menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Versichern beflügelt

Wie eine Finanzkooperative ihren finanziellen Alltag organisiert

Bei Geld hört die Freundschaft auf und über Geld spricht man nicht, heißt es so schlecht im Volksmund. Während es für Familien und Ehepaare üblich ist, eine gemeinsame Kasse zu haben und dies auch von staatlicher Seite gefördert wird, bilden andere Formen einer kollektiven Ökonomie eher die Ausnahme. Eine Möglichkeit, sich jenseits dieser Familienökonomie zu organisieren, bilden Finanzkooperativen. Wir sprachen mit zwei Frauen einer Finanzkoop. Die Gruppe gibt es seit November 1999, in ihr sind vier Frauen und zwei Männer organisiert.

Was ist eine Finanzkoop?

Anna: Es gibt verschiedene Formen von Finanzkoops. Hauptmerkmal ist, dass wir eine gemeinsame Ökonomie haben. Das heißt, dass alles Geld, was die Einzelnen verdienen oder was sie sonst so an Einkünften haben, zusammengeworfen wird. Wir haben ein gemeinsames Konto, von dem sich jeder und jede nach Bedarf Geld nimmt. Die meisten haben aber auch nach wie vor ihr eigenes Konto. Das ist notwendig, wenn mensch Staatsgelder, wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Ähnliches, bezieht.

Wie entstand die Idee, eine Finanzkoop zu gründen?

Anna: Über persönliche Kontakte zu anderen Finanzkoops haben wir 1999 angefangen, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Zur gleichen Zeit gab es in Marburg den sogenannten Breakfast Club. Das war eine Veranstaltungsreihe zum Thema kollektiv wohnen, leben und arbeiten. Der Hintergrund für den Breakfast Club war die Situation von einigen, die sich kurz vor oder nach Studiumsende befanden. Nach dem Studium wächst der äußere Druck, in den Beruf einsteigen zu müssen. Viele haben dann keine Zeit mehr, sich politisch zu engagieren oder sich gemeinsam über ihre Ökonomie auszutauschen.

Habt ihr Erspartes?

Kerstin: Einige von uns haben Erspartes, wie einen Bausparvertrag oder auch Geld, das sie geerbt haben. Das läuft bisher noch separat. Wobei wir ein kollektives Sparkonto haben, auf dem sich ein Teil des Ersparten befindet. Außerdem versuchen wir monatlich Geld für das Sparkonto abzuzweigen. Das ist ein Versuch, erst mal klein anzufangen und nur die laufenden Kosten zu teilen. Wir wussten ja anfangs auch nicht, wie das mit der gemeinsamen Ökonomie so läuft.

Wie oft trefft ihr euch und wie läuft so ein Treffen ab?

Kerstin: Da wir in drei verschiedenen Städten wohnen, in Hamburg, Bremen und in Wien, treffen wir uns etwa alle zwei Monate für ein Wochenende. Meistens fangen wir mit einer Runde an: Wie geht es uns, was steht an und was ist in persönlicher und ökonomischer Hinsicht passiert? Dann haben wir verschiedene Tagesordnungspunkte, wie zum Beispiel größere Ausgaben, Versicherungen oder Behördengänge. Das bewegt sich viel auf dieser organisatorischen Ebene, wir führen relativ wenig Grundsatzdiskussionen.

Anna: Trotz des Orgakrams, der immer viel Zeit in Anspruch nimmt, ist die Finanzkoop ein wichtiger Kreis, um zu diskutieren, was eigentlich in diesem Umbruch vom Studium zum Beruf passiert. Wir können uns über Ängste austauschen, die diese Ökonomie in einem erzeugt, wenn mensch nicht jeden Scheißjob annehmen will oder wenn das eigene Studium nicht daran ausgerichtet war, optimal verwertbar zu sein. Die Finanzkoop bietet uns einen Rahmen, eigene Vorstellungen und Wünsche zu entwickeln und zu leben.

Gibt es große Unterschiede in dem, was die Einzelnen verdienen?

Kerstin: Leute, die richtig dick verdienen, haben wir nicht. Bisher gibt es kein großes Gefälle und auch keine Leute, die gar kein Einkommen haben. Das niedrigste Einkommen liegt bei 800 und das höchste bei 1400 Euro. Das bewegt sich also alles in einer Spannbreite, die am unteren Ende der Lohnskala angesiedelt ist.

Hat sich euer Verhältnis zu Geld durch die Finanzkoop geändert?

Anna: Ich hab früher eher mehr Geld ausgegeben. Was ich auch von anderen Finanzkoops kenne, ist, dass jeder grundsätzlich mehr Probleme damit hat, Geld zu nehmen als zu geben. Die anfängliche Befürchtung, die oft im Raum steht, dass wir die anderen kontrollieren, wie viel sie ausgeben, hat sich bei uns nicht bewahrheitet. Das schlechte Gewissen entsteht eher darüber, ob mir das Geld jetzt zusteht und ob es nicht andere nötiger haben als ich.
Kerstin: Ich weiß zum Beispiel gar nicht, was ich im Monat ausgebe. Früher war klar, wenn du sparst, hast du hinterher 200 Euro mehr auf dem Konto. Jetzt kann es sein, dass du sparst und hinterher ist das Geld weg. Oder du hast das Gefühl, du gibst in einem Monat sehr viel aus und trotzdem ist noch Geld auf dem Konto. Für mich ist es eine große Bereicherung, dass ich nicht mehr so auf jeden Cent achten muss.

Hat sich euer Verhältnis zur Arbeit geändert? Entfällt der Zwang, Geld zu beschaffen?

Anna: Die Zwangslage, Geld zu besorgen, bleibt natürlich. Im schlechten Fall kann die Finanzkoop auch den Druck für die Einzelnen erhöhen, Geld zu verdienen, weil es sonst nicht mehr funktioniert. Der eigentliche Wert einer Finanzkoop ist, dass der absolute Druck, den so eine Ökonomie hat, weggenommen wird. Bei mir gab es zum Beispiel die Situation, dass bei meinem Job zwei ausländischen Kollegen gekündigt wurde. Dies geschah auf Grund des rassistischen Gesetzes, wonach Deutsche ein Vortrittsrecht bei Jobs haben. Ich dachte, na ja, wir brauchen die Kohle, aber der Rest der Koop hat gesagt: Nix da, du kündigst, das machen wir nicht mit.

Spielt der „Versicherungs-„ oder „Absicherungsgedanke“ eine
Rolle? Wenn ja, in welcher Form?


Kerstin: Wenn man sich unsere Einkommensskala so anguckt, könnte man zynisch von kollektiver Armutsverwaltung reden, denn viel zu verteilen gibt es bei uns ja nicht. Das gilt erst recht für finanzielle Absicherungen wie private Rentenvorsorge oder das berühmte Sparen fürs Eigenheim. Dafür reicht die Kohle nicht. Aber das steht auch nicht im Focus der Koop, sondern wir schauen eher, wie wir uns solidarisch in dem Versuch, anders zu leben, unterstützen können. Diese Unterstützung läuft nicht nur rein finanziell. Das kann auch heißen, dass man jemanden den Rücken frei hält, damit er seine Abschlussarbeit schreiben kann oder dass wir gemeinsam recherchieren, welche Zahnzusatzversicherung günstig ist. In Bezug auf die Absicherung im Alter vertrauen wir eher nicht auf Riester oder andere private Vorsorgesysteme, sondern setzen stärker auf kollektive Wohn- und Lebensformen, wie zum Beispiel auf genossenschaftliche Wohnprojekte.

Was unterscheidet euch von Eheleuten, die ihr Geld zusammenlegen?

Anna: Nichts, außer dass wir eine Wahlverwandtschaft sind. Irgendwie ist es schon vergleichbar mit einer Familienökonomie.

Kerstin: Es gibt schon Unterschiede: Die emotionale und ökonomische Abhängigkeit, die Kids von ihren Eltern haben, gibt es bei uns nicht. Es ist ein bewussterer, aktiverer und selbstbestimmterer Umgang, die Kohle zu händeln, ohne dass ein psychischer Druck oder eine Erwartungshaltung aufgebaut wird.

Gibt es auch Probleme / Konflikte und wenn ja, welche?

Kerstin: Klar gibt es die, wie in jeder Familie. Wir hatten ein Pärchen in der Koop, das - als die Frau schwanger wurde - sich gemeinsam gegen die Koop entschied und in die typische Zweierökonomie gewechselt hat. Wir haben es damals nicht hinbekommen, bestimmte Ängste und Bedürfnisse, die mit der Familiengründung einhergingen, kollektiv aufzufangen: Reicht das Geld für ein Kind? Können wir Geld ansparen und wie verbindlich ist unsere Struktur eigentlich? Da gab es große Befürchtungen, dass die Koop nur eine Zwischenlösung und nicht wirklich tragfähig sei, was dann letzlich auch zum Ausstieg der beiden geführt hat. Nun wird wieder jemand aus der Koop Mutter und wir freuen uns auf das Kind.

Gibt es eigentlich Regelungen, wie damit umgegangen wird, wenn
Personen aussteigen wollen?


Anna: Da wir ja nur die laufenden Kosten teilen, ist das kein Problem und die Person muss eigentlich nur ihre EC-Karte zum Kollektivkonto abgeben. Wir wohnen ja nicht zusammen und haben auch sonst keine gemeinsamen Güter. Viel wichtiger ist, dass es erst gar nicht zu einem Austritt kommt, der ja oft auch mit persönlichen Verletzungen einhergeht. Dies geht nur, indem alle ihre Wünsche und Bedürfnisse rechtzeitig artikulieren können und auch Konflikte oder Neidgedanken, wie zum Beispiel: „Du fährst aber oft in den Urlaub“, direkt angesprochen werden.

Wie hat sich Euer Projekt seit 1999 entwickelt?

Kerstin: Am Anfang war bei manchen der Gedanke da, dass wir irgendwann auch mal ein gemeinsames Kollektiv oder ähnliches gründen. Ursprünglich wohnten wir alle in der gleichen Stadt und bewegten uns in dergleichen linken Szene. Dann gab es eine Phase, wo wir nach und nach unsere Studienabschlüsse machten und uns dort gegenseitig unterstützen konnten. Die Gruppe hat sich m.E. auch als ein Ort bewährt, wo berufliche Entscheidungen der Einzelnen besprochen werden können und es immer wieder Unterstützung für Neuanfänge gab. Für mich waren diese Runden, in denen wir uns über berufliche Optionen und Schwierigkeiten ausgetauscht haben, sehr wichtig und sei es nur, weil man sich mit manchen Schwierigkeiten (z.B. Umgang mit Hierarchien in Betrieben) nicht so allein fühlt.

Die Herausforderung der nächsten Jahre wird sicherlich sein, unterschiedliche Lebensrealitäten und Berufsalltage mit unserer Ökonomie und Freundschaft unterstützend zu begleiten. Wir werden wahrscheinlich mehr lebensweltliche Differenzen aushalten müssen als früher. Das macht es aber auch zu einem spannenden Projekt.

Was sind die wichtigsten Erfahrungen, die ihr seitdem mit dem Projekt
gemacht habt?


Anna: Das wichtigste ist wahrscheinlich die Erfahrung, dass es funktioniert. Es gab sicherlich Zeiten, in denen ich eher „eingezahlt“ habe, ich hatte aber nie das Gefühl, es wird mir da was weggenommen oder so. Und andersherum gab es Phasen, da konnte ich Sachen machen, die ich ohne die Koop nicht hätte machen können, meinen Führerschein z.B. oder Urlaub dieses Jahr. Es ist schön, dass ich da nun niemandem etwas zurückzahlen muss. Gleichzeitig bleibt natürlich immer die Last, dass das Geld aktuell irgendwie für alle reichen muss. Unsere Einkommenssituation ist - wie gesagt - eher prekär und natürlich wäre es schön, wir hätten mehr zu verteilen. Die Erfahrung der letzten Jahre ist aber auch: irgendwie bekommen wir das hin. Mal verdient der eine mehr, mal die andere.

Kerstin: Das Schöne ist, dass das Geldteilen an sich normal wird. Man nimmt es selbst nicht mehr wahr, dass diese Form der Ökonomie etwas Besonderes ist und merkt dann erst an den Reaktionen von anderen, dass dies mit großen Vorbehalten behaftet ist.

Glaubt ihr, dass ihr euch konträr zur herrschenden Ökonomie verhaltet?

Anna: Zunächst haben Finanzkoops nicht per se einen emanzipatorischen Charakter, weil es eine passive Reaktion ist. Es geht nicht mehr um eine gesellschaftliche Organisation von Solidarität, sondern um eine mehr und mehr private. Reichere Leute spenden für Ärmere, ohne dass das Kapitalverhältnis angegriffen wird. Mit der Finanzkoop nehmen wir dem Staat einen Teil seiner Aufgaben ab. Das kommt der herrschenden Debatte über Privatversicherungen ganz entgegen. Auf der anderen Seite versuchen wir die traditionelle Familienökonomie aufzulösen, indem wir nicht in die Kleinfamilienfalle tappen.

Kerstin: Trotzdem finde ich, dass eine Koop auf der individuellen Ebene eine große Herausforderung ist. Finanzkoops bieten die Möglichkeit, eine Verweigerungshaltung zu entwickeln und diese auch zu organisieren. Diese Leistungsverweigerung wird ja immer als Ausnutzen der sozialen Hängematte gebrandmarkt. Der eigentliche Druck besteht darin, dass du irgendwann keine Kohle mehr hast, irgendwann sind die Förderungsprojekte zu Ende, irgendwann muss du dich in den Produktionsprozess begeben und Arbeit machen, die du vielleicht gar nicht machen willst. Genau an diesem Punkt setzt die Finanzkoop ein. Wir ermöglichen uns gegenseitig, weiterhin nicht in Sektoren reinzumüssen, wo wir uns über ein erträgliches Maß hinaus verwerten müssen. Das ist für mich ein ganz wichtiger Wert.

Anna: Ich habe vorher Spende gesagt. Aber im Grunde ist die Koop schon etwas anderes als eine Spende von einem Reicheren zu einem Ärmeren. Sie ist ein ganz selbstverständlicher Ausgleich; die Einkommensposition bestimmt nicht über das Zugriffsrecht aufs Geld. Für mich ist auch der interne Ausgleich wichtig. Die Lohndifferenzen, die es in unserer Gesellschaft gibt, lassen sich ja kaum als gerecht verkaufen. Wenn jemand z.B. mit Fußballspielen Millionen verdient und andere für ein ganzes Leben Familienarbeit fast nichts, dann ist das kein Ausdruck von Leistungsgerechtigkeit oder sonst was, sondern im besten Fall ein Zeichen für falsche Prioritäten, die eine Gesellschaft setzt. Gut, bei uns spielt nun niemand so erfolgreich Fußball: Pech gehabt.

Welche Impulse gehen von eurer Finanzkoop nach außen?

Kerstin: Einen Missionscharakter nach außen hab ich nicht. Aber wenn wir mit anderen über unsere Finanzkoop diskutieren, dann kann das für sie ein Anstoß sein, über ihre eigene Ökonomie nachzudenken. Unser Modell ist kein Idealmodell, das auf alle übertragbar ist. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir unser Modell erweitern, indem wir beispielsweise Illegalisierte aufnehmen. Auch eine Vernetzung von verschiedenen Finanzkoops kann sinnvoll sein, um kollektive Projekte zu initiieren. Das würde dann von diesem individuellen, persönlichen Ansatz ein bisschen weggehen. Als Perspektive finde ich das sehr spannend.

Worin seht ihr weitere (politische) Perspektiven?

Anna: Arbeitszeitverkürzung, Umverteilung, Grundsicherung und Demokratisierung bzw. Kollektivierung von Produktionsmitteln und all das andere Gute, für das die Linke häufig eintritt. Ich denke da inzwischen aber auch sehr reformistisch: Wichtig scheint mir, dass man – trotz aller Ambivalenz – die jeweiligen, konkreten Emanzipationsmöglichkeiten auslotet. Die Finanzkoop kann da m.E. eine alltägliche Praxis sein, die zeigt, dass andere Formen einer solidarischeren Ökonomie denk- und machbar sind.



Teile des Interviews erschienen erstmals in der Zeitschrift ak, analyse und kritik, Nr. 452 vom 5.7.01 (www.akweb.de). Es wurde für MALMOE aktualisiert und ergänzt.


online seit 25.08.2008 10:21:46 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : verdienen


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/verdienen/1668Privatversichern ohne Profit: Welche Potenziale haben solidarische Versicherungsinitiativen?



Feministische Ökonomie #6

Welcome to Prison Island
[01.10.2018,Dr. Ingo Schneepflug]


Feministische Ökonomie #5

Ökonomie und Gewalt
[28.09.2018,Dr. Ingo Schneepflug]


Privatisierung des ­Menschenrechts

Während die FPÖ sich ihren Lagerfantasien hingibt, wittern ÖVP-nahe Firmen unterdessen gute Geschäfte mit der Unterbringung von Schutzsuchenden
[02.05.2018,Bernadette Schönangerer ]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten