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  Bio-Exploitation

In Südspanien wehren sich Arbeiter_innen gegen Ausbeutung in der Bio-Landwirtschaft

Über die miserablen Arbeitsbedingungen für Landarbeiter_innen, die im industriellen Sektor der europäischen Gemüse- und Obstproduktion vorherrschen, wird bereits seit Jahren vielfach berichtet, sei es in Mainstream-Medien oder in unabhängigen und kritischen Zeitungen, blogs und Filmen. Dokus wie „We feed the world“ oder „Unser täglich Brot“ haben einem relativ breiten Publikum hinreichend deutlich gemacht, dass billiges Obst und Gemüse nicht ohne die Verfügbarkeit einer Reservearmee von hyper-prekären, meist migrantischen, oft illegalisierten Arbeiter_innen zu haben ist. Worüber bislang jedoch relativ wenig gesprochen wurde, ist die Tatsache, dass auch die arbeitsintensiven Sektoren in der biologischen Landwirtschaft, v.a. größere, exportorientierte Betriebe, oftmals nach derselben Logik funktionieren.

Almería – mit industriell-biologischer Landwirtschaft in den Standortwettbewerb

Seit mehr als zehn Jahren kämpft die Landarbeiter_innengewerkschaft SOC, deren Aktivist_innen sowie deren Basis sich ausschließlich aus Migrant_innen zusammensetzt, in der Provinz Almería in Südspanien für die Rechte der Beschäftigten im landwirtschaftlichen Sektor. Almería ist von mehr als 35.000 Hektar Plastikgewächshäusern überzogen. Ein Großteil der Gemüsewaren, die in Europa v.a. während der Wintermonate verkauft werden, stammt von dort. Aufgrund der Tatsache, dass in der letzten Dekade die Kritik an der ökologischen Zerstörung sowie der Über-Ausbeutung der über 120.000 migrantischen Landarbeiter_innen nicht abgeebbt ist, musste etwas fürs Image der Region getan werden. Business as usual war aufgrund der zahlreichen öffentlichen Interventionen der SOC sowie aufgrund des konstant hohen Interesses internationaler Journalist_innen, Gewerkschafter_innen und Aktivist_innen nicht mehr möglich. Hinzu kamen in den letzten Jahren eine Überproduktionskrise und ein damit einhergehender Preisverfall, der u.a. durch die Zulassung von Gemüseimporten aus Marokko angeheizt wurde. Kurzum: Vielfach wurde auf den Umstieg auf biologische Produktion gesetzt. In manchen Punkten brachte diese Wende durchaus Verbesserungen mit sich – neben der geringeren toxischen Belastung für die Pflanzen und das Grundwasser bleibt es den Arbeiter_innen erspart, mit zum Teil extrem gesundheitsgefährdenden Spritzmitteln hantieren zu müssen, durch deren Einsatz eine Reihe von Landarbeiter_innen in den letzten Jahren bereits schwere Verletzungen erlitten hat.

Einziger Haken: In den Regelwerken für biologische Landwirtschaft finden sich keinerlei explizite Parameter in Bezug auf Arbeitnehmer_innenrechte. Regelwerke wie beispielsweise globalgap, die diese Aspekte aufgreifen, unterliegen keiner öffentlichen Kontrolle und wurden von Unternehmen selbst geschaffen. Sie sind die strategische Antwort der Supermarktketten auf Streiks und Widerstand in der industriellen Landwirtschaft sowie auf Kampagnenarbeit gegen die Einkaufspraxis der Großverteiler – nicht viel mehr als ein Feigenblatt.
Vor dem Hintergrund dieser Situation ist es nicht allzu verwunderlich, dass in einem Bio-Großbetrieb in Almería aktuell ein Arbeitskampf ausgebrochen ist, bei dem marokkanische und rumänische Arbeiter_innen um ihre Wiedereinstellung bzw. um bessere Arbeitsbedingungen und höheren Lohn kämpfen.

Der Fall Bio-Sol

Das Unternehmen Bio-Sol gehört zu den größten Betrieben der Region, die auf der Basis biologischer Produktion Gemüse vermarkten. Mit einer Markt-Präsenz seit 1993 gehört Bio-Sol zu den Bio-Pionieren von Almería. Seit elf Jahren gehen die Waren auch in den Export. Tomaten, Paprika, Gurken, Zucchini, Auberginen, Wassermelonen und Zuckermelonen stehen auf dem Programm. Diese Vielfalt der Produktion erlaubt es dem Unternehmen, rund ums Jahr Kulturen anzubauen und zu ernten. Bio-Sol betreibt einen Abpack-Betrieb, in dem die eigenen Waren, wie auch die von 15 weiteren Betrieben verpackt und reisefertig für den europäischen Export gemacht werden, der 98 Prozent der Produktion einnimmt. Insgesamt handelt das Unternehmen mit Waren aus rund 100 Hektar Produktion, das entspricht sieben Millionen Kilogramm Gemüse jährlich.
Insgesamt sind bei Bio-Sol rund 200 Arbeiter_innen beschäftigt – davon 80 in den Abpackhallen. Die Arbeitsteilung ist klassisch: auf den Gewächshäusern hauptsächlich Männer, in den Abpackhallen, an den Fließbändern großteils Frauen. Der Großteil der Arbeiter_innen kommt aus Marokko, ein kleinerer Teil aus Rumänien.

Im Oktober letzten Jahres drang der Widerstand der Arbeiter_innen zum ersten Mal verstärkt nach außen: Rund ein Duzend Frauen aus den Abpackbetrieben, die meisten von ihnen marokkanische Migrantinnen, wurde ohne weitere Angaben von Gründen gekündigt. Der Hintergrund für diesen Schritt des Unternehmens war schnell klar: Arbeiter_innen, die bereits seit längerer Zeit im Betrieb arbeiteten (im Falle der entlassenen Frauen seit fünf bis zehn Jahren), wurden durch neue, auf prekärer Basis angestellte Arbeiter_innen ersetzt. Eine Abfindung bekommt nur, wer lange genug im Betrieb gearbeitet hat. Bio-Sol setzt auf ein simples, aber bewährtes Prinzip: Es soll erst gar nicht so weit kommen. Eine weitere Masche: Die Arbeiter_innen bekommen offiziell Gehaltsabrechnungen von drei verschiedenen Betrieben – diese gehören aber alle zu Bio-Sol. De facto stehen sie an derselben Maschine in derselben Abpackhalle und tun dieselbe Arbeit wie seit Jahren.

Doch – wie oft in ähnlichen Fällen – ist dies nur die Spitze des Eisbergs: Die Arbeiter_innen berichteten der SOC von einer Reihe von Verstößen: Nicht-Einhaltung des kollektivvertraglichen Lohns, oft Arbeitszeiten von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts bei gleichzeitiger Vorenthaltung des Überstunden-Zuschlags, automatischer Abzug des Lohns für eine halbe Stunde, wenn eine Pause von mehr als fünf Minuten eingelegt wurde. Des Weiteren Akkordarbeit in den Abpackhallen und Androhung, hinausgeschmissen zu werden, wenn eine bestimmte Quantität nicht erreicht wurde. Heben von 20 Kilogramm schweren Kisten, auch für schwangere Frauen.
Zwar sind aktuell auf Druck der SOC sechs Arbeiter_innen wiedereingestellt worden, allerdings mit der Auflage, ein Papier zu unterzeichnen, dessen Inhalt ihnen nicht erklärt wurde. Es hatte zum Inhalt, dass die Unterzeichnenden sich vollständig von jeglicher gewerkschaftlichen Betätigung distanzieren sowie gegen den Erhalt einer gewissen Summe an Geld auf Abfindungs-Zahlungen verzichten.

Zusammenwirken von kritischem Journalismus und Kampagnenarbeit

Die Sache kam aber erst richtig in Schwung, als im Februar 2011 die Hamburger Journalistin Shelina Islam einen Artikel über die Arbeitsbedingungen bei Bio-Sol veröffentlichte. Unter dem Titel „Die gar nicht heile Bio-Welt“ wurden im Schweizer „Tagesanzeiger“ Statements von Arbeiter_innen veröffentlicht. Außerdem wurde die SOC-Gewerkschafterin und Arbeitsrechtlerin Laura Góngora zitiert: „Bio ist für den Konsumenten sicher gut, aber für die Arbeiter ändert sich nichts. Die Verstöße gegen das Arbeitsrecht nehmen nicht ab. Das Gemüse, für das die Leute schuften, heißt jetzt einfach Bio.“ (1) Auch in Deutschland und Holland wurden Artikel zum Fall Bio-Sol veröffentlicht.

Nach dem Erscheinen des Artikels kündigte Coop – neben Migros die größte Supermarktkette der Schweiz – an, den Ankauf von Gemüse von Bio-Sol einzustellen, sollte der Arbeitskonflikt nicht gelöst werden. Vertreter_innen von Coop, von BioSuisse, dem Schweizer Dachverband für biologische Betriebe, und von Rewe reisten daraufhin nach Almería, um sowohl mit den Arbeiter_innen als auch mit der SOC in Kontakt zu treten. Neben der Wiedereinstellung der Entlassenen und der Einhaltung aller kollektivvertraglichen Regelungen fordern die Arbeiter_innen gemeinsam mit der SOC, dass die Einrichtung einer permanenten gewerkschaftlichen Vertretung im Betrieb gewährleistet sein muss. Die erwähnten Supermarktketten unterstützten diese Forderungen.

Diese Gemengelage scheint auf den ersten Blick höchst absurd, interessierten sich doch Supermarktketten bisher in den allerwenigsten Fällen auch nur ansatzweise für die Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferbetrieben. Doch scheint der Reibungsverlust, verursacht durch „schlechtes soziales Image“, für Supermärkte punktuell groß genug zu sein, um eine derartige Haltung auszulösen. Die Reaktion von Coop ist aber alles andere als eine spontane Eingebung: Gerade im Fall von Gemüse aus Almería beruht sie auf dem Umstand, dass eine ganze Reihe von Organisationen über mittlerweile mehr als zehn Jahre hinweg kontinuierlich mit der SOC in Kontakt steht und die schlechten Arbeitsbedingungen sowie den Rassismus in Almería mittels gezielter Kampagnen öffentlich macht. Immer wieder wurde auch die Einkaufspraxis der Supermärkte offen kritisiert (2).

Der politische Rückenwind, der aktuell in Bezug auf den Arbeitskonflikt bei Bio-Sol weht, ist also mit Sicherheit auch ein Ergebnis der transnationalen gewerkschaftlichen und antirassistischen Zusammenarbeit zwischen Initiativen in Almería – allen voran der SOC – und Initiativen in den sogenannten Abnehmerländern der Gemüsewaren. Die Schweizer „Plattform für eine sozial und ökologisch nachhaltige Landwirtschaft“ forderte beispielsweise in ihrer Presseaussendung vom 13. April die Konsument_innen dazu auf, den Kampf der Arbeiter_innen bei Bio-Sol sowie die SOC zu unterstützen.

Bio-Sol und der Unternehmerverband Asempal versuchen nun mit allen Mitteln zu verhindern, dass dieser Fall ein Präzedenzfall wird und dass die SOC es schafft, sich in einem weiteren Betrieb fix zu verankern.
Noch ist aber nichts gewonnen. Am 6. April dieses Jahres fand eine Protestkundgebung der Arbeiter_innen und der SOC bei Asempal sowie vor dem Arbeitsgericht in Almería statt. Gegen Bio-Sol sind dort auch mehrere Anklagen wegen Dokumentenfälschung anhängig.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der gemeinsame Druck, den die Arbeiter_innen und die SOC sowie die transnationalen Unterstützungsnetzwerke aufbauen können, ausreichen wird, um Bio-Sol dazu zu bringen, die perfiden Strategien gegenüber seiner Belegschaft aufzugeben. Es sei also mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass Protestbriefe geschickt werden können (3). Langfristig geht es aber selbstverständlich um viel mehr: nämlich um die kompromisslose Durchsetzung des Prinzips „gleiches Geld und gleiches Recht für gleiche Arbeit“ für alle (migrantischen) Arbeiter_innen in Almería sowie um eine generelle Überwindung (agrar-) kapitalistischer Zustände, auch in der Bio-Landwirtschaft.


Anmerkungen
(1) Siehe dazu: www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Die-gar-nicht-heile-BioWelt/story/14347634

(2) Siehe dazu: www.forumcivique.org/de/thema/landwirtschaft_und_migration sowie
www.agrisodu.ch/index.php?lang=german

(3) Protestbriefe sind – in spanischer oder englischer Sprache – zu adressieren an: Bio-Sol Portocarrero, Carretera de Nijar-San José, E – 04100 Nijar Almería, biosol@biosolportocarrero.com bzw. an Asempal, Paseo de Almería, 69 7a planta, E-04001 Almería, asempal@asempal.es


Anmerkung zur Person
Dito Alex Behr ist u.a. Aktivist des Europäischen BürgerInnenforums und als solcher seit vielen Jahren in die erwähnte Solidaritätskampagne mit der SOC in Almería involviert. Außerdem ist er beim Netzwerk Afrique Europe Interact aktiv.

online seit 29.05.2011 16:22:45 (Printausgabe 54)
autorIn und feedback : Dito Alex Behr




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