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  Baby Trustafarian

Jedes britische Baby muss an die Börse. So werden die Eltern zum Glauben an die Finanzmärkte erzogen.

Pünktlich alle halben Jahre und einmal zu ihrem Geburtstag kommt jeweils ein freundlicher Brief von The Children‘s Mutual, dem Finanzunternehmen, das sich dem Wohlergehen unserer vierjährigen Tochter widmet. Im Gegensatz zu ihrem ein paar Jahre zu früh geborenen Bruder ist Emma nämlich jetzt schon ein Trustafarian, Nutznießerin des sogenannten Child Trust Fund, einer der philanthropischen Ideen des langdienenden britischen Schatzkanzlers Gordon Brown.

Nun gehöre ich ja zu der Sorte finanziell chronisch Uninteressierter, die beim bloßen Gedanken an Börsengeschäfte akute Migräne entwickeln, also genau die Zielgruppe, die die Regierung im Kopf hatte, als sie zu dieser erzieherischen Maßnahme griff.

Wir ambitionslose Finanzmuffel sollten durch ein pädagogisches Geschenk auf Linie gebracht werden, und so bekam Emma den nicht unerheblichen Betrag von 250 Pfund, umgerechnet ca. €375 als Einzahlung in eine Anleihe gestiftet, in den wir bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag monatlich bis zu €150 einzahlen dürfen, auf dass ihr Geld sich fruchtbar vermehre.

Aus einer Liste verschiedenster Finanzunternehmen suchten wir uns das mit der Co-Operative Bank assoziierte aus, weil die getreu ihrem ethischen Investitionskodex die pekuniäre Potenz unseres Nachwuchses wenigstens nicht mit Waffenhandel fördern sollte. Über die Jahre wird die Regierung noch zweimal den Grundbetrag nachschießen, der Rest liegt an uns.

Mittlerweile ist also wieder der Lenz ins Land gezogen, und ich hab den Jänner-Brief vom Children‘s Trust Fund aus den untersten Schichten des Nicht-zum-Wegwerfen-aber-auch-nicht-so-dringenden Post-Stapels am Küchenfensterbrett hervorgezogen. Schau an, wenn wir bis Mitte März einen Überweisungsauftrag von umgerechnet €15 pro Monat eingerichtet hätten, dann hätten sie uns dafür einen Gutschein des doppelten Werts bei Amazon.co.uk geschenkt. Wieso die Freigiebkeit? Könnte es etwa sein, dass wir nicht die einzigen Rabeneltern sind, die ihrer Kinder Trust Funds unberührt herumliegen lassen?

Der Tonfall dieser Werbebriefe zielt jedenfalls direkt in Richtung schlechtes Gewissen. Wir werden darauf hingewiesen, dass der Beitrag der Regierung zu Emmas Trust Fund „nicht genug sein wird, um ihrem Kind zur Verwirklichung ihrer Zukunftsträume zu verhelfen.“ Die da wären: Ein „anständiges“ erstes Auto um umgerechnet rund €15.000. Eine Hochzeit inklusive Flitterwochen um €33.000 Pfund. Der Grundbetrag für eine Hypothek auf das erste Eigenheim um optimistisch geschätzte €34.000. Oder, der dickste Brummer, €55.500 für die hierzulande regulären drei Jahre Studium, ein Betrag der sich bei regelmäßiger Maximaleinzahlung von rund €150 pro Monat erreichen lassen sollte (in Klammer der Hinweis, das nach den jüngsten Plänen der Regierung die von Labour vor neun Jahren eingeführten Studiengebühren je nach Marktwert der jeweiligen Uni noch erheblich steigen könnten, ganz zu schweigen von der Inflation...).

„Jetzt ist die richtige Zeit, dem Kind zu helfen, das sie lieben“, steht gleich neben dem Foto einer lächelnden Infantin, gefolgt von der bei jedem karitativen Zweck unvermeidlich ausgepackten Universalmotivationsformel: „Make a difference.“

Die hilfreichen FinanzexpertInnen bieten sogar ein paar Ratschläge an, wie wir die dazu nötigen Mittel aufbringen könnten. Zum Beispiel, indem wir unsere Kinderbeihilfe komplett in die Anleihe investieren. Ein Abverkauf nicht mehr benötigten Babyzubehörs würde uns bis zu €450 einbringen. Und wenn wir jeden Tag die Münzen aus unseren Brieftaschen ins Sparschwein leeren, kämen dabei durchschnittlich €15 die Woche raus. Wie sowas errechnet wird, würd ich ja gern wissen. Verschuldete Familien, die - wie in Großbritannien üblich - mangels Barschaft alles mit Plastik zahlen, kriegen schließlich kein Wechselgeld.

Der wahre Haken an der Sache liegt allerdings im blautönig kleingedruckten Hinweis, dass niemand sicher sagen könnte, wieviel der Child Trust Fund an Emmas 18. Geburtstag nun wirklich wert sein wird, wiewohl die langfristige Prognose statistisch gesehen besser stünde als bei einem Sparbuch.

Ab diesem Punkt wird die Sache also zur Glaubensfrage, und der puritanische Predigersohn Gordon Brown weiß, dass nur die, die ihn auch praktizieren, ihrem Glauben an den Segen des Finanzmarkts die Treue halten werden. Uns hat er - wie alle Eltern - auch eingeschrieben, nur Kirchenbeitrag zahlen wir einstweilen keinen. Aber können wir auf Dauer damit leben, dass Emma unsretwegen nicht in den Himmel kommt?






online seit 27.06.2007 13:25:21 (Printausgabe 37)
autorIn und feedback : Robert Rotifer




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