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  Migrantinnen in der Haushaltsarbeit

Über ein informelles und hierarchisiertes Arbeitsverhältnis zwischen Frauen

Bezahlt die Hausarbeit!?

„Die unbezahlte Situation der Hausfrau ist der kleinste gemeinsame Nenner für alle Frauen: durch sie sind wir alle bestimmt, in ihr sind wir alle gefangen. Schwarze und Weiße, Arbeiterfrauen, Mittelstandsfrauen, ob durch einen Männerlohn ernährt oder nicht (...) Die Perspektive auf Lohn für Hausarbeit (...) zielt darauf ab, Frauen Macht zu verleihen, sodass es ihnen möglich wird, ihre Abhängigkeit von Männern zu zerschlagen.“ (Power of Woman Collective: Kampagne Lohn für Hausarbeit, London, 20.9.1973). In den 70er Jahren herrschte eine heftige Debatte um den Wert und die mögliche Bewertung der unbezahlten Hausarbeit, deren konstitutiven Beitrag zur Reproduktion des Kapitalismus und die damit verbundene doppelte Ausbeutung von Frauen durch das System des Patriarchats als auch des Kapitalismus. Ein unhinterfragtes klassen- und herkunftsübergreifendes „Wir Frauen“ wurde konstruiert, dessen wichtigste Gemeinsamkeit die familiale und patriarchale Unterdrückung darstellte und in der für den Haushalt zuständigen Frau ihren Ausdruck fand. War schon in den 70er Jahren ein enthierarchisiertes Wir-Frauen unzulässig, da es die Machtverhältnisse zwischen Frauen unberücksichtigt lässt, werden Hierarchien zwischen Frauen unterschiedlicher Klassen und Herkunft zum heutigen Zeitpunkt noch deutlicher. Solch ein hierarchisiertes Verhältnis besteht zwischen der mehrheitsösterreichischen Arbeitgeberin und der migrantischen Arbeitnehmerin, die die Haushaltsarbeit für erstere erledigt.

“Das ist wie früher: Könige und ihre Bediener. Man kann es ihr ansehen (...) sie fühlt sich wie eine Prinzessin. Da kommt jemand und sie kann ihm sagen: „Fangst du im Schlafzimmer an – ich werd mir jetzt ein Bad machen. Oder: „Im Arbeitszimmer bitte nicht in der Nähe Staubsaugen, denn ich muss irgendetwas lesen.“ Frauen genießen das! (...) Aber ich verstehe sie auch. Irgendwie sie glauben, sie möchten für sich nur was tun. Nicht zuhause putzen, kochen für Kind und Mann. Nur ein bisschen Zeit für sich alleine ...“ (Anna, Polen). In einer ländervergleichenden EU-Studie (siehe Kasten), der die Zitate in diesem Artikel entnommen sind, wurden Interviews mit Arbeitnehmerinnen und ArbeitgeberInnen geführt, um eine zunehmend gängige Lösungsstrategie für die Organisation der Haushaltsarbeit zu analysieren - die Anstellung einer bezahlten Haushaltsarbeiterin in einem weder aufenthalts- noch arbeitsrechtlich legalen Beschäftigungsverhältnis. Der Konflikt um die Erledigung der Haushaltsarbeit und die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung wird auf eine externe Person ausgelagert. Die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit verbleibt in den meisten Fällen bei den Frauen. „Die Männer reden fast nicht mit mir. Die Achse des Hauses ist immer die Frau. (...) Im Haushalt der alleinstehenden Männer, muss ich schauen, was zu machen ist. ... Sie sagen mir nie, putz da oder dort... die Frauen sind fordernder. Sie sagen, wie es sein soll... Und ich schaue, dass sie nirgends noch Dreck findet.“ (Mafalda, Peru).

Migrantinnen werden nicht nur aufgrund des geringen Lohns eingestellt, sondern auf sie werden stereotype ‚feminine’ Eigenschaften (sauber, loyal, flink, kann gut mit Kindern umgehen), von denen sich die Arbeitgeberin distanzieren will, projiziert. So wird durch die Vermengung von Nation (Ethnizität, Kultur, race) mit Geschlecht eine der österreichischen/europäischen emanzipierten erwerbstätigen Frau untergeordnete Kategorie von Frauen erzeugt, die nunmehr die „lästigen“ Arbeiten des Alltags erledigen. Dadurch wird sowohl diskursiv wie materiell eine von der eigenen sozialen Realität abzugrenzende „Andere“ imaginiert, deren „Dienste“ tatsächlich in Anspruch genommen werden. „Unsere Fee, die hilft uns einfach, dass wir gemeinsam weniger bewältigen müssen. (...) Sie ist eine Fee. Ein kleines Wunder. (...) Die lebt und blüht! Und sie arbeitet auch entsprechend.“ (Karin, Österreich).

Strukturelle Benachteiligung

Die repressive staatliche Migrationspolitik und die steigende Nachfrage im Bereich der haushaltsbezogenen Dienstleistungen im informellen Sektor zwingt viele Migrantinnen in die Unsichtbarkeit und Unsicherheit prekärer Erwerbsarbeitsverhältnisse sowie in ein Leben mit der ständigen Angst vor Abschiebung. Der Arbeitsplatz Privathaushalt bietet einerseits einen Ort des Schutzes vor staatlicher Verfolgung/Kontrolle, andererseits kann er gerade aufgrund seiner Unsichtbarkeit zum Ort der Ausbeutung, rassistischer Diskriminierung und Gewalt werden, wo ethnische und genderspezifische Kategorisierungen festgeschrieben werden.

Migrantinnen sind durch die Ungleichbehandlung aufgrund des Ausländerbeschäftigungsgesetzes und aufenthaltsrechtlicher Regelungen an der Integration in den legalen Arbeitsmarkt gehindert, die sich in Form der Quotierung drittstaatsangehöriger Beschäftigter, in Form von Bindung der Beschäftigung an einen bestimmten Arbeitgeber oder an ein bestimmtes Bundesland oder sogar in Form eines Beschäftigungsverbots nachgezogener Familienangehöriger niederschlägt. Damit werden Migrantinnen auf bestimmte Wirtschaftsbranchen festgelegt und/oder in Beschäftigungsverhältnisse des informellen Sektors gedrängt. Darüber hinaus können MigrantInnen nur in eingeschränktem Maße (abhängig von der Dauer und Art des Aufenthalts) an den wohlfahrtsstaatlichen Leistungen teilhaben, die österreichischen StaatsbürgerInnen zur Verfügung stehen. So erfüllen Migrantinnen eine doppelte für den österreichischen Sozialstaat günstige Funktion: sie fallen als Nicht-Empfängerinnen wohlfahrtsstaatlicher Leistungen nicht zur Last und gewährleisten gleichzeitig soziale Dienste und Reproduktionsleistungen in schlecht bezahlten und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen, die sie aufgrund ihres Status als Migrantin einzugehen gezwungen sind.

Die vielfältigen Motivationen für die Entscheidung zur Migration können nicht ausschließlich auf ökonomische Gründe zurückgeführt werden und mit dem „Zwang der Verhältnisse“ erklärt werden. Die Entscheidung zur Migration ist meistens ein Balanceakt zwischen Notwendigkeit und Strategie. „Ein schwieriger Kampf. Aber oftmals fühle ich Stolz, denn ich habe meine Familie durchgebracht. Mir gefällt es, dass ich mein eigenes Geld habe. Ich muss meinen Mann nicht bitten, mir etwas zu geben. Meine ökonomische Freiheit...“ (Mafalda, Peru). Diese Entscheidung impliziert auch die individuelle Überwindung, grundlegende Veränderungen mit ungewissem Ausgang zu wagen, und die Hoffnung auf die Verbesserung der eigenen Lebenssituation .

Politische Perspektiven

Die Beschäftigung als Haushaltsarbeiterin stellt für die meisten Migrantinnen kein berufliches Wunschziel dar, sondern oftmals eine Strategie der Überbrückung und Existenzsicherung bis zur möglichen Integration und Aufenthaltsverfestigung. Politische Strategien und Lösungsvorschläge müssen einerseits die prekären und extrem ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnisse von Migrantinnen in Privathaushalten aufzeigen und bekämpfen. Andererseits darf die Position von Migrantinnen als Haushaltsarbeiterinnen durch eine Reformpolitik nicht festgeschrieben und zementiert werden. Es ist notwendig, prinzipielle Kritik an der geschlechtsspezifisch ethnisierten Segregation des Arbeitsmarktes Privathaushalt zu formulieren und an einer Arbeitsteilung, die Migrantinnen qua ihres Status als „Frau“ und „Nicht-Österreicherin“ in niedrig entlohnte „Berufe“ drängt, die dem Statuserhalt der Mehrheitsösterreicherinnen „dienen“.

Gewerkschaftliche Praxis: „Wir vertreten nur Mitglieder“

Die derzeit noch in zaghaften Anfängen steckende Entwicklung einer ernsthaften und solidarischen Mitgliedervertretung, die auch den flexibilisierten und prekären Beschäftigungsverhältnissen entspricht, ist längst überfällig. Auch muss eine Diskursverschiebung im Hinblick auf die Konstruktion von MigrantInnen als „KonkurrentInnen“ am „heimischen“ Arbeitsmarkt erreicht werden und Anliegen und Arbeitskämpfe von Migrantinnen als gleichberechtigter Teil gewerkschaftlicher Politik verstanden werden.

Feministische Theorie und Praxis

Mehrheitsösterreichische Frauenpolitikerinnen, Frauenorganisationen und feministische Forscherinnen müssen sich sowohl der Verknüpfungen von Rassismen und Sexismen als auch der eigenen Rassismen bewusst werden. Emanzipationsbewegung und frauenpolitische „Errungenschaften“, die auf Kosten von Frauen mit Migrationshintergrund entstehen, müssen kritisch reflektiert und entschieden abgelehnt werden. Sowohl die vor allem mit gleichheitsfeministischen Emanzipationsbestrebungen einhergehende generelle Abwertung von Hausarbeit gegenüber formalisierter Lohnarbeit als auch jene Richtung der Frauenpolitik, die dem Modell „Haushalt“ eine zentrale und paradigmatische Funktion für Politik, Wirtschaft und Ethik zusprechen, müssen daraufhin kritisch reflektiert werden, welche Auswirkungen die jeweilige Politik auf die persönliche und strukturelle Situation von Migrantinnen in der mehrheitsösterreichischen Gesellschaft haben.

Die Praxis von maiz: Selbstvertretung von Migrantinnen

maiz positioniert sich für die Stärkung der Selbstvertretung von Migrantinnen u.a. durch die Strategie der Allianzenbildung. Die kritische Reflexion des Geschlechter-, Ethnien- und anderer Herrschaftsverhältnisse - auch in internen Auseinandersetzungen - ist dabei ebenso selbstverständlich, wie der Subjektstatus jeder Person und damit ein Paradigmenwechsel von der Viktimisierung zum Protagonismus von Migrantinnen.

Präsentation im Rahmen des Austrian Social Forum
Fr, 4.6. MAIZ, Hofberg 10, 1.Stock 9-12h
oder 19h Läuferin Kunstuni Linz, Hauptplatz 8






online seit 17.05.2004 11:09:44 (Printausgabe 20)
autorIn und feedback : Bettina Haidinger




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