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5000 Jahre im Schuldturm

Hilft anarchistische Anthropologie gegen die Schuldenkrise?

IM DISKURS ÜBER DIE GRIECHISCHE SCHULDENKRISE ist das moralische Gepäck des Begriffs der Schulden allgegenwärtig. Wenn in Talkshows und Parlamentsreden ein Schuldenerlass für Griechenland verworfen wird, dann häufig nicht mit volkswirtschaftlichen Argumenten, sondern ganz explizit deshalb, weil dies den „verschwenderischen Südländern“ erlauben würde, sich „davonzustehlen“.

In vielen Sprachen ruft allein das Wort für finanzielle Verbindlichkeiten schon ein nicht bloß wirtschaftliches Verhältnis auf. Die Nähe der Begriffe „Schuld“ und „Schulden“ zeigt an, dass es nicht einfach nur um eine Vereinbarung geht, aufgrund derer zu einem zukünftigen Zeitpunkt Geld die Hände wechseln soll.

DASS MAN SEINE SCHULD zu begleichen hat, erscheint schon rein sprachlich nicht nur als eine ökonomische Regel, sondern als eine moralische Pflicht. Dazu, seine Verantwortung anzunehmen. Seine Verpflichtungen zu erfüllen, wie man es auch von anderen erwartet. Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Doch während SchuldnerInnen zusätzlich zur ökonomischen auch noch diese moralische Last aufgebürdet wird, gelten GläubigerInnen, GeldleiherInnen oder SpekulantInnen – also diejenigen, denen etwas geschuldet wird – keineswegs als Musterbeispiele des richtigen Lebens, sondern eher schon als das genaue Gegenteil davon.

Der anarchistische Anthropologe David Graeber schildert in seinem kürzlich erschienenen Buch „Debt: The First 5,000 Years“ den Umgang mit Schulden, SchuldnerInnen und GläubigerInnen in den letzten fünf Jahrtausenden, um dieser „moralischen Verwirrung“, wie er sie nennt, auf den Grund zu gehen. Es hat im Sommer einen kleinen Hype auch in Mainstream-Medien wie dem Wall Street Journal und CNN erlebt – trotz Graebers verdächtigen credentials wie seiner Mitgliedschaft in der anarchistischen Gewerkschaft International Workers of the World.

Typisch für einen Text von einem Anthropologen, wimmelt es in „Debt“ nur so vor Anekdoten und historischen Beispielen, die zusammengenommen die Absolutheit des Begriffs der Schulden wirksam untergraben. Wir lernen, dass relativ komplexe und modern erscheinende Kreditbeziehungen historisch dem Bargeld vorausgehen. Dass grosso modo die Zeitalter, in denen virtuelles Geld vorherrschte, für SchuldnerInnen besser waren als die, in denen Bargeld, Gold und Silber zählten. Dass in Mesopotamien, wo Kreditprodukte eine erste Ära virtuellen Geldes begründeten, regelmäßig Schuldenkrisen eintraten, die ebenso regelmäßig durch allgemeinen Schuldenerlass für alle gelöst wurden. Dass Revolutionen und Revolten sich immer wieder an Schuldverhältnissen entzünden, an der (schlechten bis unmenschlichen) Behandlung von SchuldnerInnen und an Forderungen nach einem Streichen sämtlicher Verbindlichkeiten.

LEIDER FEHLT DIESEM SCHILLERNDEN Panoptikum von historischen Trouvaillen und für sich genommen interessanten Erkenntnissen insgesamt ein wenig der rote Faden und vielleicht auch der theoretische Rahmen, weswegen es etwas unbefriedigend bleibt. Graeber bleibt auch eine Antwort schuldig auf das von ihm selbst aufgeworfene Paradox des schlechten Rufs des Gläubigers. Das mag auch damit zu tun haben, dass das Thema Antisemitismus bei ihm unerwähnt bleibt – bei diesem Thema eine seltsame Leerstelle.

In Ermangelung von Alternativen ist das Buch als Antidot zum öffentlichen Diskurs um die Eurokrise trotzdem eine nützliche Lektüre.


Literatur
David Graeber: Debt: The First 5,000 Years, Melville House Publishing, Brooklyn 2011

online seit 12.11.2011 14:10:20 (Printausgabe 57)
autorIn und feedback : Ribo Kader




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