![]() |
| |
|
|
||||||||||||
| |
||||||||||||||
|
Warum Freie Medien neu erfunden werden müssen World Media Insights (wmi) und die Philosophie dahinter - die Langfassung des Beitrages von Karim Duarte. Seit 2004 ist World Media Insights offiziell ein Verein, aber unsere Aktivitäten haben schon vor sieben Jahren begonnen. Wir, das sind Hirut Kiesel und Karim Duarte. Am Anfang engagierten wir uns in migrantischen Organisationen, im Speziellen in afrikanischen. Über diese Schiene sind wir auf die Zivilgesellschaft gekommen und arbeiten seitdem als Menschenrechtaktivisten. In diesem Zusammenhang machten wir unsere erste Erfahrung mit Medienarbeit, als wir für einen Verein eine Radiosendung gründeten. Diese politische Arbeit hat sich im Jahr 2000 intensiviert, in einer Zeit einer starken neuen Politisierung der Gesellschaft in Österreich. Irgendwann wurde uns klar, dass wir nicht in allen Bereichen in einem Zustand des Dauerengagements tätig sein könnten – es kam die Notwendigkeit einer Selbstdefinition und Neuorientierung auf. Aufgrund unserer Erfahrung mit dem Medium Radio entschieden wir uns eine eigene Sendung zu starten, was dann im Juni 2000 auch geschah. So haben wir Radio BiG (Best in Globe) ins Leben gerufen und senden seitdem jeden Mittwoch von 20 bis 21 Uhr auf Orange 94.0, das freie Radio in Wien. Seitdem wissen wir, dass es unser beruflicher Weg ist, als JournalistInnen tätig zu sein, und es erfüllt uns mit Freude und mit dem Gefühl, unseren Beitrag für die Entwicklung dieser Gesellschaft zu leisten. Die Entscheidung für Freie Medien wurde stark von unseren Beobachtungen und der Analyse über die Rolle und Macht der Medien in politischen Prozessen sowie über die, aus unserer Sicht, sehr defizitäre Medienlandschaft in Österreich geprägt, vor allem was gesellschaftspolitische Themen anbelangt. Von Anfang an war uns klar, dass wir nur bei den Freien Medien arbeiten wollten und konnten. Die absolute Freiheit bei der Gestaltung unserer Arbeit war und ist für uns DAS Kriterium Nummer 1. Und dies konnten wir nur in diesem Segment der Medienlandschaft verwirklichen. In einer sich rasch verändernden Welt, in der Medien entweder für leicht konsumierbare Unterhaltung sorgen oder Spielzeug der Politik sind, sind Freie Medien der einzige Raum für einen Ausdruck der Zivilgesellschaft, die immer mehr die sozio-politischen Prozesse mitbestimmt. "Migrantentum" abschaffen Der Widerspruch, das "Migrantentum" einerseits beenden zu wollen und sich andererseits als solches definieren zu müssen, um Subjekt, politischer Akteur sein zu dürfen – dieser Widerspruch ist nicht neu, aber er wurde bis jetzt selten bis gar nicht thematisiert. Unser Anspruch ist es, am Ende des Weges kein "Migrantentum" mehr zu haben, sondern ganz normale, gleichwertige AkteurInnen dieser Gesellschaft zu sein, aber so wie die Gesellschaft noch strukturiert ist, muss man sich als solches definieren, um die selbstverständlichen Diskriminierungen sichtbar zu machen und sie zu bekämpfen – erst dann kann man das "Migrantentum" abschaffen. Die Strategie ist, von Anfang an, seine Teilnahme an der Gesellschaft als gleichwertiges Mitglied zu fordern. Und sich gleichzeitig vom Diktat der Leitkultur zu befreien. Diese "toleriert" nämlich nur eine Tätigkeit in den folgenden drei Bereichen: 1. Migration- und Integrationsthemen: "MigrantInnen" dürfen sich Gedanken machen über Migration- und Integrationsthemen, sie dürfen aber diesen Bereich nicht bestimmen, weil das die Aufgabe der Politik ist (und in dieser sind keine "MigrantInnen"). 2. Rassismus bzw. Anti-Rassismus ist der zweite Bereich, in dem es erlaubt ist, dass sich "MigrantInnen" darin bewegen. Sie dürfen sich über ihn beklagen und sind damit in einem Dauerzustand des Opfers, was verhehrende psychologischen Folgen für die Betroffenen hat. Oder sie dürfen sich bis einem gewissen Grad anti-rassistisch betätigen, was sie auch in ein negatives Gefängnis sperrt. 3. Der dritte Punkt, der "MigrantInnen" in der Kategorie der "AusländerInnen" festnagelt, ist die erlaubte Bekanntmachung und/oder das Sichtbarmachen des Herkunftslandes. Man ist auch nach 30 Jahren in Österreich nur "AfrikanerIn", "LateinamerikanerIn" oder "AsiatIn". Man darf sich als Exote/Exotin zeigen, den "ÖsterreicherInnen" erklären, wie es in der Heimat so ist. Selbstverständlich passt diese Haltung zu den am meisten gestellten Fragen an "MigrantInnen": "Wie lange sind Sie schon in Österreich?", und "wann haben Sie vor zurückzukehren?". Auch wenn diese Bereiche sehr bewusst von so genannten "MigrantInnen" wahrgenommen werden, ist es extrem schwierig sich diesem Diktat zu entziehen. Wir "MigrantInnen" sind durch all diese Ebenen gegangen. Die Befreiung davon war ein sehr langer Prozess. Wir sind uns heute im Klaren, dass, nur wenn unser "Anderssein" eine Selbstverständlichkeit wird, wir uns unsere Würde bewahren und unseren Beitrag in vollem Umfang leisten können. Dieses Anderssein sehen wir als Vorteil und wir sind bereit dieses auch offen zu zeigen. Aber in den vorhin genannten Bereichen ist dieses Anderssein eine Flagge geworden ... Wir können unsere Themen in allen Bereichen selbst bestimmen und wir tun es auch. Als Journalisten fühlen wir uns frei unsere eigenen Agenden festzulegen. Das kann ein anderer Blick auf schon aufgegriffene Themen sein oder ganz andere als die, die von den Mainstream-Agenturen vorgegeben werden. Aber auch formelle Kriterien müssen von uns in Frage gestellt werden – in diesem Zusammenhang sind wir oft mit Aussagen wie "nicht professionell genug" und "entspricht nicht dem vorgegebenen Qualitätsanspruch" konfrontiert. Nur weil wir bestimmten formalen Kriterien, die in einem kulturellen Kontext gewachsen sind, nicht entsprechen wollen. Außerdem dient diese Schiene oft dem strukturellen Rassismus als Rechtfertigung. Die 4 Projekte von World Media Insights Radio BiG (Best in Globe): Die einstündige Live-Sendung hat normalerweise ein bis drei Gäste, meistens Menschen mit "migrantischem Hintergrund", wie man heutzutage sagt. Alle Themen werden angesprochen. Und dies in verschiedenen Sprachen. So wie der Name schon verrät, verfolgt die Sendung ein globales Gefühl, aber bei einer Globalisierung, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. Advanced Films: Dieses Projekt wurde ebenfalls Ende 2000 gestartet. Ziel ist es, Videodokumentarfilme mit einem "anderen Blickwinkel" zu produzieren und so Dinge sichtbar zu machen, die normalerweise hinter einem unsichtbaren Mantel versteckt werden. Focus Advert: ist das von wmi am wenigsten entwickelte Projekt. Die Idee ist Werbespots zu drehen mit einer anderen sozio-politischen Selbstverständlichkeit. Discover TV: Fernsehen zu machen in einem freien Medium ist ein langer Traum von uns. Nach vielen Jahren des Hin und Hers mit dem Projekt "ein Community TV für Wien" ist endlich etwas Konkretes entstanden. Wir wollten von Anfang an dabei sein, dementsprechend nimmt dieses Projekt am meisten unsere Zeit in Anspruch. Wir haben die Erfordernisse des neuen Mediums etwas unterschätzt, unsere Produkte waren noch nicht reif. Im Januar 2006 war es dann aber so weit: Wir haben OKTO zwei verschiedene Formate angeboten, die sofort akzeptiert wurden. Interessant zu merken war, dass man uns offensichtlich – und wie immer – diese Herausforderung nicht zugetraut hat. Scheinbar haben die Publikumsreaktionen uns recht gegeben. Eine weitere Herausforderung bei Discover TV war die Bildung eines Teams. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur zu zweit gearbeitet, aber jetzt musste ein technisches Team her. Nach nur zwei Monaten war das Team in der Lage ziemlich selbstständig zu arbeiten. Es ist für uns alle ein sehr spannender Lernprozess. "Every-1 News" und "Newstalks" ist ein weltweit einzigartiges Nachrichtenformat und stellt die erste Sendung bei OKTO dar. Hirut Kiesel und Karim Duarte plus zwei anderen JournalistInnen, die sich abwechseln, präsentieren fünf Minuten lang Nachrichten in vier verschiedenen Sprachen aus aller Welt. Danach wird beim Newstalks auf Deutsch über die Inhalte der Nachrichten unter den vier diskutiert. Die Recherche für die vier Journalisten ist frei, sowohl thematisch als auch geografisch. Seit Beginn der Sendungen wurde auf Deutsch, Englisch, Französisch, Yoruba, Japanisch, Kreol von Kap Verde, Amharisch, Mandarin, Spanisch und Portugiesisch gesendet. Selbstverständlich werden alle 4 Kontinente bei jeder Sendung angesprochen. Die Sendung dauert ca. eine Stunde. Das zweite Format "Every-1 Means" ist eine ebenfalls ca. einstündige Diskussionssendung, die sich aber von den üblichen durch die Themenwahl und die Gäste unterscheidet. Normalerweise wird die Sendung auf Deutsch gestaltet, sollten aber Gäste aus anderen Teilen der Welt in Wien sein, die kein Deutsch sprechen, wird selbstverständlich die Sendung auf die beste gemeinsame Sprache erfolgen. Die Idee ist, wie der Namen schon verrät, jede/n zu Wort kommen zu lassen. Es gibt leider in unsere Stadt sehr viele Menschen, die medial nur als Objekt existieren. Wir machen aus ihnen mediale und gesellschaftliche SUBJEKTE! Seit Beginn der Sendungen haben wir folgenden Themen angesprochen: 1) Die Mohammed-Karikaturen versus die Pressefreiheit in Europa; 2) Die Reise von StudentInnen der Uni Wien nach Katar; 3) Rumänien und der Beitritt zur EU; 4) Die Reise von StudentInnen der Uni Doha, Katar, nach Wien; 5) Die Ausstellung Latin-Lobby im Rahmen des Gipfels Lateinamerika und der Karibischen Raum mit der EU. Auch diese Sendungen dauern ca. eine Stunde. "Erlaubte Spielräume" Die Frage der Finanzierung ist immer eine sehr heikle, vor allem dann, wenn es um mediale Projekte geht. Wenn aber dieses Projekt bei den Freien Medien existiert, dann wird die Geschichte fast unlösbar. Wenn noch dazu die Journalisten "MigrantInnen" sind, fühlt sich keine/r angesprochen oder verantwortlich. Die Finanzierung ist auch der Bereich, über den am besten oder am leichtesten Druck auszuüben ist: Hier zeigt sich, was "die Gesellschaft" duldet oder nicht. Hier findet man den idealen Mechanismus, um "erlaubte" Spielräume zu schaffen. Und wer frei arbeiten will, wird als "unerhört frech" erklärt. Eine der Säulen der Freien Medien ist die Ehrenamtlichkeit. Das System funktioniert so, dass ein kleiner Verwaltungskern plus die Infrastruktur vom guten Willen der Politik für die Finanzierung abhängig ist. Dieser Kern muss manchmal Jahre lang kämpfen, um diese auch zu bekommen. Aber all jene, die Sendungen machen, ohne die es gar kein Medium gibt, MÜSSEN ehrenamtlich arbeiten. Das verlangt das Gesetz. Diese Entwicklung kommt aus der Geschichte der Freien Medien und muss aber aus unserer Sicht schnellstens revidiert werden. Es gibt 3 Kategorien von Radio- und FernsehmacherInnen: 1. Die VertreterInnen von Institutionen, die sich der freien Medien bedienen, um ihre Arbeit bekannt zu machen. Diese Leute werden von den jeweiligen Institutionen dafür bezahlt, diese Arbeit zu leisten, ohne dass sie eine weitere Finanzierung brauchen. 2. Die Menschen, die diese Aktivität als Hobby oder Freizeitgestaltung sehen. Sie haben einen honorierten Job und nebenbei gehen sie ihrem Hobby nach. Zum Beispiel Leute die eine Musikart lieben und wollen, dass andere den Spaß an dieser Musik mit ihnen teilen. Von Anfang an denken solche Leute nicht an Finanzierung. Ihre Arbeitsbedingungen sind die, die sie sich vorgestellt haben. 3. Leute wie wir, die eine ernst zu nehmende journalistische Tätigkeit ausüben und davon leben wollen. Sie sind bei den freien Medien aus Überzeugung und nicht, weil sie woanders nicht Fuß fassen können. Sie gehören aber keiner Institution an und haben somit auch keine Finanzierungsquelle. Was sollen solche Leute mit Ehrenamtlichkeit anfangen? Dazu kommt, dass sie diejenigen sind, die die Qualität der genannten Medien garantieren. In einer Gesellschaft, wo alles bezahlt wird, wird Arbeit ohne Entgelt gleichgesetzt mit Hobby. Nur, die Beschreibung der Arbeit, die wir machen, kann bestimmt nicht mit Hobby gleichgesetzt werden, oder? Die Gesellschaft verpasst aber keine Gelegenheit diese Struktur zu bekräftigen. Und wir sprechen nicht nur über die sozialen Kontakte von jede/r von uns. Nehmen wir Institutionen wie das AMS und das Sozialamt der Stadt Wien. Wenn Sie nicht verdienen, müssen Sie entweder einen Job finden, der Ihnen Geld bringt (und damit sind Sie nicht mehr in der Lage, Ihrer journalistischen Arbeit korrekt nachzukommen) und/oder Sie landen bei diesen Institutionen (AMS und Sozialamt). Glauben Sie, dass sie Ihnen glauben werden, dass das, was Sie machen, kein Hobby ist? Das passt nicht in deren Kriterien ... Arbeit = Gehalt! Alles andere existiert nicht! Oder Sie müssen aus irgendeinem Grund mit KollegInnen von anderen Medien zusammenarbeiten. Wer wird Ihnen Respekt und Kollegialität entgegenbringen? Niemand! Sie wollen einen Termin im Rahmen Ihrer Arbeit bei einer Institution bekommen. Man fragt Sie: Von welchen Medium kommen Sie? Oft, nicht immer, sagt man: Diese Sender sind nicht repräsentativ genug. Gemeint ist: Wir wollen keine Hobby-JournalistInnen. Und wir haben noch nicht über die Tatsache gesprochen, dass man einen extrem stressigen Job ausübt und, wenn die Rechnungen kommen, man sich fragt, warum man so viel arbeitet und man trotzdem nie genug Geld hat, um alles zu bezahlen. Zu schweigen von den familiären Verpflichtungen ... Nein, die Ehrenamtlichkeit muss weg! Eine andere Säule der freien Medien ist die Tatsache, dass sie vom Gesetz her keine Werbung bringen dürfen. Dabei ist Werbung die Hauptfinanzierungsquelle jedes Mediums weltweit. Aber sagen wir, dass wir die Gründe des Gesetzgebers verstehen. Man kann aber nicht eine Kategorie von Medien kreieren, mit dieser finanziellen Begrenzung, ohne ihr eine Finanzierungsmöglichkeit zu garantieren. Genau das ist es aber, was unser Gesetzgeber getan hat. Man kann nicht glauben, dass diese Entscheidung ein Lapsus war. Viel mehr bekommen wir den Eindruck, dass diese Entscheidung bedacht war. Es geht darum, diese "anarchischen" JournalistInnen in eine Lage zu versetzen, in der sie abhängig sind vom guten Willen der Politik. Somit kann man immer die Rahmenbedingungen aufmachen oder schließen, je nachdem wie brav sie sich benehmen. Dabei gäbe es durchaus Ansätze, die Situation zu lösen: Das Gesetz könnte z.B. 80% der Kosten durch die Finanzierung des Staates (Bund, Land und Gemeinde) garantieren. Das wäre fair. 20% können sich die jeweiligen Medien anderswo suchen. Und wenn man fragt, wo könnte der Staat diese 80% finden? Beim GIS! Privatmedien sind privat und brauchen keine öffentliche Finanzierung. Und sie haben die Werbung. Sogar das ORF darf Werbung machen und kommt seiner Pflicht, ein öffentlich-rechtliches Medium zu sein immer weniger nach. online seit 17.07.2006 11:42:23 (Printausgabe 32) autorIn und feedback : Karim Duarte Links zum Artikel:
|
|
Urheberrechte nützen uns nicht Antwort von Monika Mokre auf den offenen Brief zur „Anti-Urheberrechtsaktion“ [21.04.2012,Monika Mokre] Avanti Migranti! Kurzer Abriss der Geschichte migrantischer Selbstorganisation in Italien bis zum Streik [17.04.2012,Rainer Hackauf] Zur Plage ... ... der „Ankerkinder“-Debatte: Schlechtmenschenneusprech [09.04.2012,Willi Feiertag] die vorigen 3 Einträge ... die nächsten 3 Einträge ... |
||||||||||||
![]() |