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  Kritischer Konsum

Mittel im Kampf gegen Ausbeutung oder bürgerliche Gewissensberuhigung?

Die dauerhafte Krise der industriellen Landwirtschaft (Ausbeutung von migrantischen Arbeitskräften, Verschärfung des weltweiten Hungerproblems durch Marktöffnungen, Preisdumping und grüne Gentechnik, Zerstörung der natürlichen Grundlagen etc. etc.) und deren Thematisierung („We feed the world“) einerseits sowie andererseits die Verfügbarkeit von Produkten aus Fairem Handel und biologischer Landwirtschaft (als Alternativen zum „globalen fast food“) haben die Debatte um die Möglichkeit der Aufhebung von Ausbeutung und Umweltzerstörung durch „bewusstes Kaufverhalten“ der KonsumentInnen neu angefacht.

Der folgende Artikel soll anhand von mehreren Beispielen die Frage diskutieren, ob „kritischer“, „ethischer“, „bewusster“ Konsum, wie auch immer genannt, agrarkapitalistische Strukturen ernsthaft gefährden kann oder ob es dich dabei lediglich um billige Gewissensberuhigung von meist kaufkräftigen BildungsbürgerInnen handelt.

Seit nunmehr 6 Jahren koordinieren wir, eine kleine Gruppe von BasisaktivistInnen aus den Themenbereichen Migration, Landwirtschaft, linken Gewerkschaften etc. eine vielfältige Forschungs- und Solidaritätsarbeit zum Thema Arbeitskämpfe in der industriellen Landwirtschaft (nähere Infos auf www.forum-civique.org). Wir sind hauptsächlich in Spanien, Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Österreich aktiv und versuchen, die gerade im Sektor des intensiven Obst- und Gemüsebaus bestehenden Ausbeutungsverhältnisse, von denen in erster Linie ArbeitsmigrantInnen betroffen sind, ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Noch wichtiger als die Denunzierung dieser Ausbeutung ist für uns die Bezugnahme auf widerständische Bewegungen von unten, bei denen Bewegungsfreiheit, Legalisierung, gleiche Rechte für alle und ein Ende der rassistischen Segmentierung des Arbeitsmarkts gefordert werden.
Ein spezieller Fokus unserer Arbeit ist die Unterstützung einer weitgehend migrantisch organisierten Basisgewerkschaft (SOC – syndicato de obrer@as del campo) im vielzitierten „Plastikmeer von El Ejido“ im Süden Spaniens (vgl. MALMOE Heft 27).

Bei zahlreichen Diskussionsveranstaltungen, die wir zum Thema organisierten, bzw. zu denen wir eingeladen wurden, drehten sich die Debatten um neue Formen gewerkschaftlicher Organisation, Möglichkeiten der Solidarisierung mit den MigrantInnen, Kampf gegen die Vormachtstellung der Supermarktketten beim Vertrieb etc. Besonders wichtigen Stellenwert hatte in vielen Fällen die Frage nach der Rolle der KonsumentInnen.

Nach der Präsentation unserer Recherchen, die auch zum Inhalt hatte, dass pro Jahr ca. 3 Millionen Tonnen Gemüse aus der Region Almería in den europäischen Supermärkten landen, war die spontane Reaktion vieler: „Ab jetzt werde ich kein Gemüse aus Spanien mehr kaufen“. Nur soviel: Keine einfache Herausforderung, mit dieser Reaktion umzugehen. Denn eines unserer zentralen Bemühungen auf der Ebene der Recherche und Öffentlichkeitsarbeit war immerhin, die strukturellen Ursachen darzustellen, die Ausbeutung und Rassismus im industriellen Gemüsebau verursachen und auf dieser Basis Gegenstrategien zu entwickeln.

Auch wenn die Region Almeria ein Extrembeispiel darstellt, schaffen agrarkapitalistische Strukturen, wie könnte es anders sein, auch in anderen Ländern und Regionen brutale Ausbeutungsverhältnisse. Erinnert sei an das Departement Bouches du Rhône in Südfrankreich, an das „Westland“ in Holland, an Spargel- und Erdbeerfelder im niederösterreichischen Marchfeld oder an den Tomatenanbau in Apulien. Einige dieser Beispiele sind in unserer Publikation „Bittere Ernte“ aufgearbeitet (Europäisches BürgerInnenforum: „Bittere Ernte. Die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas“, 2004).

Also: Vorausgesetzt, es macht Sinn, diese Frage so überhaupt zu stellen: Was soll mensch einkaufen, was nicht? Die Zusammenarbeit mit den AktivistInnen vom SOC in Almería hat für uns einige Dinge klarer gemacht: Kritischer Konsum oder etwa Konsumboykott macht erstens nur Sinn, wenn er mit denjenigen koordiniert ist, die vor Ort für eine Beendigung der Misere kämpfen. Durch den organisierten Druck von KonsumentInnen – bestenfalls zeitgleich mit Protesten oder Streiks vor Ort - besteht dann die Chance, dass nach rassistischen Übergriffen Prozesse korrekt geführt, die Löhne erhöht und die Arbeitsbedingungen verbessert oder Legalisierungen durchgeführt werden. Ein bekanntes Beispiel für die Verbindung von Konsumboykott und politischer Arbeit ist die Kampagne gegen die Firma „Triumph“, die genug Druck erzeugte, um die sweatshop- Betreiber zum Verlassen ihres Produktionsstandorts in der Militärdiktatur Burma zu zwingen. Ob die Lage der ArbeiterInnen sich nach dem Abzug des Textilerzeugers allerdings verbessert hat, kann kontroversiell diskutiert werden werden.

"Kritischer Konsum macht auch dann Sinn, wenn er einen konkreten widerständischen Ausdruck (z.B. gegenüber der jeweiligen Supermarktkette) findet. So ist manchmal auch der Brückenschlag zur Situation der im Konzern Beschäftigten möglich, wie z.B. bei der laufenden Kampagne gegen Lidl in Deutschland. Die Möglichkeiten reichen hier bis zu „Umsonst“- Aktionen, bei denen sich Menschen in kollektiv durchgeführten Aktionen Waren aus Supermärkten frei aneignen.

Auf der anderen Seite findet „kritischer Konsum“ seinen politischen Ausdruck, wenn z.B. eigenständige Bar- und Beislkollektive, offene Küchen etc. gezielt „solidarische“ Produkte beziehen, Kontakte zu den ProduzentInnen aufbauen und das ganze an dem jeweiligen Ort auch thematisieren (bspw. die aktuelle Lage in Mexiko bei Kaffee aus Zapatistas-Gemeinden).

Ein weiteres Beispiel sind direkte Kooperationen zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen („Food- Koops“), bei denen erstere auch in die Produktion mit einbezogen sein können. Über diese Praxis – die die Versorgung mit Lebensmitteln manchmal auch jenseits der Warenlogik organisiert – vernetzen sich städtische und ländliche linke Projekte. Die SOC greift auch diese Idee perspektivisch auf und hat in ihrer über 30jährigen Geschichte mittlerweile etliche Latifundien nach erfolgreichen Besetzungen in genossenschaftlich geführte Kooperativen umgewandelt.

Zurück zum Konsum: Nicht jeder Einkauf ist mit einer tollen Aktion oder Mobilisierung verknüpft. Die Frage nach der täglichen Kaufentscheidung stellt sich für die meisten Tag täglich, jenseits kollektiver politischer Strategien. Auf dieser Ebene ist es – was zunächst die Analyse betrifft - sicherlich wichtig, die Unterschiede zwischen industrieller und bäuerlicher/biologischer Landwirtschaft nicht zu nivellieren und zu behaupten, dass es in diesem System ohnehin nichts Richtiges geben könne. Aus der Tatsache, dass im Kapitalismus jegliche Marktbewegung den Gesetzen der Warenlogik unterliegt, den Schluss zu ziehen, dass es keine unterschiedlichen Produktionsweisen mit den verschiedensten Auswirkungen auf die sozialen Verhältnisse und die Umwelt gäbe, würde einer Banalkritik gleichkommen, die darüber hinaus antikapitalistische Handlungsperspektiven von vornherein enorm einengt. John Holloway interpretiert mit Blick auf die Zapatistas in Mexiko emanzipatorische Bewegungen als „Risse und Spalten“ im kapitalistischen System, mit denen ausgedrückt wird: „Wir sagen nicht nur Nein zum Kapital, wir entwickeln auch ein anderes Konzept von Politik, stellen eine Reihe anderer sozialer Beziehungen her und nehmen die Welt, die wir aufbauen wollen, darin vorweg“ (vgl. John Holloway: „Die zwei Zeiten der Revolution“, Wien 2006). Diese Risse und Spalten, die Spielräume für den Widerstand sind, können durch oben genannte Beispiele u.U. erweitert werden.

Es ist also keineswegs egal, was mensch kauft, denn verschiedene Produkte stehen für verschiedene Produktionsweisen. Das betrifft sowohl Ökobilanzen als auch Arbeitsbedingungen. Ohne sich Illusionen über die Reichweite von Fair Trade- Produkten hinzugeben: Immerhin ist der ProduzentInnenpreis höher, Bildungsprojekte und kommunitäre Einrichtungen werden finanziert etc.

Es erweist sich sicherlich als sinnvoll, Bio- oder Fair Trade-Labels auf ihren Gehalt zu überprüfen (beispielsweise die Firmenpolitik von Max Havelaar kritisch aufzuarbeiten…) und in jedem Fall keinem nationalen Palaver à la „wo Österreich drauf steht, ist Natur drin“ o.ä. auf den Leim zu gehen. Um Globalisierungskritik von Rechts nicht an Terrain gewinnen zu lassen, sollte letzterer Punkt eine zentrale Rolle spielen.

Abseits all dieser Einschätzungen ist es jedoch wichtig, der Idee mit einer guten Portion Skepsis zu begegnen, die Zustände könnten radikal verändert werden, wenn nur beharrlich genug am Bewusstsein der KonsumentInnen gearbeitet würde. Denn soziale Kämpfe werden erfahrungsgemäß meist von anderen, durch gesellschaftliche Widersprüche bedingte Entwicklungen losgetreten. Die AkteurInnen dieser Kämpfe sind auch in den seltensten Fällen mittelständische BildungsbürgerInnen, die „bewusst konsumieren“. Wenn dieser Aspekt ignoriert wird, paaren sich im schlimmsten Fall moralische Appelle („es müssten doch nur alle...“) mit Gewissensberuhigung oder Hochstilisierung der eigenen „guten Taten“. Diese so genannte „bewusste“ Haltung ist dann gleichzeitig Klassenbewusstsein in Form von bürgerlich-arroganter Abgrenzung gegenüber denjenigen, die sich Bio- und Fair Trade-Produkte schlichtweg nicht leisten können.

Um den Gedankenbogen zurück zur eingangs erwähnten Kampagne zur Unterstützung der LandarbeiterInnen in El Ejido zu spannen: Für die SOC ist der gezielte Boykott der Gemüsewaren aus der Region Almería dann sinnvoll, wenn es Kapazitäten gibt, die Folgen einer daraus resultierenden wirtschaftlichen Krise in der Region im Sinn der ArbeiterInnen zu nutzen. Das Signal dafür müssen die geben, die vor Ort leben, arbeiten und kämpfen.

Wenn es gelingt, die agrarkapitalistische Produktion an diesen Orten in die Knie zu zwingen, werden wir vielleicht in Wien spanische Orangen aus selbstverwalteten Kooperativen beziehen können, durch deren Konsum wir die sozialen Kämpfe in der Region unterstützen. Das wäre zwar nicht das Ende des globalen Kapitalismus und der Warengesellschaft, schafft aber Risse und Spalten, die wir weiter vergrößern können.





online seit 13.12.2006 10:50:10 (Printausgabe 35)
autorIn und feedback : Dieter Behr


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/verdienen/1326Die saubere Einkaufstasche: Der Siegeszug von Fair Trade wirft unangenehme Fragen auf



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