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Berichterstattung aus der Opiumhölle

Mediale Meinungsdealer lauern im Votivpark.

Während Waren, Unternehmen und Urlaubsreisende sich in der ganzen Welt nach Belieben frei bewegen können, gilt das für die meisten Menschen nicht. In Österreich z.B. sorgen Gesetze dafür, dass nur sehr wenige ausgewählte Menschen einreisen können, um zu arbeiten. Zuwanderungskontrollen und Ausländergesetze sorgen dafür, dass nur wenige in den offiziellen Arbeitsmarkt einreisen können. Die Mehrheit der Zuwanderungswilligen muss entweder "illegal" kommen oder Asylanträge stellen. Beiden Gruppen wird per Gesetz der Zugang zu legalen Jobs verweigert. Dadurch sind die Betroffenen gezwungen, sich in der Schattenwirtschaft zu verdingen: Schwarz am Bau, in der Sexindustrie, im Drogengeschäft, Putzen in Privathaushalten. Jobs, in denen meist die Ausbeutung besonders krass ist, keinerlei Rechte bestehen, und oft sogar Gesundheit und Leben auf dem Spiel stehen, und die man in der Regel nur macht, wenn man sonst keine Chance hat. Und die häufig den weltweit verbreiteten Mechanismen des "ethnic business" folgen: Ethnisch dominierte Verwandtschafts- und Bekanntschaftsnetze ersetzen die Rekrutierungsmethoden, die am offiziellen Arbeitsmarkt möglich sind, und machen ganze Branchen zu Domänen einzelner Volksgruppen. Meist werden Berufe, die von ausländischen Staatsangehörigen übernommen werden, bald von Einheimischen verlassen, die Arbeit wird abgewertet, Prestige und Entlohnung sinken, und die Einheimischen steigen in höhere Positionen oder andere Branchen um. Gleichzeitig macht ihre rechtlose Stellung die dort Tätigen Zuwanderer zu besonders gut ausbeutbaren Arbeitskräften, oft zugunsten hoher Profite einheimischer Chefs. Damit nicht genug werden die Ursachen dieser Verhältnisse, die rechtliche Diskriminierung, im öffentlichen Diskurs ausgeblendet und die besonderen Verhältnisse der Arbeitssituation in Merkmale der Zuwanderungsgruppe umgedeutet.

Konsens der Angst

Nehmen wir das Beispiel Drogenhandel. Die Rede von der "nigerianischen Drogenmafia" ist in den letzten Jahren zur Metapher geworden, mit der Polizei, Politik, Medien und deren KonsumentInnen einen angstgetriebenen nationalen Konsens herstellen. Leute, denen Sauberkeit und Ordnung angeblich so wichtig sind, schmieren Wien mit Slogans wie "AsylNegerDrogen" voll.

Verfolgt man die Berichterstattung, könnte man den Eindruck bekommen, als hätte es vor dem Eintreffen der Schwarzen keinen Drogenhandel gegeben. Nehmen wir etwa eine rezente Coverstory der Zeitschrift "Falter", in der die Polizei von ihrer Arbeit gegen nigerianische Drogendealer im Wiener Votivpark erzählt (Titel: "Das verlorene Paradies"!). Als sei der Drogenmarkt, solange er von österreichischen Straßenhändlern durchgeführt wurde, ein gemütlicher Kleingartenverein mit Kirchenflohmarkt-Atmosphäre gewesen. Mit verklärender Nostalgie wird darüber hinweggesehen, dass Drogenkonsum seit 30 Jahren eine Tatsache ist, die trotz repressivster staatlicher Maßnahmen aus westlichen Gesellschaften nicht wegzukriegen ist.

Dass die Zahl der Dealer gewachsen und ihre Verkaufsmethoden offensiver geworden seien, wird als besonders bedrohlich bezeichnet und lässt Polizisten einen Anstieg der Beschaffungskriminalität befürchten. Dass mehr Anbieter auf einem Markt auch sinkende Preise bedeuten und somit Drogen erschwinglicher werden, sollte nach nüchterner Marktlogik eigentlich zu weniger Geldbedarf für die einzelnen Konsumierenden führen. Aber wen kümmert's. Und warum es als normal gilt, in Zeitungen, Radio, TV und öffentlichen Plakatwänden praktisch rund um die Uhr mit Werbebotschaften bombardiert zu werden, aber mal von Dealern im Park ungefragt Drogen angeboten zu bekommen, als total irrer Skandal gewertet wird, bedarf auch eines speziellen Vorverständnisses für die Mechanismen medialer Skandalproduktion.

Die drohende "zunehmende Vermischung jugendlicher Kifferszene und harter Drogenszene", seit Jahrzehnten obligatorischer Bestandteil beinahe jedes Medienberichts zum Thema, aber im Falter-Artikel plötzlich neuestes Werk der Nigerianer, darf natürlich auch nicht fehlen.

Die besonderen Bedingungen des Drogenmarktes werden zu kulturellen Eigenschaften der Händler umgedeutet. Der nigerianische Drogendealer wird als besonders aggressiv, brutal, verschlagen, ausbeuterisch, und in großer Zahl auftretend charakterisiert. Mitunter soll er auch Sex als Bezahlung nehmen. Vor lauter Klischees bleibt kein Platz mehr für Ursachenforschung. Falls die besondere Verhaftungs-Unwilligkeit schwarzer Dealer kein Fantasieprodukt ist, dürfte sie mit der Angst vor den Folgen zu tun haben. Im Gegensatz zu heimischen Häftlingen drohen Leute mit prekärem Aufenthaltsstatus neben besonderen Freuden im Gefängnis auch die Abschiebung. Dass das lebensgefährlich ist, ist spätestens seit dem Tod von Marcus Omofuma 1999 bekannt.

Schön brav sein

"Wer die Wut gegen so genannte 'Asylbetrüger' verstehen will, muss sich den Votivpark ansehen", resümiert der Falter. Irrtum: Er oder sie muss Zeitung und Gesetze lesen. Dass dort systematische Diskriminierung stattfindet, hat eine aufkeimende migrantische Selbstorganisations-Szene in den letzten Jahren versucht, zum Thema zu machen. Im Gegensatz zu der Polizei mit ihren Anliegen findet sie dafür aber keine Öffentlichkeit, und wird für ihr Engagement mit persönlichen Konsequenzen bedroht: Auf die Proteste der heimischen MigrantInnenszene nach der Ermordung von Marcus Omofuma im Jahr 1999 hat die Polizei mit der berüchtigten "Operation Spring" reagiert. AktivistInnen wurden in der von Medien begleiteten größten Polizeiaktion der 2. Republik überfallen und als angebliche Köpfe einer "nigerianischen Drogenmafia" inhaftiert. Zentrale Verdächtigungen erwiesen sich später als haltlos, aber die Botschaft war klar: Den Konsens, dass die Diskriminierten an ihrer Diskriminierung selber Schuld sind, lassen wir uns nicht zerstören.

Und auch dass die aktuell erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeitsoffensive der Polizei zur Befestigung der öffentlichen Wahrnehmung von Asylmißbrauch als schlimmem Problem gerade auf den Zeitpunkt fällt, in dem sich der Sicherheitsapparat um eine Verschärfung des Asylgesetzes bemüht, ist natürlich kein Zufall.






online seit 27.01.2005 14:06:59
autorIn und feedback : pinguin




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