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Kreativität versprühen

„Wien ist anders“ – auch beim aktuellen Graffiti Hype

Das jährliche No-Border-Jam 2006 im sozialen Zentrum Metelkova in Lubjiana: Noch mit Musik und Rausch im Kopf klettern die ersten FrühaufsteherInnen aus ihren Zelten und verrichten schlaftrunken ihre morgendlichen Geschäfte. An der benachbarten Hall of Fame haben sich schon die ersten beiden Writer eingefunden und beginnen motiviert ihr Tagwerk.

Diese legale Sprühfläche am Rande des besetzten Zentrums dokumentiert die Kreativität und Vielfalt der Jugendkultur. Ein Masterpiece reiht sich ans andere, oft verbringen die MalerInnen Stunden, gar Tage, bis sie mit dem Endresultat zufrieden sind. Doch das kümmert die beiden Helden dieser Story wenig. Mit Fatcap ziehen sie in schwarz ihren Namen über die gesamte Länge der Wand und crossen dabei jedes einzelne Bild aus. Damit nicht genug packen sie nun Hammer und Meisel aus ihrem Rucksack und fangen an, den eben produzierten Schriftzug heraus zu pecken. Buchstabe für Buchstabe arbeiten sie sich vor, bis am Nachmittag ihr Name unwiderruflich eingehämmert von der Mauer prangt: EGOTRIP.

Diese Aktion offenbart die Essenz von Graffiti. Die klare und rohe Kraft der Zerstörung, gepaart mit provokativem Innovationsgeist und einem schier unglaublichen Drang zur Selbstdarstellung, die in dem sarkastisch-genialen Namen Egotrip gipfelt, der gleichzeitig auf das erstaunliche Ausmaß an Selbstreflexion, das diese Kunstform immer so lebendig und interessant hielt, hinweist.

In den Mainstream gesprüht

Der Egotrip ist auch in Wien handlungsleitend. Wie sonst sind die Auftritte vermummter, junger Männer in der ORF-Sendung „Treffpunkt Kultur“ zu deuten? Sie mimten im Sommer gleich in zwei Sendungen die Gangsterclowns, posten herum und hantierten mit Lackdosen – Live on Screen.

Weniger peinliche Selbstdarstellung konnte man/frau in letzter Zeit in einigen Galerien beobachten: Das MOYA zeigte im Frühling Kunst von JAYE, Schwarzfahrer, BANDE u.a. Auch BUSK und KERAMIK gaben sich in Galerien zu erkennen. In der Lindengallery (einer baustellenbedingten Freifläche, die binnen weniger Nächte mit Schablonen und Throw Ups dekoriert wurde) konnte jedeR selbst ausstellen, und zwar sieben Tage die Woche, von 0 – 24 Uhr. Gegenüber etablierte sich die in Wien erste reine Streetart-Galerie INOPERAbLE. Die machte dann gleich mit dem für gepflegte Produktionsbedingungen bekannten Turnschuh-Multi Nike gemeinsame Sache und auch Red Bull versuchte mittels Sponsoring Graffiti für sein Image zu vereinnahmen. Am 3.10. fand in einer von den Maden, KRYOT und BUSK mit Street-Art und Graffiti dekorierten Halle im Arsenalgelände eine Promotion-Party statt. Getränke und Eintritt selbstverständlich gratis.

In Deutschland und vielleicht irgendwann auch in Österreich läuft der authentische Graffiti-Thriller „Wholetrain“ in allen Kinos. Zwei Telefonfirmen werben mit Billboards, die von Parolen überschmiert sind, und neben all dem Hype ringt auch der Rechtsstaat um Aufmerksamkeit: mittels einer völlig überzogenen Freiheitsstrafe von acht Monaten unbedingt für den Metromaler Elb-Etus soll wieder Sauberkeit und Ordnung einziehen in Wiens Untergrund.

Genauso wie die Selbstsicht der Writer zwischen VandalInnen und KünstlerInnen schwankt, ist auch die gesellschaftliche Funktion des Graffiti zwischen öffentlichem Ärgernis und einer innovativen Quelle für den Kunst- und Graphikdesignsektor angesiedelt. Neben Werbedesignern, die sich gern und ausgiebig an Schrifttypen und dem rebellischen Gestus der Graffitiszene bedienen, frischen auch langweilige Repräsentationssaurier wie das Museumsquartier ihr Image mit der unkommerziellen Straßenkunst auf. So lud das MQ im Juni den Pariser Künstler Space Invader nach Wien ein. Während seines einmonatigen Aufenthalts betonierte er nächtens insgesamt 52 Fliesenmosaike an Wiener Hauswände. Anzeigen und Beschwerden nahm das MQ in Kauf. Der US-Amerikaner OBEY aka Shepard Fairey wurde als Graphiker für Levis und Universal Pictures eingekauft. In Wien schafften einige Writer mit ihren Fotomappen die Aufnahmsprüfung für die Hochkulturschmiede Universität für Angewandte Kunst.

Der visuelle Kunstsektor bedient sich am Underground ganz ähnlich der Plattenindustrie, die sich systematisch mittels Agenten und Independentlabel die Experimentierfreude und Kreativität unbekannter MusikerInnen einverleibt. Dieser Prozess wird von vielen Betroffenen abgelehnt, andere verstehen ihn allerdings auch als Chance. Für einige KunststudentInnen verschmilzt die Arbeit an der Ich-AG mit dem Spaß an ungewöhnlichen Eingriffen in den öffentlichen Raum. Große Risiken gehen sie mit Street-Art, also der Applikation von Stickern, Gegenständen und Plakaten im Gegensatz zu den Writern, die Züge bemalen und Schaufensterschreiben scratchen, nicht ein. Der Studi-Bezirk Neubau und die Gegend rund um den Naschmarkt, nicht gerade die Favelas von Wien, weisen die buntesten Straßenzüge auf. Damit kehrt Wien die internationale Entwicklung um. So gelten beschmierte Hauswände in anderen Hauptstädten als Zeichen der Verwahrlosung und der ökonomischen Bedeutungslosigkeit des jeweiligen Stadtteils, man denke etwa an die französischen banlieues oder die getrashten Randbezirke Ost-Berlins. Die Vorstädte Wiens sind hingegen spießige Musterbilder postfaschistischer Wohnkultur: gewaschene deutsche Automobile vor gestutzten Sträuchern, sauberen Trottoirs und ebensolchen Hauswänden. Die hippen und teureren Innenstadtbezirke sind hier der Hort von Vandalismus und visueller Zerstörung! (1)

Wien ist anders...

Ist Graffiti/Street-Art in Wien ein Wohlstandsphänomen? Zumindest deuten darauf auch viele Tags hin. Diese meist gesprühten Schriftzüge oder Kürzel sind in Wien wesentlich seltener abstrakte und unleserliche Botschaften, deren Bedeutung nur die In-Group kennt. Während beispielsweise in Berlin (eine der weltweiten Hauptstädte des Graffitis) oft Buchstaben- und Zahlenkombinationen wie ESA, KHC, GOB, 137, CBS etc. zu lesen sind, herrscht in Wien Kommunikationsbedürfnis vor: häufig werden als Namen ganze Worte verwendet, deren eigentümliche Intensität aus der zufälligen (oder bewussten?) Ortswahl entsteht: LUXUS, SNOBS, ERDE, OAG, SOLO, THRILL, PROLO, CHAOS, GAMEBOY, APE, FANS u.v.m. Diese Tags lassen vielleicht Rückschlüsse auf Identität und Stimmungslage der MalerInnen zu. Selbst die selteneren Buchstabenkombinationen haben manchmal eine mit dem Alltagsverstand begreifbare Bedeutung, man/frau denke an: TV, THC, OHM, KGB, EKH oder ACAB.

Im Vordergrund steht die Kommunikation, nicht der Wettbewerb. Der Sprachwitz, die kuriose Platzierung und die künstlerische Eleganz stehen in Wien über der schieren Anzahl und Größe des Crew-Namen.

Überall in Europa werden in den Writershops die Spraydosen aus Angst vor LadendiebInnen ausschließlich hinter dem Ladentisch gelagert. Wien ist auch hier anders: bei einem in der Szene beliebten Lackhändler in Fünfhaus herrscht das Selbstbedienungsprinzip vor. Es gibt anscheinend genug Geld und niemand kommt auf den Gedanken, ohne zu bezahlen zuzugreifen.

Diese Tendenz, die naturgemäß die Vielfalt des untersuchten Gegenstandes nur vereinfachen kann, lässt m.E. folgende Rückschlüsse zu: In Wien hat Graffiti und Street-Art einen bildungsbürgerlich-mittelständischen Hintergrund und es wird von StudentInnen, Alternativen und KünstlerInnen getragen, die ihre innenstädtischen Wohnorte verzieren.

Die subalternen Klassen in den Legebatterien der Vorstädte verharren in Ruhe oder bedienen sich eines anderen Ventils: dort dominieren Namen von Fußballvereinen und rassistische Parolen die Parkbänke.

Zweifellos lässt sich anhand der Hausmauern die Verankerung von städtischen Lebensstilen, kritischem Bewusstsein und die Stärke von sozialen Bewegungen ablesen. Die Verteilungsorte dieser Zeitung, die sich immer wieder mit Kunst im öffentlichen Raum beschäftigt, stimmen übrigens mit dieser groben Kategorisierung überein: es gibt keine MALMOE jenseits des Gürtels und in Transdanubien, aber in jeder zweiten Bagels-Stube im 7. und rund um den Naschmarkt!


Fußnote:

(1) Die legalen Halls of Fame und die Vielzahl von Bildern entlang der Schnellbahnlinien bleiben in dieser Überlegung außen vor, da sie vor allem deshalb so beliebt sind, weil dort ungestört gestylt werden kann.





online seit 04.12.2006 10:10:05 (Printausgabe 35)
autorIn und feedback : Karl Neumayer




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