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  Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich

Vermögen entzieht sich gern, auch der Analyse

In der jüngsten Debatte um die Steuerreform drehte sich alles um einen ominösen Mittelstand und dessen dringend gebotene Entlastung, so als gäbe es keine Armen und auch keine Reichen, und so als wäre nicht die Belastung von letzteren das wirtschaftspolitisch vordringliche Thema.

Reichtum entzieht sich offenbar nicht nur der Besteuerung, wie die Abschaffung von Vermögenssteuer und zuletzt Erbschaftssteuer eindrucksvoll zeigt und die geplante „Vermögenszuwachssteuer“ mit zig Ausnahmen nicht widerlegt, sondern überhaupt der öffentlichen Diskussion. Reichtum achtet auf soziale Distanz. Ein Symptom hierfür ist, dass es in der Forschung über Vermögensverteilung mehr offene Fragen als Antworten gibt.

Erstes Problem: Es gibt wenig Daten. Deshalb behilft man sich gern mit Umfragen. Die Vielzahl von jüngst angelaufenen Haushaltsbefragungen zu Vermögen weckt aber trügerische Hoffnungen. Da die Teilnahme an Vermögensbefragungen freiwillig erfolgt und Vermögensfragen, speziell von reichen Menschen, ungern bzw. gar nicht beantwortet werden, finden sich selten Reiche in den Stichproben. Die Befragungsergebnisse weisen einen Mittelschichts-Bias auf. Obdachlose und AnstaltsinsassInnen werden nicht erfasst und Reiche entziehen sich indiskreten Vermögensfragen. Zur Erforschung des privaten Vermögensreichtums wäre staatlicher Zwang zur Informationsoffenlegung notwendig. Dass dies in vielen Ländern nicht einmal politisch gefordert wird, veranschaulicht die gesellschaftlichen Machtverhältnisse eindrucksvoll.

Zweites Problem: Ab welchem Schwellenwert kann von Reichtum gesprochen werden? Beliebte Koketterie der Reicher ist ja ein bescheidenes „Ich bin wohlhabend, aber nicht reich“. Vermögensreichtum wird im deutschen Armuts- und Reichtumsbericht u. a. über den Anteil derjenigen Personen bestimmt, deren Vermögenseinkommen ein Vielfaches des durchschnittlichen Äquivalenzeinkommens beträgt. Doch wie viel ist da richtig? Im Grunde bleiben alle Reichtumsschwellenwerte willkürlich.

Vielleicht noch wichtiger ist ein drittes Problem: Worin besteht überhaupt Reichtum? Während Einkommen und Finanzvermögen noch relativ leicht messbar sind, stößt die Bewertung anderer Vermögensbestandteile auf Schwierigkeiten: Für Immobilien, Kunstbesitz und Unternehmensanteile sind nicht immer Marktpreise aufzutreiben, und am Arbeitsmarkt gefragte Kompetenzen oder gewinnbringende soziale Kontakte sind überhaupt kaum zu beziffern, obwohl sie sicherlich entscheidend zum Vermögen von Reichen zählen.

Politisch besonders brisant, und damit sind wir bei einem vierten Problem, ist die Analyse der Verwendung von Reichtum. Vermögen kann folgende Funktionen erfüllen:
(1) Einkommenserzielung: Vermögen erbringt Einkommen in Form von Dividenden, Mieten, Pachten, Zinsen oder ausgeschütteten Gewinnen.
(2) Nutzung: Sachvermögen kann für Produktions- und Konsumzwecke verwendet werden.
(3) Sicherung: Vermögen kann für Notfällen angespart werden („Notgroschen“).
(4) Transformation: Durch Vermögensaufbau kann das Einkommen auf verschiedene Zeitperioden und über Generationen (Erben und Schenken) verschoben werden.
(5) Macht: Größere Vermögen verleihen gesellschaftlichen Status und politisch-ökonomischen Einfluss.

Einige dieser Funktionen können für alle Vermögensbesitzenden wichtig sein (Einkommenserzielung und Nutzung). Andere sind vorrangig für die Reichen (Vererbung, Macht und Status) und wieder andere insbesondere für einkommensarme Menschen (Notgroschen) entscheidend. Nur die ersten drei Funktionen stehen im Zentrum der ökonomischen Forschung. Die Untersuchung jener Vermögensfunktionen, die v.a. für die Reichen von Interesse sind, wird in der ökonomischen Literatur fast vollständig vernachlässigt.

Der Willkür und normativen Bedeutungslosigkeit von statistischen Schwellenwerten für Armut und Reichtum könnte durch eine Rückkoppelung des Begriffspaares Arm / Reich an das Gemeinwesen entgangen werden. Im Gemeinwesen gelten bestimmte politische Gleichheitsideen und Vorstellungen von gleichen sozialen Teilhabemöglichkeiten. Massive Armut, aber auch exzessiver Reichtum gefährden eine Gesellschaft in ihrem sozialen Zusammenhalt. Während Armut geringere soziale Teilhabe und geringere politische Mitgestaltung impliziert, bedeutet Reichtum ein Übermaß an politischen Einflussmöglichkeiten. Reiche können sich freiwillig sozial ausgrenzen via Privatschulen, privater Gesundheitsvorsorge und privat gesicherten Wohngegenden. Diese Nutzung knapper Ressourcen geht stets auf Kosten von Ärmeren.

Grundsätzlich impliziert Vermögenskonzentration auch Konzentration von Macht und damit einhergehend die Möglichkeit, demokratische Institutionen inhaltlich auszuhöhlen. Diese Frage der Zerstörung von Demokratie durch eine Refeudalisierung gerät in der üblichen wissenschaftlichen Arbeitsteilung meist aus dem Blick. Man konzentriert sich etwa auf Kinderarmut oder Exzesse beim Managementeinkommen und vernachlässigt bzw. negiert das bekannte Brechtsche Diktum: „Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Denn dann wären wir auch schnell bei der Frage der Reichtumsentstehung, beim Thema gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Solche Fragen tauchen bei der aktuellen Steuerreformdebatte über eine vermögensbasierte Einnahmenquelle gar nicht erst auf.


online seit 03.07.2008 12:30:52 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : Martin Schürz




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