ ein sehenswerter Versuch einer Annäherung an die psychische Verfasstheit Paul Maria Hafners, die in der Reihe dessen, was zum Thema Nationalsozialismus jüngst so produziert wurde, inhaltlich durchaus einzigartig ist. Darüber hinaus verdeutlicht der Film gewissermaßen nebenbei, wie einfach es für die Täter war, mit der NS-Vergangenheit bequem weiterzuleben, unbehelligt, als ob nichts Unrechtes geschehen wäre. Und selbstverständlich ist es Schwaiger hoch anzurechnen, sich der Ambivalenz der Beziehung zu Hafner mit allen (inneren) Risiken und Chancen ausgesetzt zu haben. Was das breite Publikum jedoch daraus lernen kann, bleibt – und das ist tatsächlich banal – eine Frage der Bereitschaft und Denk(Un-) Möglichkeit jedes Einzelnen. Fußnoten: (1) Zitiert nach Henrik M. Broder, der Standard Printausgabe vom 13.11.2007. Ursprünglich: Hebr. Bibel, Kap 18, Buch Ezechiel. (2) Aus "Die Kontroverse. Hannah Arendt und die Juden", Nymphenburger Verlagshandlung 1964 online seit 07.01.2008 11:21:43 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Hannah Fröhlich Links zum Artikel:
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