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  Die Verdoppelung des Wahns

Eine Kritik an der Psychoanalyse des terroristischen Subjekts

Der Nahostkonflikt ist ein „heisses“ Thema, das Europa stark beschäftigt. Das Interesse daran hat seine Wurzeln wohl in der europäischen und speziell der deutschen und österreichischen Geschichte. Es gibt verschiedene ‚Erzählungen’, wie der Konflikt gefochten wird, wovon eine sehr verbreitete davon ausgeht, dass eine übermächtige staatliche Armee gegen ‚ein Volk’ kämpft, das sich – so wird behauptet
– nicht anders wehren KANN, als dass sich einzelne Männer – selten auch Frauen – in die Luft sprengen und dabei so viele Israelis wie möglich mit in den Tod reißen. Die Frage, die dabei ungelöst bleibt ist: Was bringt einen Menschen dazu, sich in die Luft zu jagen, um andere zu töten?
Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Eine meint, dass es eine von mehreren Strategien sei, die dieses geknechtete und zerstörte ‚Volk’ noch habe. Sieht mann/frau sich jedoch weltweit Konflikte an, so kommt mann/frau schnell zu dem Schluss, dass das Konzept der Selbstmordattentate eine nahöstliche Spezialität ist (die leider immer mehr zum Exportschlager zu werden scheint). Der Erklärungs- oder Rechtfertigungsansatz der ‚erzwungenen Wahl des letzten Mittels’ wird meist von antiimperialistischen Gruppen vertreten, die mit den PalästinenserInnen solidarisch sind und Israel als ‚imperialistischen Besatzungsstaat’ ablehnen.

Eine andere Antwort wäre, dass der islamistische Fanatismus die Ursache ist. Der ‚wahnhafte’ Antisemitismus beherrsche die Attentäter
und brächte sie dazu, sich selbst um der Tötung von Juden/Jüdinnen willen in die Luft zu jagen. Dieser Ansatz wird von bestimmten marxistisch
inspirierten radikalen (linken) Gruppen vertreten, z.B. AnhängerInnen der Kritischen Theorie bzw. den so genannten ‚Antideutschen’. Zu dem Label
‚Antideutsch’ können jene kritischen Bewegungen und Personen gezählt werden (die aber KEINE geschlossene oder homogene Gruppe bilden), die der Kritischen Theorie nahe stehen und für welche die ‚deutsche Vergangenheit’, also der Nationalsozialismus, alles andere als vergangen ist, da dessen Ideologie Kontinuitäten bis in die Gegenwart bildet. Eine solche Kontinuität ist der Antisemitismus, dessen Analyse einen zentralen Stellenwert für ‚die Antideutschen’ hat und aus welchem sich auch eine starke bis absolute Solidarität mit Israel ergibt, als dem NOTWENDIGEN Ort, der Juden/Jüdinnen Schutz bietet. Weiters folgt daraus auch ein unterschiedlich ausgeprägter Pro-Amerikanismus, basierend auf der Rolle der USA als Schutzmacht Israels und jener als geopolitischer Akteur zur ‚Durchsetzung demokratischer Verhältnisse’ (z.B. Niederschlagung des NS-Regimes und der Diktatur Saddam Husseins). Auf der anderen Seite wird in den islamistischen Tendenzen eine Art Renaissance des NS-Wahns gesehen.

Das Erklärungsmodell, das uns hier eigentlich interessieren soll, ist aber das psychoanalytische, das vornehmlich von der Kritischen Theorie bemüht wird. Es geht in diesem Artikel somit nicht um eine psychologische Erklärung des Selbstmordattentats, sondern um eine Kritik an der psychoanalytischen Herangehensweise an diese Thematik. Sie birgt nämlich einige Fallstricke, die den aufklärerischen Anspruch in Blendwerk verpuffen lassen.

Für die Kritische Theorie ist Antisemitismus fixer Bestandteil der islamistischen Ideologie. Es scheint in den psychoanalytischen Erklärungsansätzen allerdings notwendig zu sein, antisemitische Handlungen aus der Defizienz der ausführenden Subjekte heraus zu explizieren: die Betreffenden werden pathologisiert oder infantilisiert. „Das regressive Bedürfnis birgt (…) den kindlichen Hass auf die Welt der Entsagungen und Kompromisse, der das Erwachsen werden bekämpft“, schreibt Tjark Kunstreich in „Konkret“ (10/05) über die „Islamischen Vollstrecker“. Das äußerlich erwachsene Individuum ist ‘im Inneren’, zumindest für jene Bereiche, die das ‘Problem’ betreffen, noch Kind bzw. wird in Anbetracht bestimmter Situationen bzw. Konflikte wieder dazu; es wird somit entmündigt.

Der Gedanke, dass Antisemitismus als ein gesellschaftliches Bedeutungsangebot, das sich die Individuen aneignen und für welches sie sich entscheiden, einen gesamtideologischen Zweck erfüllt, wird durch solche Überlegungen wieder ausgeschlossen. Der Psychologismus, dass also Ursachen von ‘Problemen’ in den Tiefen der Person vermutet werden, deren aktuelle Äußerungen lediglich die Oberfläche bilden, bewirkt somit, dass sich gerade der Anspruch, gesellschaftliche Ideologie und subjektives Handeln in der Analyse des Phänomens ‚Antisemitismus’ zu verbinden, nicht erfüllt.

Bei der Pathologisierung, also der Definierung von etwas oder jemandem als ‚krank’, werden die Handlungen der Individuen im Endeffekt – gleich wie bei der Infantilisierung – nicht ernst genommen. Sie werden in den Bereich des ‚psychotischen Wahns’ verbannt, aus der ‚Normalität’
ausgeschlossen. Auch diese Strategie ist problematisch, da sie gerade die Normalität der gesellschaftlichen Ideologie aus dem Analysebereich
aussperrt und somit wieder verfehlt wird, das Falsche der Gesellschaft im persönlichen Handeln aufzuspüren.

Die psychologisierende Erklärungsweise wird unterstützt durch die Verwechslung der Psychoanalyse als – zunächst phänomenologischem – Versuch, Subjektivität oder Psychologisches zu fassen, mit Psychoanalyse als Abbild der Realität, das sie – wie jedes andere Modell – nicht sein kann. In der Psychoanalyse ist ein vehementer Begriffsrealismus am Werk, welcher den Namen für das Ding ausgibt. Das führt zum Ergebnis, dass die vielschichtige Komplexität des Psychischen verdinglicht wird: Namen werden auf Etiketten geschrieben, Etiketten werden angebracht und eine Kartographie erstellt. Das selbstermächtigende Potenzial der psychoanalytischen Begriffe, das z.B. in der Selbst- und Fremderklärung liegt, wendet sich gegen die Subjekte selbst und hilft mit, durch Festschreibung das ideologische Beherrschungsprojekt zu bedienen, das in der Aufklärung sich hinter dem Auftrag verbirgt, alles durch Wissen zu durchdringen.

Eine weitere Anziehungskraft der Psychoanalyse für die marxistisch inspirierten Gesellschaftstheorien kommt wohl aus ihrem Spiegelungscharakter der realen Verhältnisse. Das „Unbewusste“, das so heimlich und autark in uns wirkt, das nur im Nachhinein anhand der durch „Es“ losgetretenen Aktionen sichtbar wird, ist die Spiegelung des uneinsehbaren Zusammenhangs zwischen uns selbst und der kapitalistischen Gesellschaft.

Von beiden Ebenen ist so zu sagen, dass sie in ihrer Funktionsweise nicht verstehbar sind, dass die schlechten Zustände, das scheinbar Irrationale
an dem Ganzen, unverstehbar bleibt und die Einführung einer geheimen Instanz, welche so zu einem Lückenbüßer wird, eine elegante und praktische Lösung darstellt.

Die Psychoanalyse muss somit als ganze selbst kritisiert werden, um ihr Kritikpotenzial entfalten zu können. Sie ist eine zutiefst bourgeoise Wissenschaft, die den Schein analysiert und ihm zugleich obliegt, da sie ihn nicht durchschaut. Wenn die Psychoanalyse als Realität gehandelt wird, wird nur ein Fetisch reproduziert, der Schein wird zum Sein. Ohne kritische Distanz zu ihren Begriffen und zum ganzen Konstrukt allgemein erschöpft sich jede Kritik am Bestehenden in dessen Reproduktion durch Taschenspielertricks, welche dem langsamen Auge und dem getäuschten Geist einen Zauber darbieten, wo doch nur Betrug am Werk ist.

Wenn es um die Analyse von (selbstmörderischer) Subjektivität geht, müssen die gesellschaftlichen Bedeutungskonstellationen in den Blick genommen werden, die den Individuen als Prämissen ihres Handelns dienen. Das heißt, dass der Antisemitismus nicht ein psychologisches, also individuelles Problem ist, sondern ein gesellschaftliches.

Der Antisemitismus in der (palästinensischen) Gesellschaft besteht nicht aus der Summe der Einstellungen, Äußerungen und Handlungen der einzelnen AntisemitInnen, sondern ist ein gesellschaftliches Bedeutungsangebot, das in einem ideologischen Konglomerat eine ‚sinnvolle’ Alternative darstellt und von den Einzelnen, dadurch, dass sie sich dafür entscheiden, im Bombenmord vollstreckt wird.

Daniel Sanin
Initiative Kritische Psychologie Wien


Glossar:

Kritische Theorie


Die Kritische Theorie ist eine kritische Sozialphilosophie, für die Auschwitz – als Sinnbild der Shoah – eine absolute Zäsur bildet: In ihr ist die (kapitalistisch) pervertierte Aufklärung zu sich selbst gekommen. Das absolute Grauen muss somit seit Auschwitz beständig mitgedacht werden, um dem Wesen der Aufklärung und der Gesellschaft als solcher – dem „falschen Ganzen“ – gerecht zu werden. Die zwei bekanntesten Namen dieser Denkschule sind Horkheimer und Adorno, die mit der „Dialektik der Aufklärung“ auch einen der grundlegendsten Texte dieser Schule geliefert haben.

Männer unter sich

Der Islamismus ist Produkt einer patriarchalen Ideologie, in welcher Frauen nur als Statistinnen, männliches Zubehör oder in ihrer Spiegelfunktion für phantasierte männliche Größe vorkommen.

Es ist ein männlicher Wahn, der von Männern getragen, belebt und perpetuiert wird. Natürlich spielen (viele) Frauen mit, aber das ändert
nichts an der Tatsache, dass es ein Angebot von Männern an Männer ist und dass es um eine Kritik an Männlichkeiten und ihren Ideologien gehen sollte. Tatsache jedoch ist, dass es in der antideutschen „Szene“ fast nur Autoren gibt, die scheinbar eine männlichkeitskritische Herangehensweise
an diese Ideologie nicht für wichtig erachten. Somit ergibt sich die Situation, dass ein Frauen ausschließender Kreis von Männern über einen anderen Frauen ausschließenden Kreis von Männern schreibt, ohne sich dieser Parallelität bewusst zu sein.

online seit 10.02.2006 10:30:19 (Printausgabe 30)
autorIn und feedback : Daniel Sanin




Widerstand Tag XYZ

Ein Diskursiv zu den Protesten gegen Schwarzblau (März 2018, MALMOE #82)
[17.11.2018,Redaktion]


"Ich befreie mich aus dem braunen Sumpf" (1)

aus dem Diskursiv:
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aus dem Diskursiv:
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