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  Für eine Politik der sanften Abwertung

Irrtümer wiegen. Und zwei davon sind schwer aus dem Weg zu räumen: dass Kunst und mehr noch „Kunst im öffentlichen Raum“ ihrer Tendenz nach emanzipatorisch, widerspenstig oder Parallel- und Ersatzsystem sind.

Als fruchtbar für eine Kritik an subventionierter „public art“ erweist sich der Blick auf ein Papier, das 1992 auf der „Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen“ in Rio de Janeiro von 180 Staaten beschlossen wurde. Gelesen als Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklungsförderung oder als umweltpolitisches Aktionsprogramm des 21. Jahrhunderts ist das 300 Seiten starke Werk als „Agenda 21“ in Sprachgebrauch und politische Praxis repräsentativer Demokratien eingegangen. Klarer Auftrag der Agenda 21 ist es, mit der Integration von Umweltaspekten oder der beruhigenden Partizipation von „aktiven Bürgern und Bürgerinnen“ die kapitalistische Wirtschaftslogik sauber zu halten.

Förderung von Bürgerbeteiligungsprozessen Immer mehr sog. „lokale Agenda 21“ – Prozesse sprießen aus Orts-, Dorf- oder Grätzel- Böden. Auch in Österreich entstehen seit Ende der 90er Jahren sukzessive Vereine oder Agendagruppen zur „Förderung von Bürgerbeteiligungsprozessen“. Die Kanalisierung des „kreativen Potentials der BürgerInnen“ ist dabei entscheidend. Wie weit jedoch eine politische Selbstermächtigung marginalisierter und diskriminierter Bevölkerungsgruppen innerhalb derartig kreativer Bürgerlichkeit erwünscht wird, zeigt alleine die geringe oder nicht existente Beteiligung von MigrantInnen oder devianten Bevölkerungsgruppen an lokalen Agenda 21 Projekten.

Ganz ähnlich gelagert zeigt sich das sog. „Grätzelmanagement“: mittlerweile existieren in Wien zwei dieser „Stadtteilarbeitsprojekte“: im Volkert- und Alliertenviertel zwischen Praterstern Heinestraße und Augarten im 2.Bezirk, sowie dem Viertel rund um den Wallensteinplatz im 20sten. Finanziert werden sie aus dem Ziel-2 Budget der Europäischen Union, lokal von WienerWirtschaftsFörderungsFonds und der Stadt Wien.

Formuliertes Ziel ist es, die „Lebens-, Wirtschafts- und Umweltsituation in einem problematischen Gebiet dauerhaft zu stabilisieren und zu verbessern“. Hier setzt sich lokal das um, was das EU-Programm Ziel 2 für das Gebiet vorsieht: eine Stärkung der lokalen Wirtschaft, die Stärkung von Humanressourcen und eine „Verbesserung der Lebensqualität“. Im zweiten Bezirk wird das Grätzelmanagement vom privaten Beratungsunternehmen „17&4 Organisationsberatung G.m.b.H.“ gecoacht. Das Unternehmen fokussiert seine Projektarbeit auf „ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Aspekte – im Sinne der Agenda 21“. MitarbeiterInnen von „17&4“ moderieren auch Grätzelforum oder Arbeitskreise und entwickelten ein sog. „Kulturkonzept“ für den Stadtteil mit. Der Unternehmenssprech ist geprägt von weichgespülten Termini wie „Partizipation“, „Beteiligungsprozessen“, „Expertennetzwerken“ oder „Art Based Empowerment“.

Lebensqualität und „Lebensraum“

Stadtteilpolitik in diesem „partizipativen“, „nachhaltigen“ Sinne im Geiste der Agenda 21 kann gesellschaftspolitisch im Kontext von „Heimat“ und „Beheimatung“ diskutiert werden. Das Schielen auf die Heimat nämlich erklärt – vielleicht gerade in Österreich – manche Überschneidungen von Agenda 21, Stadtteilpolitik und „Kunst im Öffentlichen Raum“. Schon in drei „Lokalen Agenda 21“ – Logos der Bundesländer ist das Wort „Lebensraum“ im Titel integriert. In Oberösterreich und Tirol etwa: „Lebensraum mit Zukunft“. Diesbezüglich erklärt der stellvertretende Kärntner Landeshauptmann Martin Strutz vom BZÖ biologistisch: „Die Realisierung der interessanten und für die Zukunft so wichtigen Projekte muss gewährleistet sein, denn die kleinen Einheiten – unsere Regionen, Gemeinden und Dörfer – sind die Keimzellen einer positiven Entwicklung des gesamten Landes.“ Im gleichen Maße, wie in den Diskussionen zu Nachhaltigkeit und Heimat nicht selten die „heile Familie“ oder generationenübergreifendes Denken propagiert wird, wird auch in der Stadteilpolitik oft ein historisch verantwortliches Denken eingefordert. Demnach folgt der Wunsch nach „Aufarbeitung der Geschichte des Viertels“ innerhalb des Grätzlentwicklungskonzepts (Volkert- und Alliertenviertel) einer gewissen Logik, in der zur kulturellen Aufwertung eines Stadtteils eben auch Geschichtsarbeit gehört. „Aufarbeitung der Geschichte“ steht im Konzeptpapier konsequenterweise im Kapitel „Projekte K4 – Identität/Image“. Eine Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen stand im Sommer 2005 am Programm des Grätzlmanagements im 20. Bezirk. Eine Skandalisierung von „Arisierungen“ bzw. von der Vertreibung und der Ermordung der Juden und Jüdinnen im zweiten Bezirk und dem Umgang der Zweiten Republik mit ihrer NS-Vergangenheit fand jedoch bis heute ebenso wenig statt wie eine Thematisierung des alltäglichen Rassismus und Antisemitismus.

Vorort-Geschichten

Die Geschichte von Geschichtswerkstätten bzw. „BarfußhistorikerInnen“ liefert ein anschauliches Beispiel dafür, wie eine alternative Geschichtstheorie bzw. eine Alltagsgeschichte – Heimatgeschichte innerhalb von Stadtteilen sich zu einem kulturellen Standortfaktor entwickeln kann. „Global denken, lokal handeln“, lautete ein Leitspruch der Geschichtswerkstätten, die sich von institutionalisierter Geschichtsschreibung verabschiedeten. Wien, Frühsommer 2006: ein Projekt oben erwähnter Abteilung „Kunst im Öffentlichen Raum Wien“ nimmt in seinem Titel Bezug auf diese Traditionen: „Geschichte(n) vor Ort“ heißt die Schau, die in Zusammenarbeit mit dem Grätzelmanagement und den „Ressorts Planung und Wohnen“ für das Viertel um den Volkertmarkt konzipiert wurde. Dass die Assoziation mit den Geschichtswerkstätten kein Zufall ist, zeigt der Pressetext: „Künstler und Künstlergruppen haben im Rahmen der Aktion ‚Geschichte(n) vor Ort‘ Statements gesetzt, die auf die Historie des Viertels mit 10.000 Einwohnern ebenso eingehen wie auf die Gegenwart mit ihren soziologischen und ethnischen Besonderheiten.“ Doch ein genauerer Blick auf die Projekte selbst, sowie das Setting der Eröffnung zeigen, dass es mit der Auseinandersetzung nicht weit her ist.

Die meisten der 10 gezeigten Kunstprojekte überzeugten durch ihre relativ genehme Plakativität. Dem Straßenschild der Heinestraße wurden seine historischen Namen beigefügt, Fotos von Gegensprechanlagen am Volkertmarkt zu einer Collage „Open the door please“ zusammengefügt, Lebensläufe von ansässigen Menschen auf Wände geschrieben, oder Parkplätze mit religiösen Symbolen gekennzeichnet. Ein fahrbares Karussell und ein Spieltisch „Banca die Blanko“ erweiterten das künstlerische Spektrum um zwei durchdachte spielerische Ansätze, kostenlose Filme und ein Musikprogramm zwischen Weltmusik und Skug-DJs vervollständigten das Programm. Eine wenig reflektierte lokal(-patriotische) Identitätsstiftung soll hier als „Anstoß für diesen Stadtbereich mit schwächeren Sozialstrukturen zur künstlerischen und urbanen Weiterentwicklung“ dienen. Dies zeugt von einem Kunstverständnis, das weit von einer emanzipatorischen Kunstpraxis entfernt ist. Soziale oder politische Konflikte werden fein säuberlich ausgespart. Mensch könnte schließlich Stadtentwicklung im Kontext von „Kunst im öffentlichen Raum“ auch etwas anders drehen und beispielsweise den Bürgern und Bürgerinnen des ersten Bezirks ein wenig „Kunst im öffentlichen Raum in hoher Qualität“ servieren. Würde denn die Logik der „Gentrifizierung“ ernst genommen werden, so wäre eine „sanfte Abwertungspolitik“ ebenso stimmig, wenn es um Fragen bürgerlicher Gewalt, sozialer Ungerechtigkeit oder „öffentliches Eigentum“ geht. Kunst (wie Geschichtsschreibung) kann eben nicht von der politischen und sozialen Praxis der Gesellschaft getrennt werden, in deren Kontext sie entsteht. Lustiger wäre eine sanfte „Vermüllung“ des ersten Wiener Gemeindebezirks aber allemal.




online seit 04.09.2006 20:39:11 (Printausgabe 33)
autorIn und feedback : Thomas Schoiswohl




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