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  Vom Unternehmergeist zu Solidar-Netzwerken

Der Mailänder Soziologe Sergio Bologna über das Phänomen der Neuen Selbständigen und Chancen der Selbstorganisation.

Das Buch des Mailänder Soziologen Sergio Bologna "Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit" erscheint im Herbst auf Deutsch.

Am 26. 4. 19 Uhr hält Bologna einen Vortrag zum Thema im ÖGB Seminarzentrum Strudlhof (Strudlhofgasse 10, 1090 Wien). MALMOE hat vorab ein Interview mit ihm geführt.


Sie haben allgemeine Merkmale der "Neuen Selbständigen" untersucht. Gibt es zwischen einem LKW-Fahrer, einer Übersetzerin und im EDV-Bereich Tätigen wirklich so viel Gemeinsamkeiten, dass man von einer gesellschaftlichen Gruppe sprechen kann?

Von einer homogenen sozialen Gruppe kann man vielleicht nicht reden, von gemeinsamen bzw. gleichen sozio-ökonomischen Bedingungen hingegen durchaus. Als 1997 meine Aufsätze zur Selbständigen Arbeit der zweiten Generation erschienen sind, gab es vor allem in der antagonistischen Szene ein grobes Missverständnis. Meine Thesen wurden so verstanden, als hätte ich von einem neuen revolutionären Subjekt gesprochen, das die alte Arbeiterklasse beim Aufbau des Sozialismus ersetzen sollte. Erstens hatte ich keinen Anspruch, einen neuen Sozialismus aufzubauen: Nachdem wir uns einmal vom alten befreit haben, müsste man wirklich verrückt sein, ihn wieder beleben zu wollen. Ich gehöre nicht zu Rifondazione Comunista (Kommunistische Neugründung), obwohl in dieser Partei einige alte Freunde tätig sind. Mit meinen Thesen zur Selbständigkeit wollte ich nur ein Musterbeispiel innerhalb der kapitalistischen Transformation aufzeigen. In der Figur des Selbständigen zweiter Generation verwirklicht sich der eigentliche Sinn der postfordistischen Gesellschaft. Das juristische Fundament der tayloristisch-fordistischen Gesellschaft wird in seinem Kern getroffen: im fordistisch-tayloristischen Modell war ganz klar, dass das Lohnverhältnis einen Herrscher und einen Untergebenen voraussetzt, dass die Arbeitsverhältnisse Ungleichheit voraussetzen. Daher die Forderung nach einem Sozialstaat, der diese Ungleichheiten kompensieren sollte. Beim postfordistischen Modell stehen Kapital und Arbeit einander als gleichwertige "Unternehmen" gegenüber. Braucht das Unternehmen einen Sozialstaat? Nein. Also schaffen wir ihn ab und bieten wir stattdessen etwa Mikrokredite mit Zinsen von 10% an. So wird heute in der EU Arbeitspolitik betrieben, Abschaffung des Sozialstaates und Förderung des unternehmerischen Geistes, d.h. Gründung von Mikrofirmen, von selbständigen Initiativen (die in der großen Mehrheit nicht mehr als drei Jahre überdauern, wie der Global Entrepreneurship Monitor dokumentiert).

In der Denktradition, aus der Sie kommen, war es immer wichtig, die Transformationsprozesse der Arbeit in Hinblick darauf zu untersuchen, wo gesellschaftspolitisches Emanzipationspotenzial liegt. Den neuen Selbständigen empfehlen Sie die Schaffung von Institutionen der gegenseitigen Unterstützung. Wäre in diesem Modell auch ein Potenzial gesellschaftspolitischer Transformation angelegt?

Ja natürlich, weil ohne diese Transformation die Selbständigen, genau wie jede andere vom Kapital abhängige Figur, zugrunde gehen würden. Nun sollte man klar vor den Augen haben, was eigentlich meine Denktradition, die Tradition des so genannten "italienischen Operaismus", bedeutet. Ich gehöre zu der Generation, die Anfang der 60er Jahre die Befreiung und die Autonomie der Arbeiterklasse in der Befreiung bzw. Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsverhältinisse und (ich betone und) der kommunistischen Regime und der Ideologie des realen Sozialismus sah. Wir haben unseren Kampf also auf zwei Fronten geführt. Wir gehören zu einer postkommunistischen Generation, wenn man so sagen will. Deswegen halte ich heute eine Neugründung der kommunistischen Parteien für einen reinen Unsinn.

Aufgrund ihrer spätfordistischen Mentalität verstehen sie nichts von der heutigen Transformation des Kapitals. Umso mehr, als wir uns in einer neuen Phase der postfordistischen Gesellschaft befinden. Nicht nur die traditionelle Arbeiterklasse in den westlichen Ländern hat kaum noch Bedeutung – es sei denn, sie verlässt ihre alte Kultur der Arbeitskämpfe und findet neue Wege sich zu zur Wehr zu setzen –, auch die verschiedenen Schichten der middle class geraten in eine immer kritischere Lage. Warum? Die im öffentlichen Dienst Beschäftigten, die Beamten, sind immer mehr von der Kürzung der staatlichen Leistungen getroffen, in Bezug auf ihre Einkommen und auch diejenigen, die von ihren Kompetenzen leben, von ihrem know how, immer mehr von der Konkurrenz der neuen Länder, die über hoch qualifizierte und sehr billige Arbeitskräfte verfügen, bedroht sind. Der Kleinhandel wird immer mehr von den großen Kaufhausketten verdrängt. Die Abschaffung der sozialen Dienstleistungen und die Erhöhung der Wohnungskosten vor allem in den Großstädten treiben die lower middle class immer weiter in die Armut, das Bildungssystem steckt in einer tiefen Krise, die Schere zwischen Superreichen und Armen wird immer größer und die so genannten Zwischenschichten werden allmählich ausgedünnt. Nicht nur die Selbständigen, alle brauchen einen mächtigen Transformationsprozess, dessen Keimzellen die solidarischen Netzwerke sind.

Ihr Appell, den neuen Selbständigen zu politischer Artikulation zu verhelfen, um sie den Händen der politisch Rechten zu entreißen, scheint Früchte zu tragen: Die "Euromayday"-Initiative und Aktionsformen wie der satirische Kult um "San Precario" in Italien machen die Probleme der flexibilisierten Arbeit zum Thema. Was halten Sie davon?

Der Ansatz eines Flügels der Scharen von San Precario sieht ganz anders als meiner aus. Ich befürchte, ein Teil dieser Bewegung, der noch stark von der alten "Linken" beeinflusst ist, fordert den "fixen Posten" und hofft, die alte fordistische Arbeitsbeziehung wiederherzustellen. Trotzdem muss man dieser Bewegung den Verdienst zuerkennen, die Flexibilisierung der Arbeit in einen driver für eine Massenbewegung umfunktioniert zu haben. Jetzt stellt sich die Frage, wie es weiter geht. Sie haben verstanden, und das scheint mir wichtig zu sein, dass die Ästhetik und die Symbolsprache des Protests völlig erneut werden müssen. Aber die größte Herausforderung ist eine andere. Ist das "Forderungsprinzip" in der postfordistischen Gesellschaft noch gültig? Die Forderung hatte als Prinzip zum Beispiel in der Geschichte der Arbeiterklasse einen Sinn, wenn sie an eine bestimmte Aktion, zum Beispiel an eine Streikaktion, gebunden war. Um den durch den Streik entstehenden Schaden zu reduzieren, kam das Kapital oft den Forderungen entgegen. Das war der Weg der Kompromisse. Wie kann der individualisierte, zur (Schein)selbständigkeit oder zur Prekarisierung gezwungene Arbeitnehmer der postfordistischen Epoche überhaupt "streiken", auch wenn die Verfassung ihm dieses Recht zuerkennt? So hängt seine Forderung in der Luft. In Italien wurde, als meine Thesen erschienen sind, in der Gewerkschaftsorganisation CGIL der Versuch unternommen, eine neue Art von Organisation zu schaffen, die für diese Figuren geeignet sein sollte, mit innovativen Kommunikationsformen. Und es gab auch eine sehr interessante Entwicklung, die fragmentierten Figuren der Prekarisierung, die Scheinselbständigen näherten sich der Gewerkschaftsbewegung an, es wurden einige interessante Abkommen unterschrieben. Dann wurden alle Strukturen unter dem Druck von bestimmten Industriegewerkschaften wieder abgebaut. Man könnte vielleicht vermuten, dass diese dem rechten Flügel der Gewerkschaft zugehörten. Nein, ganz im Gegenteil, es war der linke Flügel, es war die Metallarbeitergewerkschaft, die auf ihre alte fordistische Kultur der Fabrikarbeiter nicht verzichten wollte. Sehen Sie die letzte Wahlkampagne an. Die linken Parteien haben einen richtigen Triumph erzielt, aber das Thema Prekarisierung der Arbeit war fast verschwunden aus ihrer Propaganda. Lesen Sie Tageszeitungen wie "Il Manifesto". Ganz allgemeine, selbstverständliche Feststellungen zur anwachsenden Flexibilisierung der Arbeit, Seiten und Seiten zur Migrationsfrage, aber kein Ansatz zu einer neuen innovativen Politik zugunsten der Rechte der neuen Schichten der Arbeit. Wenn diese alte "Linke", die sich heute noch stolz auf den Namen "kommunistisch" beruft, die Kontrolle der Sanprecarios übernehmen wird, ist diese Bewegung schon tot.

Sie betonen, dass die Selbständigkeit von vielen freiwillig gewählt wurde, um sich den Zwängen von Herrschaft und Disziplinarordnung der Fabrik zu entziehen. Wird dieses Motiv anhalten, auch nachdem viele Hoffnungen enttäuscht wurden, vor allem nach dem Zusammenbruch der New Economy?

Kann sein, aber die Situation ist so, dass die große Mehrheit der Leute, die nach der Krise von 2000 noch den Willen haben, eine "Existenzgründung" zu unternehmen, das macht, weil sie keine andere praktikable Alternative sieht. Diese Menschen sind "gezwungen", den Versuch zu unternehmen, selbständig zu werden. Sie nehmen ein viel größeres Risiko auf sich, als diejenigen, die sich eine Existenz mit prekärer Beschäftigung verschaffen. Wenn sie Pleite gehen, sind sie arbeitslos und haben überdies einen Haufen Schulden. Ein Prekärer wird "nur" arbeitslos. Netzwerke aufzubauen, bedeutet nichts anderes, als dieses Risiko zu reduzieren. Aber vergessen wir nicht, dass die Rahmenbedingungen der Selbständigkeit ganz anders aussehen, als in den 90er Jahren, als meine "10 Thesen" erschienen sind. Deswegen habe ich den Versuch unternommen, diese neue Situation in einem Text mit dem Titel "Die elfte These", der bald als Buch erscheinen soll, zu analysieren. Aber wichtig ist, was Sie gesagt haben: der Weg zur Selbständigkeit wurde, historisch gesehen, aus freien Stücken gewählt, und zwar in den 70er und 80er Jahren. Daher scheint mir jeder "Hintergedanke" in der Bewegung der Sanprecarios in Bezug auf die Möglichkeit, stabilere Arbeitsbeziehungen wiederherzustellen, widersprüchlich.



Schwerpunkt zum 1. Mai 2005 in der aktuellen MALMOE-Ausgabe:

Prekäre Subjektivierung: Interview mit kpD - kleines postfordistisches Drama
Prekarität von der Stange: Pret-à-précaire
Das Prekariat in Reality
Die unsichtbare Währung der Arbeit: Interview mit Precarias a la Deriva






online seit 25.04.2005 11:13:49 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : Beat Weber




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