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Tricolore Oder: Was hat Gemüse mit Rassismus zu tun? Der Anlass zum Beginn einer Vernetzung zum Thema Arbeitskämpfe in der Landwirtschaft war ein alarmierender: Bereits in den Februartagen des Jahres 2000 ereigneten sich in der Provinz Almeria in Südspanien während 3 Tagen gewalttätige Pogrome gegen marokkanische ArbeitsmigrantInnen, die in der intensiven Gemüseproduktion der Region beschäftigt waren. EinwohnerInnen der Stadt El Ejido, die nahe an der andalusischen Mittelmeerküste liegt, jagten MigrantInnen mit Baseballschlägern durch die Straßen, zerstörten ihre Geschäfte, Lokale, ihre Kultstätten und ihre Behausungen. Das Europäische BürgerInnenforum (EBF), das sich vor mehr als 15 Jahren aus den Europäischen Komitees zur Verteidigung der Flüchtlinge und ArbeitsmigrantInnen (C.E.D.R.I.), der Europäischen Föderation Freier Radios (F.E.R.L.) und der Kooperative Longo Mai zusammengesetzt hat, organisierte daraufhin die erste internationale Menschenrechts-Delegation. Noch im Herbst des Jahres 2000 erschien die Publikation "El Ejido – Anatomie eines Pogroms" (EBF, 2000), in der die Hintergründe für den Rassismus beleuchtet werden. Zufälliger Tod eines Gewerkschafters Das EBF beobachtet seitdem die Situation in der Region und unterstützt die LandarbeiterInnengewerkschaft SOC (Syndicato dos Obreras/os del campo) im Kampf um Arbeits- und Sozialrechte für Migrantinnen und Migranten. Aktuell wird eine Solidaritätskampagne in mehreren europäischen Ländern lanciert, um in der Region die Einrichtung von Gewerkschaftslokalen für MigrantInnen zu ermöglichen. Vom 5. bis 12. März 2005 besuchte erneut eine Delegation mit TeilnehmerInnen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und Norwegen die Gewächshausregion von Almeria/El Ejido und die Provinz Huelva, wo zu dieser Zeit die Erdbeerernte stattfand. Ziel der Delegation war es, mit internationaler Präsenz vor Ort Öffentlichkeit herzustellen, die progressiven Kräfte zu unterstützen und den strukturellen Rassismus zu denunzieren. Ein tragisches Ereignis gab dem Besuch dringliche Aktualität: In der Nacht vom 13. Februar 2005 wurde in El Ejido ein aus Marokko stammender Aktivist der Gewerkschaft SOC beim Verlassen einer Cafeteria von einer Gruppe junger Spanier überfallen und ermordet. Während die lokale Exekutive und die Mainstream-Medien – ohne jegliche Untersuchung des Vorfalls - an der Behauptung festhalten, es hätte sich um einen Mord im Drogenmilieu gehandelt, ist für die SOC der rassistische und anti-gewerkschaftliche Hintergrund der Tat unbestritten. Wirtschaftswunder im Plastikmeer Auf mehr als 30.000 Hektar erstrecken sich die Plastikgewächshäuser im "Poniente", der Region zwischen El Ejido und Almeria im südspanischen Andalusien. Auf dieser Fläche wird für jeden und jede EuropäerIn mehr als 10 Kilo Treibhausgemüse im Jahr produziert. Es handelt sich um die größte Konzentration von Gemüse- und Obstanbau unter Plastik weltweit. Während der Hochsaison im Winter verlassen täglich rund tausend Lastwagen das "Plastikmeer", um die Ware an die Supermärkte in ganz Europa auszuliefern. Größter Abnehmer ist mit 75% der Gesamtmenge Deutschland, aber auch die Gemüseabteilungen der österreichischen Supermärkte sind in den späten Wintermonaten mit Tomaten und "Tricolore-Paprika" aus der Region gefüllt. ArbeitsmigrantInnen, die aus Afrika, aus Lateinamerika oder neuerdings aus Osteuropa kommen, sind unerlässlich für die Aufrechterhaltung dieses "Wirtschaftswunders". Von den rund 80.000 übers Jahr Beschäftigten sind ca. 96% MigrantInnen, viele von ihnen Sans Papiers. Die ArbeiterInnen müssen jederzeit zur Verfügung stehen und leben am besten in Rufweite in einem Plastikverschlag. Prekäre Arbeitsverhältnisse und Illegalisierung schaffen eine Situation, in der die MigrantInnen ohne soziale Absicherung nach Belieben eingestellt und wieder entlassen werden können. Eine verschärfte Konkurrenz zwischen den verschiedenen MigrantInnengruppen, soziale Ausgrenzung und Rassismus sind feste Bestandteile dieses Systems. Unzweideutig manifestiert sich der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital, zwischen sklavereiähnlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen für migrantische LandarbeiterInnen und agroindustrieller Gewinnabschöpfung. Hintergründe und Kontinuitäten der Gewalt Die Stadtverwaltung von El Ejido verfolgt eine bewusste Politik der Ausgrenzung, die darauf abzielt, MigrantInnen dem Stadtzentrum fern zu halten. Die meisten finden nur in alten, von der einheimischen Bevölkerung aufgegebenen, landwirtschaftlichen Gebäuden oder in Verschlägen aus Holz und Plastik Unterschlupf. Sie arbeiten bei bis zu 50 Grad Celsius und sind einer hohen Konzentration von Pestiziden ausgesetzt. Ihre Löhne sind miserabel: 15 bis 30 Euro pro Tag. Die Supermarktketten spielen bei dieser Systematik eine wesentliche Rolle. In vielen europäischen Ländern kontrollieren sie bis zu 80% des Marktes, und sie entscheiden, was produziert wird. Um konkurrenzfähig zu bleiben, drücken sie fortwährend die Preise nach unten. Die ZwischenhändlerInnen können die Unternehmen jederzeit anrufen und eine Lastwagenladung oder einfach 1 oder 2 Paletten von diesem oder jenem Produkt für den nächsten Tag bestellen. Ist der oder die LandwirtIn nicht in der Lage zu liefern, sehen sich die GroßeinkäuferInnen eben anderweitig um. Die Tatsache, dass plötzlich ein Dutzend oder mehr ArbeiterInnen für ein paar Stunden benötigt werden, macht es unmöglich, Arbeitskräfte fix anzustellen. Vielmehr benötigt die kapitalistische Landwirtschaft eine Art "Reservearmee" von billigen Arbeitskräften. Die ProduzentInnen versuchen am Markt konkurrenzfähig zu bleiben, indem sie im einzigen Bereich, den sie selbst kontrollieren, einsparen, nämlich bei den Arbeitskräften. online seit 02.08.2005 11:45:42 (Printausgabe 27) autorIn und feedback : N. Bell, S. Brodal, D. Behr, K. Hahn |
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