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  Gouvernementale Szenarien

und Possen in Heiligendamm

Er war bereits im Vorfeld des Gipfels zum „Running Gag“ und Symbol geworden: Der Sicherheitszaun um das Tagungshotel „Kempinski“, in dem der Gipfel der G8 von 6.-8. Juni stattfand, hatte eine Länge von mehr als 12 Kilometern, kostete ca. 90 Millionen Euro und umgrenzte neben dem schmucken Luxushotel das verschlafene Örtchen „Seeheilbad Heiligendamm“ an der norddeutschen Ostseeküste. Die erweiterte Demoverbotszone reichte noch weiter in das Landesinnere vor, und auch vor der Küste wurde der Seeraum mit Netzen, Marinebooten und Tauchern bewacht. Einzäunung und Ausgrenzungs-Maßnahmen des theatrum gouvernemental boten sich inszenierungsgerecht zu symbolischen und performativen Grenzkämpfen an.

Sechs Jahre nach Genua hat sich bei großen Gipfel-Treffen das Bunker- Szenario im Wesentlichen durchgesetzt. Der symbolische und reale Kampf um Grenzen hatte sich binnen kurzer Zeit verschoben. Da große und touristische Städte als öffentliche Konfiktzonen unkontrollierbarer sind, treffen sich die G8 für ihre immer größer medial in Szene gesetzten „Kamingespräche“ nun an scheinbar ruhigen Orten zur Besinnung der Weltlage. Diese sind leichter rigoros abzusperren und lassen wenig Spielraum. Hilfe für Afrika und Klimaschutz standen diesmal beim Gipfel der reichsten Industriestaaten an der 2-tägigen Tagesordnung. Zu Kleingesprächen lud man ausserdem ausgewählte Repräsentanten der „Schwellen- und Entwicklungsländer“.

Der Staat schickte zum Schutz über 16.000 PolizistInnen und hielt Militäreinheiten in Alarmbereitschaft. Schon im Vorfeld des Gipfels kam es, wie bereits in Genua und anderen Orten, zu Razzien und Einschüchterungen von AktivistInnen. Neben Hausdurchsuchungen drohte die Polizei mit dem Terrorismusparagraphen 129a, der DemonstrantInnen vorab die Bildung von terroristischen Gruppierungen unterstellte und RAF-Gespenster suggerierte. Vermummung und Körperschutz waren bei den Demonstrationen verboten, und bei Übertretung wurde Präventiv- Haft angekündigt. Medial wurde zwar den RepräsentatInnen diverser NGOs polizeiliche Deesakaltionsstrategie versprochen, die Dramaturgie zur Eskalation setzte die Polizei im Auseinandersetzungsszenario aber dann wieder lieber selber.

Inszenierungsstreit mit dem „Schwarzen Block“

Um den martialischen Sicherheitsapparat zu rechtfertigen, schoss man sich wie üblich auf die „marodierenden Gewalttäter und brandschatzenden Horden“ des „Schwarzen Blocks“ ein, an dessen Inszenierung wütender Attacken, wie sich während der Demonstrationen in Heiligendamm herausstellte, die Polizei mittels „Agent Provocateuren“ wieder mitunter handkräftig selbst teilnahm. Das theatrum gouvernemental mit den „Autonomen“ ging in den ersten Demonstrationstagen auf. Medien rund um die Welt zeigten von der Großdemonstration am 2.Juni in Rostock Strassenkampfszenarien und berichteten von Massen an gewaltbereiten „Anarchisten“, die vor nichts zurückschreckten und die Anliegen einer ganzen friedlichen Bewegung überschatten würden. Die mediale Gier nach „Riot-Porn“ (Taz) wollte von vielen Seiten befriedigt werden, auch wenn sich das Geschehen auf einen Straßenzug beschränkte und ein Auto brannte. Aus einem Auto wurden über hundert verschiedene Einstellungen, und den Bilder- und Auseinandersetzungskampf gewann demgemäß wieder die Polizei.

Dazu dienten einerseits die fortwährenden Versuche, den „Schwarzen Block“ zur Kriminalisierung darstellbar zu machen und gleichzeitig die sowohl von Polizei, als auch von kämpferischer AktivistInnenseite unternommene Instrumentalisierung und Spaltung der Menge, die mit dieser Art von Eskalation nichts zu tun haben wollte. Auch in diesem Szenario bedienten sowohl die Kämpfer für den Staat, als auch die autonomen Posse-AktivistInnen die affektiv-mediale Kraft dionysischer Krawallbilder. Der Ort der Auseinandersetzung bot den Anwesenden und ZuschauerInnen ein Theater von Intensitäten, das Anordnungen von Bewegungen nicht akzeptierte.

Und viele Seiten postulierten dabei nicht frei von plakativen Überschriften: Ohne diese Gewaltmomente hätten es die Berichte über die Demonstration nicht wirklich in die Schlagzeilen geschafft. Doch obwohl diese Argumentation durchaus zutrifft, wurde damit auch auf einen Schlag die massive Präsenz der Staatsgewalt scheinbar gerechtfertigt.

An den Folgetagen konnte die Polizei systematisch das Demonstrationsrecht außer Kraft setzen und zu großangelegten „de-eskalierenden“ Repressivmaßnahmen greifen. Die Demonstration „gegen Grenzenregime und für Migrationsfreiheit“ wurde wegen zu großer Menschenmenge und angeblicher Gewalttäter in den Reihen der Demonstration verhindert. Mehr als 1000 AktistInnen wurden in „Verwahrungshaft“ genommen und weitere Tausende recht willkürlich mit dem Bann des „Platzverweises“ belegt. Berichte von brutalen Sondereinheiten der Polizei, die vermummt DemonstrantInnen aus der Menge griffen, Gefängniskäfigen in Industriehallen, permanente Überwachungsdemonstrationen der Polizei (mittels Hubschrauern, Kameras, Ausweiskontrollen, Datensammlungen, Leibesvisitation) und reale punktuelle Eskalationsstrategien bestimmten die neue Mischung aus Disziplisierungsmaßnahmen und biopolitischen Kontrollmanagement. Nicht ohne Stolz verkündeten die Kommunikationsmanager der Polizei, dass sie ihre Ziele ohne größere Probleme im Sinne der „öffentlichen Sicherheit“ erreicht hätten, denn der Gipfel konnte „reibungslos durchgesetzt“ werden.

Superhelden, 5-Finger Spielsysteme...

Das theatrum posse startete in Heiligendamm also mit einem militanten Anfangszenario, aber es gab auch eine unübersehbare Bandbreite von subversiven, queeren und theatralen Praktiken des Widerstands, die sich mehr als zuvor sowohl in polizeiliche, aber zum Teil auch in eigene Kampfrituale einmischte. Die Gelage und temporären, autonomen Zonen in Umgebung des Zauns erwiesen sich besonders in den Blockadetagen als Augangsbasis zum konzertierten Eindringen in die Demonstrations-Verbotszonen und für symbolische Blockaden aller Zufahrtsstraßen zum Gipfeltreffen. Am Tag der Ankunft der internationalen Politiker und des Wirtschafts- und Delegiertentrosses, setzten sich von den Camps, aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen kommend, tausende AktivistInnen in Gruppen und Menschenschlangen Richtung Sicherheitszaun in Bewegung. Über Wiesen und Felder schwärmten die Posse-SpielerInnen aus, fanden vor Polizeiblockaden zusammen und öffneten sich zu „Fünf Fingern“, die die Polizeigrenzen überwinden konnten. So wurden für einige Zeit sämtliche Zufahrtsstraßen und die Eisenbahnlinie „Molli“, die nach Heiligendamm führen, blockiert und in diesem Grenzspiel ein symbolischer Erfolg errungen. Sonnige Bilder von bunten Menschen, zum Teil mit Regenschirmen, in Mohnfeldern, im Hintergrund eine Attacke des Wasserwerfers, daneben martialische, anonyme Robocops – die Menge der ProtagonistInnen subvertierten fröhlich die staatliche Ordnungsmacht durch Macht der Performativität und Bilder.

... und die Rebel Clown Army

Militante Spaßguerillagruppen gaben bei den Blockaden und vielen Demonstrationen den Ton an. Die „Hedonisten“, die „Überflüssigen“, „der nackte Block“ oder auch die „Superhelden“ verlasen und propagierten während der Demonstrationszüge politische Manifeste, spendeten der Menge orgiastische Musik oder verschenkten Superhelden- Kostüme. Die „Rebel Clown Army“ hatte in Vorbereitungen und Umfeld der Aktionstage bis zu 500 Clowns „rekrutiert“, die das spezielle Anliegen in dem Zirkus verfolgten, Polizei und AktivistInnen zum Lachen zu bringen. Gegen das Vermummungsverbot setzte man/frau auf die Clown-Fratze, mit Perücke, roter Nase und viel Schminke. Wenn mit Knüppeln und Tränengas bewaffnete Polizeireihen und martialische Eingreiftrupps auftauchten, rannten meist ein paar Clowns mit Spritzpistolen und Confetti tapfer zu den potenziellen Angreifern, und zeigten ein dilletantisches Kunststück oder posierten mit ihnen für schöne Pressefotos. Bei AktivistInnen und Medien waren sie „beliebt“ und gern gesehen, denn ihr karnevaleskes Über-Treiben stellte die Staatsgewalt in bestimmten Momenten nicht nur ironisch bloß, sondern eröffnete bestimmte Räume für eine andere Wahnehmung von Aktionsformen. Der Polizei gefiel das auf die Dauer gar nicht, denn die problemlose Grenzüberschreitung und lachhafte Militanz der Clowns in den polizeilichen Raum subvertierte ihren geschlossenen Machtblock: Die Meldung wird kolportiert, Mitglieder der „Rebel Clowns Army“ hätten eine „unbekannte chemische Flüssigkeit“ auf Beamte gespritzt. 8 Polizisten wären im Krankenhaus behandelt worden. Die Anschuldigung wurde zunächst von Presseagenturen und vielen Medien aufgegriffen und verbreitet. Trotz der Absurdität und Haltlosigkeit wird die Meldung später von der Polizei weder korrigiert noch zurückgenommen.

Doch die „Rebel Clown Army“ war in diesem Szenario auch nicht der Verlierer, ihre „Narrenposition“, die in Genua 2001 oder Prag 2000 vor allem der Pink-Block inne hatte, pervertierte jedenfalls machistisches Kampfgehabe und performierte dennoch offensiv innerhalb der Grenzzonen von normativ ablaufenden Auseinandersetzungsszenarien. Trotzdem vermochten auch die Clowns nur kleine symbolische Grenzen und Verbote zu überwinden. Denn die Strategie des Karnevalesken löste auch in Heiligendamm nicht den Hochsicherheitszaun auf, aber aufmunternde Bilder mit Anleitung zur Selbstermächtigung zum militanten Clown blieben.



Gekürztes Kapitel aus dem im Herbst in der Reihe „republicart“ bei Turia + Kant erscheinenden Buch „Possen des Performativen. Queere Politiken und neue Formen des Theatralen“

online seit 27.07.2007 13:54:37 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : Gini Müller


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/regieren/1466Was vom Gipfel übrig blieb. Weltpolitik zum Anfassen



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