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Prekäre Subjektivierung

Interview mit der Gruppe kpD/kleines postfordistisches Drama.

kpD sind Brigitta Kuster, Isabell Lorey, Marion von Osten und Katja Reichard.

In eurem Projekt "kleines postfordistisches Drama", das zuletzt im Kunstverein München zu sehen war, re-inszeniert ihr Interviews mit prekären KulturarbeiterInnen. Eine Standardfrage in den Interviews lautet "Sollten Kulturproduzentinnen sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen Vorzeigerolle mit anderen sozialen Bewegungen zusammentun, um an neuen Formen der Organisierung zu arbeiten?". Lässt sich so etwas wie ein Tenor der Antworten zusammenfassen, und wo haben die Leute Bedenken bzw. sehen Hindernisse?

Wir interviewten 15 Leute in Berlin, die nicht nur kulturelle Produkte, sondern auch kritische Diskurse und gesellschaftspolitische Handlungsfelder erarbeiten - inklusive uns selbst. Die Auswahl ist unseren jeweiligen Positionierungen, Auseinandersetzungen und Interessen geschuldet. Mit den Interviews wollten wir das Verhältnis zwischen der Prekarisierung der jeweiligen Lebensverhältnisse und der Widerspenstigkeit von Kultur- und Wissensproduktion in den Blick bekommen, um von dort nach kollektivierbaren Linien zu suchen, die aus der individualisierten Erfahrung herausführen. Im Verlauf der Untersuchung mussten wir feststellen, dass wir auf diese Fragen, die ja die gesellschaftspolitische und kollektive Dimension von Prekarisierung ansprechen, nicht wirklich Antworten bekamen. Das war anders bei den Fragen nach individuellen Arbeits- und Alltagspraxen. Darauf bekamen wir lange Schilderungen von Überforderungen, Stress, aber auch Verweigerungsstrategien. Das Einzige, was sich auf einer allgemeineren Ebene in allen Interviews durchzog, war das Leiden an einem Mangel von Kontinuität. Der Wunsch nach Kontinuität war der am meisten formulierte - und das ist leider nicht unbedingt etwas, das in eine emanzipatorische Richtung zeigt.

Dass wir auf die Frage nach der Politisierung und Organisierung kaum Antworten erhalten haben, war für uns nicht so erstaunlich. Irritiert hat uns allerdings, dass sich keine/r der Befragten so richtig dazu äußern konnte, wie denn eigentlich ein "gutes Leben" auszusehen hätte, ein Leben, das nicht nur von den ständigen Fremd- oder Selbst-Anrufungen, bezahlt oder unbezahlt produktiv und kreativ zu sein, gekennzeichnet wäre. Und auch wir selbst fanden in unserem Vorstellungshorizont kaum alternative Lebenskonzepte, die den schon bestehenden Verhältnissen etwas Klares und Eindeutiges entgegenzusetzen hätten. Besser beschreibbar waren dagegen Situationen und Gefühle, wenn im Bereich der selbst-organisierten oder Job-Arbeitsverhältnisse etwas nicht so läuft wie man möchte. Wenn aber Arbeit und Leben mehr und mehr durchdrungen sind, dann heißt das zwar, wie eine Interviewte beschreibt: "Die Arbeit sickert in dein Leben", aber ein "gutes Leben" sickert scheinbar nicht genug in die Arbeit, wodurch diese dann wiederum zu etwas transformiert werden könnte, mit dem man kollektiv zufrieden wäre.

Nach unserer Untersuchung haben wir im Kontext des Ausstellungsprojekts "Atelier Europa" die Frage nach der Organisierung so beantwortet, dass es ja teilweise bereits Bündnisse zwischen unterschiedlichen sozialen Feldern gibt. Das Begehren nach anderen Produktionen, Tätigkeits- und Lebenskonzepten, neuen Formen der Kollaboration und Wissensproduktion in interdisziplinären Zusammenhängen wurde bei unseren TeilnehmerInnen zum Ausgangspunkt und Motiv für eine gewünschte gesellschaftliche Veränderung, die an der Kritik kontrollgesellschaftlich organisierter Lohnarbeits- und Konsumverhältnisse festhält.

Viel ist zur Zeit von Prekarität die Rede, die Veranstaltung Euromayday macht diese Analyse zur Grundlage einer Protestbewegung. Dagegen gibt es eine feministische Kritik, die anführt, dass Prekarität vor allem für die meisten Frauen und MigrantInnen schon immer Alltag war, also nichts prinzipiell Neues. Seht Ihr dadurch das Anliegen, gegen Prekarität zu organisieren, überhaupt in Frage gestellt, oder was ist die Implikation dieser Kritik für Bewegungen bzw. Veranstaltungen wie "Euromayday"?

In den vergangenen 200 Jahren der westlichen Moderne waren und sind in unterschiedlichen Weisen immer wieder diejenigen von Prekarisierung betroffen, die als "Andere" einer hegemonialen männlichen, weißen, nationalen Norm positioniert worden sind.
Prekarisierung ist für uns also nicht allein eine ökonomische Frage. Wir nehmen die Thematisierung dessen vielmehr zum Anlass, auch grundlegend über die Verfasstheit unserer westlichen Gesellschaften nachzudenken und den damit verbundenen Subjektiverungsweisen.

Was den Euromayday betrifft, sehen wir nicht die eine Analyse zu dem, was Prekarisierung auf europäischer Ebene ist. Es sind doch viele verschiedene Gruppen, Kollektive und Einzelpersonen beteiligt, die sich in die Debatten und Mobilisierungen einmischen. Auch wenn der europaweite Aufruf zum Euromayday sicherlich dazu beträgt, Prekarisierung auf die Agenda zu heben, wird das auf sehr unterschiedliche Weisen passieren. Der Euromayday steht nicht für ein ganz bestimmtes Verständnis von Prekarisierung.

Wir etwa stehen im Kontakt zu feministischen Gruppen wie den Precarias a la Deriva, die in den Euromayday eine Auseinandersetzung um Sorge-Ökonomien hineintragen werden, oder Zusammenhängen wie dem Frassanito-Netzwerk, das sich auf den Euromayday aus der Sicht der Migration bezieht. Der Euromayday schafft zunächst einmal einen politischen Raum, in dem verschiedene Zugänge und Politiken zu Prekarisierung artikuliert werden und in Beziehung zueinander treten können. Das halten wir für einen wichtigen politischen Konstituierungsprozess. Der Begriff der Prekrarisierung selbst ist offensichtlich zu vielschichtig, zu diffus und zu ausfransend in seinen Verbindungen und Implikationen, um ihn vereindeutigen zu können.

Wir gehen von Prekarisierung als einer Weise der Vergesellschaftung aus und versuchen, die damit verbundenen Subjektivierungsverhältnisse in deren Geschichtlichkeit und aktuellen Transformation zu verstehen. Runtergebrochen heißt das zum Beispiel, dass Prekarisierung mit der Erfahrung einer nicht funktionierenden identitären Zuschreibung/Anrufung und den damit verbundenen Vereindeutigungen zu tun hat, die sich dennoch auf bestimmte Weisen in Subjetivierungsverhältnissen materialisieren. Etwa: dass man nicht nur "Frau" sein kann, soll, will – und gleichzeitig findet doch eine Subjektivierung "als Frau" statt. Häufig müssen verschiedene berufliche, statusbezogene, geschlechtliche, sexuelle und ethnisierende Positionen, die sozial sehr widersprüchlich sind, gleichzeitig oder nacheinander eingenommen werden. Wir schlagen eine Perspektive auf Prekarisierung vor, die versucht, die Schwierigkeiten anzusprechen, die damit verbunden sind, diesen Unvereinbarkeiten nachzukommen. Prekarisierung scheint sich gerade aus der Verfehlung dieser Identifikationspraktiken zu ergeben
So stellt der Begriff möglicherweise auch eine Chance dar. Denn seine offenen Enden, über die Begrifflichkeit hinaus, seine Unmöglichkeit, ein identitäres "Wir" festzuschreiben, ermöglicht Verbindungen zu anderen Gruppierungen. Gerade im Kontext des Euromayday.


Schwerpunkt zum 1. Mai 2005 in der aktuellen MALMOE-Ausgabe:

Vom Unternehmergeist zu Solidar-Netzwerken: Interview mit Sergio Bologna
Prekarität von der Stange: Pret-à-précaire
Das Prekariat in Reality
Die unsichtbare Währung der Arbeit: Interview mit Precarias a la Deriva










online seit 30.04.2005 00:41:30 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : verdienen




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