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Das Prekariat in Reality

Konkursverfahren der "WIR AG" eröffnet.

Gut eineinhalb Monate nach der ersten Wiener Euro-MayDay-Parade am ersten Mai inszeniert der Linzer Kulturverein KAPU eine dreitägige Kulturfabrik am Linzer Hauptplatz. Dabei sind nicht Optimierung und Maximierung die obersten Prämissen, sondern Kritik mit einer gehörigen Portion Persiflage - Kritik nämlich an den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten des von der Gesellschaft für Deutsche Sprache e.V. zum Unwort des Jahres 2002 gewählten Begriffs der "Ich-AG". "Reality Theater" nennen die InitiatorInnen das bevorstehende 72-stündige Spiel der Kulturfabrik und beabsichtigen damit, den Blick hinter die Kulissen der Kunst- und Kulturproduktion einer Initiative der freien Szene zu öffnen sowie Interaktion mit dem Publikum zu ermöglichen.

Als Beispiel für das ganz reale Verhältnis der Prekarisierung von Arbeit eröffnen die AkteurInnen der "WIR AG" eine Diskussion ausgehend von ihren eigenen Lebens- und Arbeitserfahrungen. Das Kollektiv von ca. 30 Individuen richtet sich gegen die Reduzierung des Individuums auf sein marktrelevantes Talent und ruft zum Boykott dieses neoliberalen Diktats. "Es kann nicht sein, dass die gesellschaftlichen Risiken, die durch veränderte Unternehmensstrategien, Globalisierung der Märkte und freie Kapitalflüsse entstehen, von jedem/r Einzelnen übernommen und abgefedert werden sollen. Das Ich, d.h. die individuelle Einzelperson, steht dem Kapital und seinen Modernisierungsschüben gleichsam ungeschützt und allein gegenüber. So soll es sich zwar von der Schwarzarbeit abwenden, um dem Gemeinwesen nicht zu schaden, darf aber z.B. nicht danach fragen, warum die Unternehmen so stolz darauf sind, durch Ausnützen sämtlicher Lücken in der Steuergesetzgebung keinerlei Beiträge in die Steuerkassen zu leisten", formuliert das "Firmenkonzept" der "WIR AG" den Hintergrund der Kulturfabrik. Weiters wird klar erkannt, dass sich die Sprache der Medien längst diesem Diktat angepasst hat, ein "Ich" mit unternehmerischer Grundstruktur geschaffen hat - einen Cyborg der ganz besonderen Art, ein Mensch-Institutionen-Wesen. Dazu ist im Firmenkonzept festgehalten: "Die Herabsetzung menschlicher Schicksale auf ein instrumentelles Börsenniveau trägt Züge von Menschenverachtung, denn ein 'Ich' kann keine Aktiengesellschaft sein."

Ein weiterer wesentlicher Bezugspunkt ist die Situation des Kulturvereins KAPU selbst, womit auch Verteilungsgerechtigkeit punkto Kultursubventionen zum Thema gemacht wird - vor dem Hintergrund des millionenschweren Musiktheaterneubaus in Linz und einer nachhaltigen Belastung des Kulturbudgets zur Erhaltung desselbigen, ein wenngleich lokales so doch heißes Thema. "Randgruppen im öffentlichen Raum" - nicht erst mit dem neuen Hauptbahnhof und dem Einsatz von privaten Wachdiensten zum Thema geworden - oder "Eventkultur versus Nachhaltigkeit" sind weitere Topics der "WIR AG". Kein Wunder also, wenn drei Tage nach der Eröffnung der Kulturfabrik oder mehrere Lesungen, Konzerte, Symposien, öffentliche Arbeitssitzungen, Lohnrunden und Aktionen später ein Frühschoppen mit einer Blasmusikkapelle das Konkursverfahren eröffnet und schlussendlich die Volkskultur wieder am Hauptplatz einzieht.

Details zum umfangreichen Vorhaben der "WIR AG" in Bälde auf www.kapu.or.at


Schwerpunkt zum 1. Mai 2005 in der aktuellen MALMOE-Ausgabe:

Prekäre Subjektivierung: Interview mit kpD - kleines postfordistisches Drama
Vom Unternehmergeist zu Solidar-Netzwerken: Interview mit Sergio Bologna
Prekarität von der Stange: Pret-à-précaire
Die unsichtbare Währung der Arbeit: Interview mit Precarias a la Deriva





online seit 10.05.2005 13:55:39 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : Andi Liebl




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