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  Lehrgeld statt Bargeld

Ein persönlicher Essay über Arbeitslosigkeit

Dies ist mein erster Text, für den ich nicht recherchieren musste. Denn die Erlebnisse stammen aus meinem Leben. Ich bin Geografin, das habe ich mir ausgesucht. Es gab Jahre, da wirkte diese Berufswahl für mich wie ein chronisches Leiden. Schon vor Abschluss des Studiums war eine Krise vorherbestimmt. Denn das Berufsbild eines/r GeografIn ist nicht klar definiert – die Tätigkeiten reichen von Projekten der Regionalentwicklung über Kartografie, Geografischen Informationssystemen bis hin zu Umweltbildung, Geomarketing oder Forschung. Meine größte Aufgabe war es nach Abschluss der Ausbildung, mich selbst zu definieren. Der häufigste Satz, den ich sagte: „Ich bin keine Lehrerin.“ Dieses Zuordnungsdilemma bekam beim ersten Gespräch mit meiner AMS-Beraterin kabarettistische Züge. Als meine Beraterin die Berufsbild-Kategorie „Geografin“ in ihrer Maske nicht fand und aus meinen Aussagen nicht schlau wurde, verlor sie die Geduld. Ihre Antworten: „Dann gehen’ s halt auf Saison in die Schweiz“ oder “Gehen’s zum Umweltfest und knüpfen’s Kontakte“. Kommunikationsprobleme waren vorprogrammiert. Dem AMS gelang es nicht, mich ordnungsgemäß zu verwalten und als arbeitsuchend zu registrieren, wodurch ein Akademikertraining möglich gewesen wäre. „Ihr Fall würde die Statistik fälschen“, bekam ich vom Chef des AMS als Antwort, als ich wissen wollte, ob dieser Kommunikationsfehler nicht behoben werden könnte. Jahre später, als ich – bereits umgesattelt - beim größten österreichischen Verlag für Geschichte ein Praktikum machen wollte, wollte ich dieses Akademikertraining in Anspruch nehmen. Man bekommt circa 500 Euro pro Monat vom AMS bezahlt, dafür muss der Chef des Betriebes unterschreiben, dass er nach einem erfolgreichen Praktikum eine Arbeit bieten kann. Der Verlagschef sagte mir aus seinem bequemen Chefsessel unverfroren ins Gesicht, dass er das AMS-Formular gerne unterschreibt um die Förderung zu erhalten, mir aber keinen Job anbieten kann. „Sie wissen ja, die Wirtschaftskrise!“ Ich wechselte in eine Telefonzentrale, wie viele AkademikerInnen, die sich finanziell von der Arbeitssuche erholen müssen. Genau wie Selbständige fallen AbsolventInnen, die noch kein Jahr angestellt waren, aus dem Sozialsystem raus und erhalten keine finanzielle Unterstützung. Nach einem halben Jahr Telefonzentrale zog es mich aufgrund von Unterforderung wieder weg.

Ich musste erneut zum verpflichteten Informationstag des AMS. Ein Teilnehmer, der fünf Minuten zu spät kam, entschuldigte sich höflich. Der Trainer wies ihn ab und meinte: „Zurück zum Schalter, den nächsten Termin holen!“ Ich wollte wissen, warum sich der Herr nicht dazu setzen darf, immerhin sei noch ein Stuhl frei und er hätte noch nichts versäumt. Der Trainer entgegnete: „Bei uns gibt es kein zu spät kommen, das ist Erziehung“. Betretenes Schweigen im Raum.

Um einen Termin zu bekommen, muss man sich anstellen um Stunden später mit der/m BeraterIn sprechen zu dürfen. Ich treffe in der Warteschlange einen Franzosen, der drei Sprachen flüssig spricht und seinen Job als Spediteur verlor. Seine erste wichtige Frage war, an wen er sich wenden könnte, falls er hier keine Antworten auf seine Fragen bekäme. Ich weiß keinen Rat.

Endlich ist es soweit – Stunden später in der Beratungszone, ich habe 15 Minuten Zeit, um mein Anliegen vorzubringen. Mittlerweile suche ich einen Job als Web-Redakteurin – was in der AMS Suchmaske ebenfalls nicht zu finden ist. Daher schickt mich die Beraterin zur Künstlerberatung. So viel Beratung habe ich während meiner gesamten Studienzeit noch nie genossen! Ich habe seit dem Abschluss meines Studiums viel berufliches Lehrgeld bezahlt. Wenn ich damit auch meine Miete bezahlen könnte…



online seit 12.11.2009 10:19:37 (Printausgabe 47)
autorIn und feedback : Ute Mörtl




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