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„What a pity, mein Lohn ist shitty!“

Protest im deutschen Pflegesektor

Seit dem 27. April 09 protestieren in Deutschland Angestellte im ambulanten Assistenz- und Pflegebereich mit dem Versand von gefüllten Kotröhrchen gegen ihre Dumpinglöhne.

„Ein Kotröhrchen ging an: p-control. p-control ist eine Firma fürs Controlling und zum Personalmanagement in der ambulanten Pflege. Dies geschieht nur unter dem Gesichtspunkt der Personalkosten-Reduzierung.“ oder „Ein Kotröhrchen ging an: Hausengel GmbH. "Hausengel" als Name für eine Vermittlungsagentur von Pflegekräften ist schon schlimm, die Bezahlung ist noch schlimmer.“ So und so ähnlich lauten die Stellungnahmen mit denen Beschäftigte aus dem ambulanten Pflege- und Assistenzbereich derzeit den Versand ihrer Protest-Röhrchen auf der Webseite www.jenseits-des-helfersyndroms.de begründen.

Noch bis zum 27. Mai wird hier unter dem Motto „Für das Geld machen wir den Scheiß nicht mehr ... weg!“ zum ersten bundesweiten Scheiß-Streik aufgerufen: „Wir werden den täglich anfallenden Scheiß nicht mehr einfach still schweigend entsorgen, sondern den Scheißefluss unmittelbar zu all den Akteuren umleiten, die für die zunehmend beschissenen Arbeitsbedingungen in diesem Sektor verantwortlich sind. Aus diesem Grund versenden wir einen Monat lang mit Scheiße befüllte Kotröhrchen an unterschiedliche private und gemeinnützige Pflegedienstanbieter, an die paritätischen Wohlfahrtsverbände, politischen Entscheidungsträger, Zeitarbeitsfirmen, Vermittler von ach-so-billigen migrantischen Pflegekräften und alle anderen, die als einzigartiges Interessenskartell dafür sorgen, den gesamten Pflegebereich in den Niedriglohnsektor zu drücken.“

Initiiert wurde diese Protestaktion maßgeblich von Betriebsräten aus dem Bereich der persönlichen Assistenz für Behinderte. Ende letzten Jahres gründeten sie einen bundesweiten Zusammenschluss im Arbeitskreis UAPA, da sich in ihrem Bereich die Arbeitsbedingungen im letzten Jahrzehnt drastisch verschlechtert haben. Für diese Entwicklung steht beispielhaft auch „ambulante dienste e.V.“, ein gemeinnütziger Verein in Berlin, der mit ca. 600 Angestellten zu einem der größten Assistenzanbieter für Behinderte in Deutschland gehört. Hier arbeiten zu 90 % ungelernte Pflegekräfte: StudentInnen, Hausfrauen, MigrantInnen, WissensarbeiterInnen, Kulturschaffende und viele andere, denen die ursprüngliche Ausbildung oder ihre Überzeugungstätigkeit kein oder kein ausreichendes Einkommen verschafft. Anhaltende Reallohnverluste seit etwa 10 Jahren, eine erste nominelle Lohnabsenkung von 10% für alle Neuanstellungen ab 2007 und eine weitere von ca. 20% ab 2008 kennzeichnen die betriebliche Entwicklung. Hinzu kommt das Fehlen von Nachtschichtzulagen und eines vertraglich zugesicherten Arbeitsstundenumfangs.

Der Scheiss-Streik richtet sich jedoch nicht nur an die Beschäftigten der großen Anbieter, sondern auch an die, deren Arbeitsverhältnisse häufig noch schlechter sind, weil sie völlig individualisiert arbeiten. Die Ausdifferenzierung der Arbeitsverhältnisse hat Methode. Aus diesem Grund fehlt nicht nur ein Arbeitgeberverband, sondern auch das gewerkschaftliche Interesse, die häufig ungelernten Beschäftigten zu organisieren. Mehr noch: die gewerkschaftliche Mindestlohndebatte hat bereits jetzt in einigen Bereichen, wo Löhne noch über dem diskutierten Mindestniveau lagen, zu Lohnabsenkungen geführt. Den Kostenträgern ist dies nur recht. Wo Interessen nicht organisiert werden, sind Kompromisse nicht notwendig, d.h. der Kostenträger allein diktiert den Preis. Und mittlerweile will er gar die Arbeitskräfte diktieren: Langzeitarbeitslose werden unter Androhung finanzieller Nachteile in den Pflege- und Assistenzbereich gezwungen.
Dies und das Fehlen klassischer Arbeitskampfmöglichkeiten bildeten die Ausgangslage für eine Online- und Versendeaktion, mit der Öffentlichkeit geschaffen werden soll. Ein Vernetzungs- und Info-Tool für Beschäftigte im Pflegebereich soll installiert werden, damit verantwortliche Akteure benannt und zur Verhandlung gezwungen werden können. Also scheißt und schickt mit!





online seit 13.07.2009 17:12:38 (Printausgabe 46)
autorIn und feedback : Carsten Does und Muchtar Cheik-Dib




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