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Geistreich, aber arm

Ein französisches Buch über „prekäre Intellektuelle“ ernennt hochqualifizierte Scheinselbstständige zur neuen Klasse

Lange Zeit wurden sie in Frankreich, dem Land der öffentlichen Intellektuellen, totgeschwiegen. Jetzt stürmt ihr Manifest die Bestsellerlisten: Das Buch „Les intellos precaires“ (Die prekären Intellektuellen) von Anne und Marine Rambach nennt eine rasant wachsende soziale Gruppe erstmals beim Namen.

Die Autorinnen zeichnen das Bild einer Generation, die nach dem Uni-Abschluss statt der früher üblichen stabilen Karrieren nur die Scheinselbstständigkeit erwartet. Die neue Klasse geht in die Zigtausende und versammelt vor allem VertreterInnen der 25- bis 35jährigen, die sich im Journalismus, im Kulturbetrieb, bei Film und Fernsehen, im Forschungswesen und sonstigen Kreativbranchen tummelt. Ihr Leben ist vom Auseinanderklaffen zwischen ihrem hohem sozialen Status und ihrer miserablen materiellen Ausstattung gekennzeichnet. Rambach und Rambach zeichnen die Charakteristika nach, die etwa auch Sergio Bologna bei seiner Studie über neue Selbstständige in Italien hervorgehoben hat: Verschwimmen von Arbeit und Freizeit; der Computer als Überlebenswerkzeug Nummer 1; Navigieren auf Sicht – der Zeithorizont für Projekt- und Überlebensplanung muss sich auf wenige Wochen beschränken; Multitasking – mehrere Tätigkeiten müssen simultan ausgeführt werden, von verschiedenen Berufszweigen über persönliche Reproduktion, Buchhaltung und Lohneintreiben; und (fast am wichtigsten): Das In-Gang-Halten des persönlichen Beziehungsnetzwerks, das für das Ergattern von neuen Aufträgen unerlässlich ist. Die prekären Intellos sind zumeist hyperkreativ – aber es gibt auch die Kehrseite: Depressionen, Zukunfts- und Versagensängste, Gefühle der Erniedrigung.

Die Mythologie der Selbstständigkeit, die den Prekären Intellektuellen als Identifikationsangebot substitutiv zur Bezahlung offeriert wird, sorgt dafür, dass es selbst im bewegungsreichen Frankreich noch keine politische Organisierung dieser Gruppe gibt. Sie sind verarmt, aber - im Gegensatz zu anderen deklassierten Bevölkerungsgruppen – nicht vom in Frankreich vieldiskutierten Phänomen der „Exklusion“ betroffen, bei dem der Ausschluss von gesicherter Beschäftigung mit dem Ausschluss aus dem sozialen Leben verbunden ist. Zum Teil ist die Identifikation mit der Arbeit gering, und somit auch das Potenzial für Engagement, was die Arbeit betrifft. Zum Teil herrscht auch die (mitunter berechtigte) Hoffnung vor, es handle sich bei der momentanen Lebenslage nur um ein Übergangsstadium in eine gesicherte Existenz.

Die Autorinnen von „Les intellos precaires“ sehen aber in den ProtagonistInnen das Zeichen einer allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz, und sehen ihr Buch auch als Form der Anrufung an die betroffenen Subjekte, sich als Kollektiv zu erkennen. Ein Plan, der durchaus Wirkung zeigte: Angeblich werden Anne und Marine Rambach seit dem Erscheinen ihres Werks mit Anrufen und Emails überschüttet, die Dank, Zustimmung und Willen zum Engagement zum Ausdruck bringen. Ein Rezensent spekulierte im Internetmagazin „L`interdit“ schon über die mögliche Form eines Coming out: „Precaire Pride“.

Anne et Marine Rambach: Les intellos precaires, Editions Fayard

Pinguin



online seit 16.05.2002 13:00:31 (Printausgabe 4/2002)
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