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  Aus dem U ein O machen

Wie österreichische und deutsche Gewerkschaften versuchen, die Unorganisierten zu organisieren, dokumentiert ein aktueller Sammelband.

Österreichische und deutsche Gewerkschaften orientieren sich noch immer am Leitmodell des männlich/weiß konnotierten „Normalarbeitsverhältnisses“. Mit der stärkeren Verbreitung „atypischer“ Beschäftigung wird dieses jedoch zunehmend auch von gewerkschaftlicher Seite als ein Auslaufmodell wahrgenommen – gerade vor dem Hintergrund schwindender Mitgliederzahlen erscheint für Gewerkschaften eine Organisierung der „unorganisierten Atypischen“ relevant. Wie diffizil sich diese Hinwendung allerdings bislang gestaltete, zeigt der kürzlich erschienene Sammelband „Die Unorganisierten gewinnen. Gewerkschaftliche Rekrutierung und Interessenvertretung atypisch Beschäftigter – ein deutsch-österreichischer Vergleich“, herausgegeben von der österreichischen Wirtschaftssoziologin Susanne Pernicka und dem deutschen Politologen Andreas Aust.

Das Buch speist sich aus Ergebnissen des Forschungsprojektes „Arbeitsgesellschaft und industrielle Demokratie in Europa“, das die seit den 1990ern stärker werdenden gewerkschaftlichen Bemühungen um die „atypische“ Klientel nachzeichnet. Neben den Organisierungsstrategien, mit denen die Gewerkschaften versuchen, die Lücke über dem U der Unorganisierten zu schließen, nahm das Projekt auch die derzeitige Organisationsbereitschaft der Unorganisierten in den Blick. Da dieses ambitionierte Unterfangen nur unter bestimmten Einschränkungen möglich ist, fokussiert die Bestandsaufnahme auf die relativ stark von atypischer Beschäftigung betroffenen Bereiche Erwachsenenbildung, Call Center und Elektroindustrie, in denen insgesamt 18 Unternehmensfallstudien durchgeführt wurden.

Dem empirischen Teil des Sammelbandes ist ein theoretisches Kapitel vorangestellt, in dem Susanne Pernicka und Hajo Host die Gewerkschaftsstrategien – von Kollektivvertrags- bis zur Kampagnenstrategie – analysieren. Die folgenden Kapitel sind immer einem der drei Wirtschaftsbereiche gewidmet – ergänzt auch noch um einen Beitrag zur Organisierung in der Medien- und Kulturindustrie. Im Abschnitt über die Solo-Selbständigen in der Erwachsenenbildung stellen die AutorInnen beispielsweise fest, dass die gewerkschaftliche Dienstleistungsstrategie hier eine größere Rolle als die Kampagnenstrategie spielt und dass der derzeitige Organisierungsgrad für diese Beschäftigungsgruppe in den beiden Ländern gering ist. In der weiblich dominierten Call-Center-Arbeit wird für Österreich vor allem seit 2005 ein Schwerpunktbereich der gewerkschaftlichen Organisierung ausgemacht. Kapitel 6 fragt schließlich provokant im Titel, ob es sich bei der Leiharbeit in der Elektroindustrie um „modernen Sklavenhandel“ handelt. Deutlich wird darin zumindest wie Gewerkschaften und die mehrheitlich männlichen Leiharbeiter dieser Arbeitsform gegenüberstehen: ablehnend. Auf den gewerkschaftlichen Fahnen steht die Regulierung der Branche und weniger eine Organisierung der LeiharbeiterInnen geschrieben. Erschwerend auf die Organisierungsbemühungen wirkt sich nämlich die unter den Betroffenen dominierende Einschätzung der Leiharbeit, als von äußeren Umständen erzwungene Notlösung, aus.

Da sich die industriellen Beziehungen in Österreich und Deutschland sehr ähneln, kommt nach 300 Seiten allerdings schon einmal der Wunsch auf, den Horizont über die deutschsprachigen Grenzen zu erweitern. Während die einzelnen Fallstudien sehr ins Detail gehen, finden die LeserInnen schließlich im letzten Kapitel eine konzentrierte Zusammenfassung der zentralen Aussagen und Schlüsse aus den Branchenbeispielen. Wie in den anderen Kapiteln klingen aber auch in diesem nur am Rande alternative Strategien und Zukunftsperspektiven der gewerkschaftlichen Organisierung an – das gestand Mitautor Hajo Holst bei der Präsentation des Buches selbst ein. Diese offene Selbstkritik mag jedoch nicht die sich aufdrängende Frage verbergen: Handelt es sich dabei um ein Versäumnis der WissenschafterInnen oder der Gewerkschaften? Die Klärung, ob das U mit den bisherigen Gewerkschaftsstrategien zu einem O formbar ist, bleibt wohl auch nach der Lektüre des Sammelbandes offen.




Pernicka, Susanne/Aust, Andreas (Hrsg.Innen) (2007): Die Unorganisierten gewinnen. Gewerkschaftliche Rekrutierung und Interessenvertretung atypisch Beschäftigter – ein deutsch-österreichischer Vergleich. Berlin: edition sigma.



online seit 10.09.2007 14:23:17 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : Claudia Schwarz




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