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  From a Beggar’s Point of View

Ein Interview mit der Filmemacherin Ulli Gladik zu ihrem Dokumentarfilm „Natasha“ anlässlich des vor kurzem in Kraft getretenen „Verbots gewerbsmäßigen Bettelns“ in Wien.

Ulli Gladik ist Filmemacherin und Aktivistin der BettelLobbyWien. 2008 sorgte ihr Dokumentarfilm „Natasha“ für Aufsehen, in dem sie den Blick auf BettlerInnen, wie er in den Mainstream-Medien dominiert, umkehrte, um die Perspektive einer Betroffenen darzustellen. Die Thematik ist aktueller denn je, hat doch erst kürzlich eine Bettlerin mit Unterstützung der Grünen und der BettelLobby beim Verfassungsgerichtshof Klage gegen das seit 1. Juni in Wien gültige „Verbot gewerbsmäßigen Bettelns“ eingelegt. MALMOE traf Ulli Gladik zum Interview.

MALMOE: Wie kam es zum Film „Natasha“?

Ulli Gladik: 2001/2002 studierte ich an der Kunstakademie in Sofia. Dabei lernte ich die Roma-Viertel der bulgarischen Hauptstadt kennen. Als ich in Wien zurück war, kam ich in der Mariahilfer Straße mit Kirtsho ins Gespräch – einem Rom, den ich schon in Sofia betteln gesehen hatte. Ich schrieb ein Filmkonzept, das wider Erwarten von der damaligen Filmabteilung des BKA gefördert wurde. Doch Kirtsho wurde – trotz seiner schweren körperlichen Behinderung – für zehn Tage in Schubhaft genommen und dann nach Bulgarien abgeschoben. Plötzlich hatte ich eine Förderung und keinen Protagonisten. Eine Zeit lang recherchierte ich dann in einem slowakischen Dorf, aus dem damals 70% der Bevölkerung zum Betteln nach Wien pendelten. Doch die Arbeit mit Dolmetsch war umständlich. In Graz lernte ich dann Natasha kennen. Schließlich gaben meine Bulgarisch-Kenntnisse den Ausschlag.

MALMOE: Warum hat Natasha mitgemacht?

Ulli Gladik: Ich glaube, es gab ihr als Bettlerin in einem fremden Land Sicherheit, eine österreichische Kontaktperson zu haben. Außerdem wollte sie den damals schon zirkulierenden Stereotypen von der „Bettelmafia“ ein anderes Bild von sich entgegenhalten. Sie hatte schließlich selbst erlebt, dass Leute an ihr vorbeigingen und „Mafia! Mafia!“ schimpften. Einmal war sogar die Polizei in ihrer Grazer Unterkunft gewesen und hatte ihre ganze Familie einen Tag lang verhört.

MALMOE: Fiel es dir bei deinen Recherchen schwer, das Vertrauen von Bettlerlnnen zu gewinnen?

Ulli Gladik: Damit hatte ich nie ein Problem. Ich lade die Leute auf einen Kaffee ein und plaudere dann mit ihnen. Wenn ich sie nicht mit Fragen löchere und ihnen Zeit gebe, Vertrauen zu fassen, beginnen sie von sich selbst zu erzählen. Wahrscheinlich habe ich es da als Frau auch leichter. Außerdem war mein Sohn am Anfang meiner Recherchen kaum ein Jahr alt, und mir blieb nichts anderes übrig, als ihn im Kinderwagen mitzunehmen. Auch das weckte Vertrauen.

MALMOE: War es für die Protagonistin und ihre Familie schwierig, die Scheu vor der Kamera zu verlieren?

Ulli Gladik: Es ist ganz normal, dass ProtagonistInnen eines Dokumentarfilms sich erst langsam an die Kamera gewöhnen. Das Problem ist, dass sich TV-JournalistInnen diese Zeit nicht nehmen. Deswegen wirken TV-Interviews mit BettlerInnen immer so künstlich. Außerdem machen die Interviewten dabei immer einen wortkargen, verängstigten Eindruck. Das Publikum interpretiert dieses Verhalten dann vorschnell im Rahmen des Mafia-Stereotyps: „Er/sie darf nichts ausplaudern“. Dabei zeigen BettlerInnen schlicht und einfach die ganz natürliche Scheu, die Menschen empfinden, wenn sie es nicht gewohnt sind, gefilmt zu werden.

MALMOE: Welche Vereinbarungen hast du mit der Darstellerin in Bezug auf den Film getroffen?

Ulli Gladik: Im Förderungsbudget war eine Aufwandsentschädigung für Natasha vorgesehen. Wichtig war auch die Abmachung eines Mitspracherechts bei den Dreharbeiten, etwa wenn ihr etwas zu weit ging. Manchmal sagte sie etwa: „Schalte die Kamera aus, ich mag jetzt nicht mehr.“ Ich habe ihr auch den Rohschnitt geschickt, um zu sehen, ob sie mit dem Resultat einverstanden sei. Auch bei der Rezeption hat Natasha mitbestimmt: Der Film wurde in Bulgarien nicht gezeigt, weil sie das nicht wollte. Außerdem ist Natasha an den Einnahmen vom DVD-Verkauf beteiligt. Eine Zeit lang konnte sie auch von dem eigens für sie eingerichteten Spendenkonto leben.

MALMOE: Auffällig an deinem Film ist seine Subjektivität. Es kommen gar keine ExpertInnen-Interviews vor. War das eine bewusste Entscheidung?

Ulli Gladik: Ursprünglich hatte ich schon solche Interviews geführt – etwa mit dem damals Zuständigen der Wiener Polizei, mit dem Helsinki-Komitee in Bulgarien und mit einer bulgarischen Roma-Beauftragten. Doch ich hatte dabei das unangenehme Gefühl, „die Fronten zu wechseln“: Ich wollte Natasha ja über sich selbst und für sich selbst sprechen lassen und es erschien mir dann eigenartig, wenn ihre Aussagen wiederum der Interpretation irgendwelcher ExpertInnen bedürfen sollten. Man kann in Wirklichkeit sämtliche sozialen Probleme erklären, indem man die ProtagonistInnen aus ihrem Leben erzählen lässt. Viel lieber als leere Phrasen über „Diskriminierung“ ist es mir etwa, wenn Natashas Schwester Asia beim Müllsammeln darüber schimpft, dass die bulgarischen Männer so arrogant seien und nie eine Romni zur Frau nehmen würden.

MALMOE: Ist Betteln eine Performance?

Ulli Gladik: „Was bin ich nur für eine Schauspielerin?“, sagte Natasha manchmal bei den Aufnahmen. Normalerweise trägt sie ja Prothesen und hat eine Krücke. Aber zum Betteln sitzt sie im Rollstuhl und hatte die große Unterschenkelprothese neben sich gut sichtbar stehen. Nur so kann sie ihre Bedürftigkeit sichtbar machen. Sie hasst es aber, sich auf den Aufnahmen ohne Prothesen zu sehen und schämt sich, so gesehen zu werden. Natasha ist vom Leben dazu gezwungen worden, diese Scham zu überwinden. Ihre Schwester Asia hingegen hat versucht zu betteln und es nicht geschafft, sich so bloßzustellen. Sie ist stolz darauf, dass sie eine gut aussehende junge Frau ist. Als ich sie filmte, zog sie sogar beim Müllsammeln ihr schönstes T-Shirt an und trug Schuhe mit hohen Absätzen. Der Rolle als Bettlerin war sie nicht gewachsen.


Spendenkonto für die Protagonistin:
BA-CA 12000, 50156 041 137
lautend auf Natasha Kirilova

online seit 16.11.2010 16:15:42 (Printausgabe 51)
autorIn und feedback : Niko Katsivelaris


Links zum Artikel:
www.natasha-der-film.at/ Website zum Film:
bettellobbywien.wordpress.comWebsite zur Bettel-Lobby-Wien:
malmoe.org/artikel/top/2077Schwerpunkt „Law & Order“ in MALMOE



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