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  Prekarität von der Stange

Rückeroberung der Eroberung? – Das Prekariat auf dem Laufsteg.

Ecole des Beaux Arts, Paris. An dieser renommierten "Grande Ecole" wird am internationalen Kunstkanon geschmiedet. Um ihren Kunstwerken den gewissen Twist zu verleihen, versuchen die durchaus dem aufklärerischen Prinzip des Genies verpflichteten NachwuchskünstlerInnen oft, ihre Arbeit in sozialen Realitäten zu verankern, die an den Rändern der Gesellschaft angesiedelt sind. Doch das Verhältnis zwischen Kunst und "sozialem Objekt" wird in vielen Fällen wie eine Einbahnstraße gestaltet, wobei letztere lediglich temporär ausgestellt werden.

Die Pariser Modemaschine schürft auf ihrer Suche nach vermarktbaren Authentizitätswerten immer tiefer in den gesellschaftlichen Sedimentschichten, ohne sich lange mit Schürfrechten zu beschäftigen: Revolution, Ethnizität, Armut – jede soziale Tendenz lässt sich heutzutage in einen Style umwandeln, um dem Modepublikum zu seinen sanften Schauerwerten zu verhelfen. Einer der Orte dieser ideologischen Produktion ist das barock-opulente Foyer der Beaux Arts in Paris. Hier holen sich die großen Modelabels ihren hochkulturellen Sanktus ab, ihre Kreationen stellenweise gegen den Noblesse-Strich gebürstet, versteht sich.

Paula und Julie, Studentinnen an der EBA, hatten beschlossen, unter dem Labelnamen "Nongratas Copiratas" ein Projekt gegen diese Einbahn zu steuern. "Wir wollten den Prachtsaal adaptieren, wo sonst die letzten Kollektionen der 'Prêt-à-porter'- Modeschauen gezeigt werden. Die Idee hinter 'Pret-à-précaire' ist, Tendenzen zur Prekarität in der Arbeitswelt zu thematisieren, dies jedoch mit der Sprache der Haute Couture zu extrapolieren." Konkret veranstalteten die beiden im Foyer der Schule ein "défilé", ließen Leute aus verschiedenen sozialen Projektionen in teilweise ziemlich abgefahrenen Kreationen über den Laufsteg paradieren: "stop précarite", "agir contre le chomage" – eine Arbeitsloseninitiative, "face prostitution" – eine Organisation von Sexarbeiterinnen. Paula lachend: "Wir nutzten die Kanäle der Schule, um Presse und Modewelt einzuladen, die auch tatsächlich kamen. Die Verwirrung war groß." Doch besteht dabei nicht die Gefahr, in ein Vakuum zu stoßen, das die Labels durch ihr Kidnapping von Symbolen seit Jahren zynisch erzeugen? "Genau damit wollten wir spielen. 'Pret-à-précaire' ist ja genauso eine Marke, insofern handelt es sich um eine Rückeroberung der Eroberung. Wir kreieren nichts anderes als eine Plattform, auf der die Leute ihre eigene Disposition präsentieren können."

Während eines Studienaufenthaltes in Rio de Janeiro versuchten Paula und Julie die Transposition. Während der Modewoche "Fashion Rio" mieteten sie über die Schule ein Palazzo und veranstalteten "Fashion Real". "In Rio gibt's keine kollektive Bewegung gegen Prekarisierung, die Situation vieler Leute der Unterschicht ist so miserabel, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, Rechte zu haben. 70% müssen ihre Arbeit erfinden, z.B. auf der Strasse irgendwas zu verkaufen. Wir gingen also direkt auf die Leute auf der Strasse und in den Favelas zu, nahmen Kontakt mit 'unabhängigen Arbeitskollektiven' auf, das sind selbstorganisierte Gruppen, die Kleidung, Nahrung usw. herstellen. Wir hatten z.B. ein tolles Frauenkollektiv aus der Ciudad de Deus dabei. Ebenso Drogendealer, die im Rahmen der Show von ihrer Zeit im Gefängnis erzählten und dem Mangel an Alternativen." Und wie sieht die Zukunft von "Pret-à-précaire" aus, vielleicht bald in einer Stadt in deiner Nähe? "Das Label kann von verschiedenen Leuten an verschiedenen Orten angewandt werden. Ein Freund zieht was in Barcelona auf, Buenos Aires ist geplant, wir wollten ein großes Netz von verschiedenen Kämpfen aufziehen."


Schwerpunkt zum 1. Mai 2005 in der aktuellen MALMOE-Ausgabe:

Prekäre Subjektivierung: Interview mit kpD - kleines postfordistisches Drama
Vom Unternehmergeist zu Solidar-Netzwerken: Interview mit Sergio Bologna
Das Prekariat in Reality
Die unsichtbare Währung der Arbeit: Interview mit Precarias a la Deriva





online seit 05.05.2005 10:01:51 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : Jakob Weingartner




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