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  MigrantInnen in den Freien Medien

Überlegungen zu den Zugangs-und Produktionsbedingungen für MigrantInnen in der Freien Medienarbeit

Die partizipative Herstellung und Gestaltung von Öffentlichkeiten stellen ein zentrales Moment im Selbstverständnis der Freien Medien dar. In diesem Sinne präsentieren sich linke Freie Medien zumeist als Plattform für jene Stimmen, die von den bürgerlichen und kommerziellen Medien ungehört und ausgeschlossen bleiben: sich selbst repräsentieren, selbst sprechen, selbst in die Bild- und Bedeutungsproduktion eingreifen und diese mitgestalten. Allerdings geht das Beteiligungsinteresse nicht bloß in eine Richtung: Freie Medien sind wesentlich auf die Beteiligung von etwa MigrantInnen und Frauen angewiesen, um ihre Politik als „Alternativmedien“ überhaupt einlösen zu können. Je höher der MigrantInnen- und Frauenanteil innerhalb des Printmediums oder des Radio- oder Fernsehprogramms, desto glaubwürdiger kann das Freie Medium seine pluralistischen Grundsätze und seinen offenen Zugang nach außen hin vertreten. Oder anders und simpel formuliert: Freie Medien erreichen erst durch die Einbindung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen – wie eben MigrantInnen – Legitimität. Gerade in Zeiten, in denen die laufende Absicherung Freier Medien- und Kulturarbeit nicht mehr durch Basis- /Strukturförderungen, sondern zunehmend durch Finanzierung aus zeitlich begrenzten Projekten gesichert wird, die sich verstärkt Themen wie Migration, Minderheiten und Mehrsprachigkeit widmen (siehe diverse EU-Projekte), kein unwesentlicher Aspekt.

Auffallend ist, dass sich das antirassistische Selbstverständnis der linken Freien Medien, wie es auch nach außen getragen wird, nur wenig in ihrer „inneren“ Organisation widerspiegelt. Während zahlreiche MedienaktivistInnen mit Migrationshintergrund als Programm- und SendungsmacherInnen und AutorInnen ehrenamtliche Arbeit leisten, sind die wenigen bezahlten Stellen, die den Freien Medien zur Verfügung stehen, meistens von österreichischen Weißbrotgesichtern besetzt. Es mag also durchaus als symptomatisch zu verstehen sein, wenn etwa die europaweit vernetzten Freien Radios, die – zumindest bislang – ihre MigrantInnen-„ Quoten“ vor allem mit mehrsprachigen Angeboten zu sichern meinten, bei ihren Zusammenkünften untereinander schon mal gerne mit ihren „Minderheiten“-Anteilen protzen.

Gemeinsame Interessen? Mit welchem Begriff von „Community“ seitens der Freien Medien gearbeitet wird, darüber wird etwa bei Radio ORANGE 94.0 seit kurzem umfassender diskutiert – beispielsweise anhand der Frage, migrantische (Selbst)Repräsentation vor allem über den Aspekt der Mehrsprachigkeit zu fördern, dabei allerdings Vorstellungen ethnisch abgeschlossener Gemeinschaften unhinterfragt zu lassen. Das Programmschema bei z.B. Radio Orange belegt, wie viele MigrantInnen aktiv in der Freien Medienarbeit tätig sind – nichtsdestotrotz bleibt die generelle Erwartungshaltung, dass sich migrantische MedienarbeiterInnen nur zu „migrantischen“ Themen und Fragestellungen äußern sollen – oder maximal vom aktuellen Geschehen aus ihren „Heimatländern“ berichten dürfen – weitgehend unangetastet. Eine Erfahrung, wie sie AutorInnen und Programm-MacherInnen sowohl bei Mainstream-Medien als auch innerhalb den Freien Medien immer wieder machen – und ein Umstand, der für die Gründung eigener Medien durch MigrantInnen nicht unwesentlich ist, schließlich ist es hier tatsächlich möglich, sich uneingeschränkt zu ALLEN gesellschaftlichen Bereichen zu äußern und Position zu beziehen. Die Kategorisierung als „MigrantInnen-Medium“ bewegt sich indes weiterhin in einem Spannungsverhältnis zwischen strategischer Identitätspolitik und auferlegtem Repräsentationszwang. Die hohe Dichte an migrantischen Medien in Österreich – wie etwa die der türkischsprachigen Printmedien, die zahlenmäßig jene in Deutschland übertrifft – zeigt den Grad an Ausdifferenziertheit an, die ebenso hohe Fluktuation hingegen verweist auf die prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen, mit denen sich autonome migrantische Medien konfrontiert sehen. An diesem Punkt könnte ein gemeinsames Interesse unter den etablierten Freien Medien und den MigrantInnen-Medien Artikulation finden: das Eintreten für eine allgemeine Verbesserung der Situation unabhängiger und freier Medienarbeit – etwa durch eine langfristige Existenzsicherung – sowie die Forderung nach einer emanzipatorischen Medien- und Kulturpolitik.



online seit 10.07.2006 11:24:01 (Printausgabe 32)
autorIn und feedback : Vina Yun


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/1199Interview mit der Zeitschrift Öneri
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/1225World Media Insights (wmi) und die Philosophie dahinter
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/1214Kulturverein Kanafani: Die Antithese zum „Kampf der Kulturen“



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